Wassenberg - Herr über Reste der Überflussgesellschaft

Herr über Reste der Überflussgesellschaft

Von: Nicola Gottfroh
Letzte Aktualisierung:
6216062.jpg
Lebensmittel im Überfluss: Pensionär Klaus Kascherus und Bauleiter Guido Woitkowiak sind im Auftrag der Hückelhovener Tafel unterwegs und sammeln Lebensmittelspenden von Händlern und Supermärkten wie hier im Rewe-Markt in Wegberg-Arsbeck. Foto: Gottfroh
6231203.jpg
Sofia Möbius spendet seit Jahren Backwaren für die Tafel. Brot und andere Waren holt Klaus Kascherus jeden Freitag in den Geschäften ab. Foto: Gottfroh

Wassenberg. Die Laune der beiden Männer ist gut, obwohl es noch sehr früh am Tag ist. Seit kurz vor halb sieben sind Pensionär Klaus Kascherus und Bauleiter Guido Woitkowiak im Auftrag der Hückelhovener Tafel unterwegs.

In dem ersten Supermarkt, den sie an diesem Tag ansteuern, gehören sie wenn schon nicht zur zahlenden Kundschaft, dann doch zu den ersten Besuchern. Seit vielen Jahren arbeitet der Supermarkt mit der Tafel zusammen, die Mitarbeiter kennen die Tafel-Mitarbeiter, vor allem Klaus Kascherus, der mit Leib und Seele bei der Sache ist, inzwischen gut. Sie wissen, dass die Zeit drängt.

Deshalb steht die Ware meist, zwei randvolle Einkaufswagen sind es an diesem Tag, schon am Lager bereit. „Das sind die Reste der Überflussgesellschaft, für diejenigen, die nicht im Überfluss leben“, sagt Klaus Kascherus, während er die Lieferscheine ausfüllt. Dokumentationspflicht und Bürokratie machen auch vor der guten Sache nicht Halt.

Wenige Minuten später stapeln sich die „Reste der Überflussgesellschaft“ in den Autos von Kascherus und Woitkowiak. Wie bei jeder Tour zum Supermarkt sind sie auch diesmal mit den eigenen Autos unterwegs, in den Kofferräumen drängen sich Paletten mit Joghurt dicht an dicht mit Klappkisten voller Schokolade, Wurst und Käse.

Drei Ausgabestellen

Vollbepackt geht es von Arsbeck nach Wassenberg. Im evangelischen Gemeindezentrum „Campanushaus“ heißt es dann wieder auspacken. Pfarrer Thomas Bergfeld hat die Wassenberger Tafel vor fast einem Jahrzehnt initiiert und das Gemeindehaus für die Hilfsaktion zur Verfügung gestellt. Die Wassenberger Ausgabestelle ist eine von Dreien der Hückelhovener Tafel, weitere befinden sich in Hückelhoven selbst sowie in Hückelhoven-Baal. Die Kisten sind schwer. Klaus Kascherus schleppt trotzdem.

Obwohl er inzwischen 78 Jahre alt ist und krank. Warum er sich die Arbeit antut, weiß er ganz genau: „Ich weiß, wie sich Hunger anfühlt. Die Generation, die den Krieg erlebt hat, kennt das Gefühl“, sagt Kascherus. Damit die Menschen in seiner Stadt, die weniger Geld zur Verfügung haben als andere, den Hunger nicht kennenlernen müssen, engagiert er sich in dem Verein seit den Anfängen der Wassenberger Tafel vor rund acht Jahren. „Das ist mein Beitrag zu einer besseren Gesellschaft“, sagt Kascherus und lacht. Sich engagieren – für Klaus Kascherus ist das selbstverständlich.

Nachdem er die ersten Kisten des Tages ins Gemeindehaus gebracht hat, geht seine Tour weiter. Diesmal im Gemeindebus. „Da passt viel mehr rein“, sagt er. Auf viele Lebensmittel sind die Tafeln angewiesen. Allein in Wassenberg werden jeden Woche rund 70 Kunden empfangen, in Hückelhoven sind es sogar 120 und in Baal noch einmal 40. Deshalb freut sich Kascherus über jeden Laden, den er anfahren darf. Die beiden Wassenberger Bäckereien Mönius und Esser und die Metzgerei Casteel in Wegberg-Dalheim sind seine nächsten Stationen. Waren im Wert vieler hundert Euro schleppt er an diesem Vormittag aus den Geschäften hinaus.

