Heinsberger Stadtmauer: Überraschender Fund an der Hochstraße

Von: Rainer Herwartz
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Die Stadtmauer wird akribisch vermessen. Foto: Herwartz

Heinsberg. War es nun eine Latrine oder doch eine Vorratsgrube? Gegensätzlicher kann die Deutung wohl kaum sein. Doch genau so offen stellte sich zunächst die Bewertung dessen dar, was das Archäologen-Team der Firma SK Archeo Consult aus Aachen an der Hochstraße in Heinsberg, gleich neben der Hausnummer 150, zu Tage führte.

Und zwar das, was man erst sieht, nachdem der Bagger das in die Jahre gekommene Geschäftshaus für neue Planungen dem Erdboden gleich gemacht hatte. Letztlich gelang den Archäologen um Ausgrabungsleiter Patrick Düntzer, ein stattliches Stück der alten Stadtmauer freizulegen. Umso erstaunlicher, da es diese hier gar nicht mehr geben sollte. Auch spannende Details lassen sich nun erkennen.

Heinsberg wird in einer alten Urkunde aus dem Jahre 1255 als „oppidum“ bezeichnet, als befestigter Ort. Da die mittelalterliche Befestigung eines Ortes gemeinhin gleichbedeutend ist mit der Verleihung der Stadtrechte, war Heinsberg spätestens im Jahre 1255 schon eine Stadt.

Seitdem haben mehr als sieben Jahrhunderte das Gesicht Heinsbergs immer wieder umgeformt und neu geprägt. Jede Epoche drückte der Stadt ihren Stempel auf, hinterließ wertvolles Kulturgut oder brannte ihr das Mal schwerer Zeiten, kriegerischer Auseinandersetzungen, Zerstörungen und Feuersbrünste ein. Und das schon längst vor dem verheerenden Bombardement im Zweiten Weltkrieg.

Patrick Düntzer fällt da gleich der dritte Geldrische Erbfolgekrieg im 16. Jahrhundert ein. Ein Blick ins Geschichtsbuch klärt: Es war eine kriegerische Auseinandersetzung um das Herzogtum Geldern zwischen den Vereinigten Herzogtümern Jülich-Kleve-Berg und Kaiser Karl V. im Jahr 1543. Der Krieg dauerte fast drei Monate lang und verwüstete weite Teile der Vereinigten Herzogtümer – auch die Stadt Heinsberg wurde in Mitleidenschaft gezogen.

Im 17. Jahrhundert soll es dann noch einen großen Stadtbrand gegeben haben. Ach ja, und irgendwas war da wohl auch schon im Jahr 1144. Was genau, weiß Düntzer so spontan nicht mehr. Na ja, schließlich steht er jetzt ja auch mit Spitzhacke und Schaufel bei sengender Sonne in einem Erdloch.

Die Stadtmauer, die nun überraschend ausgegraben werden konnte, sollte an dieser Stelle eigentlich gar nicht mehr vorhanden sein, erzählt Düntzer. „1962 gab es hier eine gerichtliche Auseinandersetzung, bei der es um die Beseitigung von vermeintlichen Stadtmauerresten durch ein Bauunternehmen ging“, sagt Düntzer. „Das Unternehmen wollte, dass aufgrund der Schwierigkeiten des Abbruchs, das Mauerwerk als Felsen bewertet werde, um die Rechnung entsprechend nach oben anzugleichen.

Deshalb dachten wir, dass auf diesem Weg die Stadtmauer beseitigt worden ist. In Wirklichkeit handelte es sich aber wohl nicht um die Stadtmauer, sondern um ein Ravelin.“

Ein Ravelin ist laut Düntzer in diesem Fall ein verstärktes Mauerwerk in Form des Kartenbildes Pik, das einen direkten Beschuss des empfindlichen Stadttores verhindern sollte. Die Stadtmauer stamme aus dem 14. oder 15 Jahrhundert. „Die Wehranlage ist mit einer Dicke von etwa 1,30 Metern ihrer Bedrohung angepasst. Sie diente vor allem der Abwehr von Infanterie und war noch nicht so stark auf die Abwehr von Kanonenbeschuss ausgelegt.“

Das Einfachste sei ja, erklärt Düntzer, mit Kanonen das Tor einzuschießen, „deshalb wurde wahrscheinlich etwa 200 Jahre später rund um den 30-jährigen Krieg bei gleichzeitiger Weiterentwicklung der Angriffstechnik ein Ravelin mit 2,40 Metern Dicke vor das Tor gebaut.“

Normalerweise, so Düntzer, würden die Funde nach ihrer Entdeckung digitalisiert und schließlich wieder zugeschüttet, damit der Bauherr sein Vorhaben umsetzen könne. Werde ein Stück Stadtmauer gefunden, stelle sich die Sache oftmals komplizierter dar, weil die Kommunen diese zumindest zu einem Teil erhalten wollten. „Kein Geld in der Welt bringt einen solchen archäologischen Fund zurück.“

Was in Heinsberg geschieht, steht noch nicht fest. Bürgermeister Wolfgang Dieder sagt derzeit lediglich: „Es ist historisch hochinteressant. Ich bin gespannt auf das gesamte Ergebnis der Grabungen und ihrer Auswirkungen.“

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