Heinsberg - Hellmuth Karasek schwelgt humorvoll in Erinnerungen

Hellmuth Karasek schwelgt humorvoll in Erinnerungen

Von: Johannes Bindels
Letzte Aktualisierung:
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Sein Buch „Soll das ein Witz sein?“ stellte Helmut Karasek (l.) bei Gollenstede vor, und Karasek legte gleich los: „Kennen Sie den?“. Marcus Mesche und Sibylle Jansen kannten den Witz noch nicht. Foto: defi

Heinsberg. Auf Reisen – das ist Hellmuth Karasek, Literaturkritiker und Schriftsteller, des Öfteren. „Auf Reisen. Wie ich mir Deutschland erlesen haben“ so heißt auch sein neuestes Buch, aus dem er in der Buchhandlung Gollenstede in Heinsberg vortrug.

Dass Karasek ein Heimspiel hatte, war einerseits als oft gesehener Gast in Heinsberg nicht verwunderlich, andererseits aufgrund der Anwesenheit vieler Freunde und Fans nur logisch.

Mit Reiner Gollenstede begrüßten einige Dutzend Zuhörer einen erzählfreudigen und humorvollen Schriftsteller, der sein Publikum auf eine kurzweilige Reise durch sein Autorenleben mitnahm. In seinem Buch berichtet er von den Tücken des Alltags eines reisenden Schriftstellers und Kritikers. Wer seine aufgeschriebenen Erlebnisse liest, meint den Tonfall seiner Stimme zu vernehmen, der auch die Anwesenden schon nach kurzen Augenblicken des Vorlesens gebannt folgen.

Und so beginnt er von seiner allerersten Lesung zu erzählen, „die mir in der Rumpelkammer meines Gedächtnisses abhandengekommen war. Dort lag sie, unbeachtet herum. Nicht, dass ich sie vergessen hätte. Aber sie war da unter altem Plunder und Gerümpel auf einer Dachbodenecke versteckt. Eigentlich wie hinter Spinnweben…“ Er unterbricht dann wie noch so oft an diesem Abend die vorgelesenen Passagen, um eine Episode oder einen Witz einzuflechten. „Es treffen sich zwei Spinnen. Du hast dich lange Zeit nicht mehr gemeldet, bemerkt die eine Spinne und bekommt zur Antwort: Ich hatte kein Netz!“

Das Abweichen in aktuelle Begebenheiten, das Einflechten literarischer Bonbons und das Spielen mit der Sprache sind sowohl Stilmittel wie auch inhaltlicher roter Faden im Buch und an diesem Abend. Und so lässt der Autor einen seiner treuen Fans als Briefeschreiber formulieren: „Was sind schon 42 Jahre, wenn sie erst einmal vergangen sind? Sie waren es, der 1970 meine Frau in Emden bei ihrer ersten Autorenlesung kennengelernt hat, zwei Jahre bevor ich ihr verfallen bin.“ Um dann fortzufahren: „Ja, ich weiß, das Wort verfallen ist nicht unproblematisch. Aber um Verfallsdaten habe ich mich nie gekümmert und meine Frau auch nicht, und so sind wir, mal heiter und mal gebeugt, mehr durch als in die Jahre gekommen.“

Die Tücken des Alltags sind dabei aber nur ein Aspekt: Hellmuth Karasek ist ein begnadeter Erzähler, der im Grunde alles aus seinem bewegten Leben erzählt. So weiß er von peinlichen Verwechslungen zu berichten, von denen er, der unter anderem das Kulturressort beim „Spiegel“ leitete und inzwischen für die „Welt“ schreibt, schon einige erlebt hat.

Ob als vermeintlicher Literaturnobelpreisträger Günter Grass oder als Kriegsverbrecher, der 79-Jährige nimmt es letztlich gelassen oder nervenstark hin, ebenso wie auch seinen ersten Leseabend. Er habe damals in Emden nur zwei Zuhörer gehabt – die Lesung sei entfallen.

„Auf Reisen“ ist weniger ein Reisetagebuch durch Deutschland als ein Schwelgen in Erinnerungen aus Karaseks schillerndem Leben und seinen Literaturkenntnissen. Und so gibt es an diesem Abend, geprägt von vielem Lachen, genauso Momente der atemlosen Stille, wenn er aus Brechts „Erinnerung an die Marie A.“ zitiert von jener weißen Wolke, die als „das Flüchtigste und Bleibendste der Liebe beschrieben wurde“.

Doch Hellmuth Karasek ist viel zu sehr auch geschickter Rhetoriker, der sein Publikum nicht in Gefühlsduselei abgleiten lässt, sondern sie sofort wieder auf die heitere Seite seiner Geschichten hinüberzieht. Und so bleibt es nicht aus, dass, wie bei einem Konzert, Zugaben nach dem eigentlichen Schluss angehängt werden.

Und diese haben es in sich: „Ich habe zufällig die Korrekturfahnen meines demnächst erscheinenden Buches dabei. Wenn sie wollen, lese ich ihnen schon daraus vor“. Keine Frage, dass sein Publikum wollte und so in den Genuss von noch Unbekanntem kam.

Dieses Privileg wie auch die ehrliche Verbundenheit von Autor und Publikum, welche ihren Ausdruck darin fand, dass Karasek gerne und bereitwillig für private Erinnerungsfoto beim späteren Signieren zur Verfügung stand, ist Gewähr dafür, dass diese Allianz eine Fortsetzung in Heinsberg finden wird.

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