Brot vom Vortag, das den inzwischen voll beladenen Bus mit dem Duft von noch immer frischem Brot erfüllt, ist dabei, Teilchen, Wurst. „Das Brot vom Vortag ist immer noch gut. Verkaufen können wir es aber nicht mehr, zum Wegschmeißen ist es zu schade. Da ist es doch gut, wenn man mit der Tafelspende etwas Gutes tun kann und die Leute auch einmal gutes Bäckerbrot bekommen“, sagt Bäckereichefin Sofia Möbius. So sehen es auch viele andere Geschäfte, die wöchentlich Lebensmittel spenden.

Nicht nur Kascherus ist jede Woche mit einem Kollegen unterwegs. Auch ein weiteres Tafeltrio, das mit zwei Kühlwagen durch die Region rollt, sammelt fleißig Essen, das dann unter den drei Ausgabestellen der Hückelhovener Tafel verteilt wird. „Die Discounter und Supermärkte geben immer sehr viel. Auch Lebensmittel, bei denen die Kühlkette nicht unterbrochen werden darf“, sagt Kascherus. Früher war er selbst mit einem der Mobile unterwegs. Inzwischen geht das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr.

Der 78-Jährige macht sich Sorgen, was passiert, wenn er einmal gar nicht mehr kann. „Wir haben viele ehrenamtliche Helfer, die Damen, die bei der Lebensmittelausgabe die Tüten packen und diejenigen, die die Spenden abholen. Aber wenn mal jemand krank wird oder im Urlaub ist, dann kann es schon eng werden“, sagt er. Darum wünscht er sich neue Freiwillige, die der Tafel und damit den Menschen in Wassenberg helfen. „Jede Hilfe können wir gebrauchen“, sagt er.

Denn vor allem eines sei ihm in den vergangenen acht Jahren seiner Tätigkeit bei der Tafel aufgefallen. „Es werden immer mehr Menschen, die Hilfe brauchen“, sagt er. Vor allem für die alten Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet hätten und für die die Rente nun nicht reiche, sich selbst bis zum Monatsende zu versorgen, setze er sich mit der freiwilligen Arbeit bei der Tafel ein.

Aber auch die vielen jungen Familien mit kleinen Kinder täten ihm sehr Leid. „Das kann doch nicht sein, dass Kinder ohne Pausenbrot zur Schule und ohne Abendessen ins Bett müssen, weil das Geld sonst nicht bis zum Monatsende reicht.“ Manchmal erlebt Kascherus aber auch Kritik an der Tafelbewegung, etwa, dass sie Armut verfestigen würde. Kascherus selbst glaubt das nicht: „Blödsinn. Jeder kann in die Situation kommen, Und dann ist jeder froh über die Tafel.“

Doch leise Kritik hört er auch an diesem Tag wieder. „Ich denke, dass jeder eine Möglichkeit findet, sich selbst zu versorgen, wenn er nur ordentlich haushaltet, einkauft und rechnet“, sagt eine Frau, als Kascherus vollbepackt mit Lebensmittelspenden einen Laden verlässt. Er ignoriert den Vorwurf. Er hat keine Zeit, sich mit jemandem zu zanken. Die Waren müssen zum Gemeindehaus, in die Kühltruhen, und der Saal muss noch in eine echte „Tafel“ verwandelt werden. In wenigen Stunden stehen schon die ersten Kunden vor der Türe.

Im Auto lässt er sich dann aber doch noch zu einem Kommentar hinreißen: „Jeder hat seine Meinung. Mir steht es nicht zu, zu urteilen – ich bin nicht in der Situation, jeden Cent zweimal umdrehen zu müssen“, sagt er. Er will weitermachen, solange es seine Gesundheit zulässt. „Das ist meine Aufgabe, die ich gerne mache und mit der ich anderen Menschen auf meine Art helfen kann.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert