Hückelhoven - High-Tech-Textilien: Von der Rur zum Export weltweit

High-Tech-Textilien: Von der Rur zum Export weltweit

Von: Norbert F. Schuldei
Letzte Aktualisierung:
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Uli Minholz ist seit 30 Jahren bei der Firma Mehler Texnologies beschäftigt. Als Produktionsleiter im Hückelhovener Werk an der Rheinstraße hat er von seiner höheren Warte aus alles im Blick. Foto: N. Schuldei
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Luisa Neumann leitet das Projekt ILTIS, Christian Callhoff ist Forschungs- und Entwicklungsdirektor.
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Die Fassade und Überdachung des Fußballstadions in Posen wurde für die Fußballeuropameisterschaft 2012 von Mehler in Hückelhoven geliefert.

Hückelhoven. „Früher“, sagt Christian Callhoff, „früher habe ich mich immer über die Lastwagen auf der Autobahn geärgert. Heute freue ich mich, wenn ich einen Lastwagen sehe“. Der abrupte Sinneswandel hat, das darf man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermuten, im März 2007 stattgefunden. Seitdem nämlich ist Christian Callhoff Director Research and Development, auf deutsch Forschungs- und Entwicklungsdirektor, der Firma Mehler Texnologies.

Das Unternehmen ist in Hückelhoven an der Rheinstraße angesiedelt. Und gehört zu den führenden Firmen im Bereich der beschichteten Textilien. Weltweit.

Nein, nicht mehr nur Abdeckungsplanen für Lastkraftwagen oder Flugcontainer werden in unmittelbarer Nähe des alten Förderturms von Schacht 3 produziert – die Firma Mehler Texnologies stellt die technischen Textilien für Markisen und Sonnensegeln, Abdeckungen von Biogasanlagen, Öl- und Abwasserbehälter ebenso her wie solche für digital bedruckte Werbeträger, für Schlauch- und Raftingboote oder auch für Gelenkbusse.

Fußballstadien gehören auch in die „Produktpalette“ der Hückelhovener Firma: Beim Municipal Stadium Miejski w Poznaniu im polnischen Posen, das für die Fußballeuropameisterschaft 2012 erreichtet wurde, stammt die Fassade und Überdachung von Mehler. Rund 52 000 Quadratmeter Gewebe Valmex FR 1400 Mehatop F, wie das Material genau heißt, wurde dort verbaut.

„Wir beschäftigen hier 160 Mitarbeiter“, sagt Callhoff. Was man nicht vermutet, wenn man die Rheinstraße in Richtung Landabsatz rausfährt: In der Halle an der Rheinstraße werden rund 25 Millionen Quadratmeter High Tech-Folie im Jahr produziert. Sie wird unter den Markennamen Valmex, Polymar und Airtex an Kunden, oft Unternehmen der weiterverarbeitenden Industrie, in mehr als 80 Ländern „all over the world“ vertrieben.

Aber natürlich finden die in Hückelhoven produzierten beschichteten Gewebe auch Verwendung im privaten Bereich, etwa bei Campingzelten, Sportmatten oder auch Rolltoren. „Wir sind mittlerweile fast ausschließlich auf die Herstellung von Planen mit Funktionscharakter eingestellt“, sagt Christian Callhoff.

Wo früher, also in Zeiten, als High Tech noch ein Fremdwort war, mit Blei, Eternit oder anderen Materialien verkleidet wurde, werden heute in der Regel technische Textilien verwendet. Und auf diesem Markt zählt die Mehler Texnologies GmbH zu der vielleicht Handvoll führenden Unternehmen weltweit.

600 Mitarbeiter insgesamt

Die Hückelhovener Firma – neben dem Werk an der Rur gibt es noch eine Niederlassung in Fulda sowie ein Werk im tschechischen Lomnice, insgesamt beschäftigt man mit den Vertriebsgesellschaften rund 600 Mitarbeiter und produziert rund 55 Millionen Quadratmeter Funktionsplane pro Jahr - hatte vor wenigen Tagen Besuch von Thomas Rachel. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hatte einen Scheck über 32 000 Euro im Gepäck.

Der ist als Anerkennung für die „Forschung im Bereich innovativer Anwendungen für technische Textilien“ der Firma gedacht. Mit drei weiteren Partnern arbeitet Mehler nämlich unter dem Projektnamen „ILTIS“ an der Entwicklung besonders beschichteter Textilien: Sie sollen zwar Licht durchlassen, aber keinen Wärmestau verursachen.

ILTIS, das steht für „Infrarot-opake, transparente, leitfähige Textilausstattungen mit Indium-freien kolloidalen Nanokomposit-Systemen“. Mein lieber Scholli. Und was heißt das jetzt allgemein verständlich? Welche Anwendungsbereiche werden damit angepeilt? „Das kann ganz konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben haben“, sagt Callhoff.

„Durch den Einsatz dieser neuen Textilien beim Bauen“, ergänzt Luisa Neumann, die für das Projekt zuständige Ingenieurin, „muss man weniger klimatisieren, man spart also Energie. Oder beim Einsatz dieser Textilie in der Automobilindustrie: Die Luft gleitet besser, das Auto verbraucht weniger Sprit“.

Die Hückelhovener arbeiten nicht nur bei diesem Projekt eng mit den umliegenden Hochschulen zusammen: „Ja, bei der Grundlagenforschung kooperieren wir sowohl mit der FH Niederrhein in Mönchengladbach als auch mit der RWTH in Aachen und dem Deutschen Wollforschungsinstitut DWI“, sagt Luisa Neumann.

„Sprung in eine neue Zeit“

Christian Callhoff spricht von einem „Quantensprung, den wir derzeit machen“. Auch in dem großen Labor am Standort Hückelhoven trägt Mehler Texnologies zu diesem textilen „Sprung in eine neue Zeit“ (Callhoff) dazu bei, die Entwicklung von so genannten „schlauen Materialien“ voranzutreiben. Für die Stadt, die die Fokussierung auf Bergbautechnologie des vorigen Jahrhunderts erfolgreich überwunden hat, keine schlechten Aussichten.

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