Heinsberger Selfkantdom: Orgel wird gereinigt

Von: Anna Petra Thomas
Letzte Aktualisierung:
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Mitten in die Orgel hineinklettern muss Orgelbauerin Astrid Sadra, um auch jedes Teilchen reinigen zu können. Die kleinste der 2450 Pfeifen (re.) misst gerade mal einen Zentimeter an der Spitze der Zinn-Blei-Legierung.
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Mitten in die Orgel hineinklettern muss Orgelbauerin Astrid Sadra, um auch jedes Teilchen reinigen zu können. Die kleinste der 2450 Pfeifen (re.) misst gerade mal einen Zentimeter an der Spitze der Zinn-Blei-Legierung.

Heinsberg. Sägespäne auf dem Boden, daneben die Hobelbank – ein wenig mutet es so an, als habe Josef von Nazaret selbst seine Werkstatt unter die Orgelbühne des Heinsberger Selfkantdoms verlegt. Mit Holz haben die Arbeiten zwar auch zu tun, die derzeit in St. Gangolf durchgeführt werden, aber auch noch mit vielen anderen Materialien mehr.

Die drei Orgelbauer Markus Esser, Anton Llaurado und Astrid Sadra aus dem Unternehmen Orgelbau Seifert in Kevelaer sind derzeit dabei, die Orgel zu reinigen, sie von Schimmel zu befreien und sie aufzurüsten. Dazu musste das bis zu sieben Meter hohe Bauwerk auf der Orgelbühne erst einmal in seine gesamten Einzelteile zerlegt werden.

Nein, nicht nur die großen Orgelpfeifen aus der Zinn-Blei-Legierung, mit der die Orgel quasi von vorne verkleidet ist, mussten abgenommen werden, sondern die sage und schreibe insgesamt 2450 Pfeifen, die diese Orgel ausmachen. Für den Fachmann oder Liebhaber des Heinsberger Klangs sei dazu erwähnt, dass die Orgel insgesamt 39 Register besitzt, womit die jeweiligen Pfeifenreihen mit gleichem Klangcharakter beschrieben werden.

Damit gilt die Orgel von St. Gangolf als die größte, mechanische Schleifladenorgel im Kreis Heinsberg. Sowohl der Weg von der Taste bis zum Ventil unter der jeweiligen Pfeife als auch das Ansteuern von Pfeifenreihen durch sogenannte Registerzüge funktioniert vollmechanisch ohne Elektrizität. Lediglich der nötige Wind wird durch einen Motor erzeugt. Seit 2004 ist die 1993 erbaute Orgel mit einer elek-tronischen Setzeranlage ausgestattet, mit deren Hilfe der Organist eigene Klangzusammenstellungen von Registern abspeichern und bei Bedarf wieder aufrufen kann.

Abgebaut werden mussten also neben Pfeifen auch viele einzelne Gehäuseteile sowie die sogenannten Trakturen, mit deren Hilfe durch das Manual oder Pedal letztendlich die ausgewählte Pfeife angesteuert wird, darüber hinaus die Pfeifenstöcke oder Hängevorrichtungen für die Pfeifen.

Was ausgebaut werden konnte, wird zunächst in einer großen Badewanne von Schimmel und Staub befreit, dann mit einem Fungizid behandelt, um neuem Schimmelbefall vorzubeugen und schließlich mit einem Desinfektionsmittel eingesprüht. Danach muss nun erst einmal alles gut trocknen, bevor es wieder eingebaut werden kann.

Das gilt auch für die Teile, die nicht ausgebaut werden konnten und gleich vor Ort in gleicher Form behandelt werden, nachdem zunächst der Staubsauger im Einsatz war. So sitzen die Orgelbauer jetzt mittendrin in der großen Orgel und wischen jeden der feinen Trakturstäbe einzeln ab. „Da mussten wir uns erst einmal einen Schlachtplan überlegen, um auch sicher alle Stellen zu reinigen“, lacht Astrid Sadra. „Von oben nach unten und von vorne nach hinten“, lautet ihre Devise.

Doch obwohl die drei bereits fünf Wochen hinter sich haben, ist ein Ende noch nicht in Sicht. „Vier bis fünf Wochen werden wir sicher noch hier sein“, schätzt die Orgelbauerin, als sie gerade eine weitere Pfeife zum Trocknen ins Regal am Taufbecken von St. Gangolf befördert. Beeindruckend zeigt sich hier der Unterschied in den Proportionen der einzelnen Orgelpfeifen.

Die kleinste ist gerade mal einen Zentimeter hoch, andere messen dagegen fast fünf Meter Länge. Sie bestehen nicht nur aus Zinn und Blei, sondern auch aus Holz, aus Ahorn, Mahagoni und vielen Hölzern mehr. „Und einige von ihnen sind sogar um die Ecke gebogen, damit die Orgel hier unter die Decke passte“, verrät Astrid Sadra.

Neben Reinigung und Behandlung gegen erneuten Schimmelbefall werden die Orgelbauer zudem die Ergonomie am Spieltisch verbessern, ebenso die Möglichkeiten, welche die Setzeranlage der Orgel ermöglicht. Die Mechanik, bei der Elektronik mithilfe von Magneten unmittelbar an den Registerzügen eingreift, bleibt dabei erhalten.

Am meisten freut sich sicherlich schon jetzt Regionalkantor Winfried Kleinen darauf, die Seifert-Orgel bald wieder spielen zu können. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, reichen Reinigung und Zusammenbau doch alleine nicht aus. Was dann folgt, nennt der Fachmann „Intonation“. Alle Orgelpfeifen müssen quasi neu gestimmt werden, in ihrer jeweiligen Pfeifenreihe, sprich ihrem Register, aber auch im Gesamtkontext der Orgel und schließlich auch im wahrsten Sinne des Wortes abgestimmt auf den Kirchenraum.

Gereinigt werden muss die Orgel in den nächsten 15 bis 25 Jahren wieder. Dass sie jedoch nicht erneut von Schimmel befallen wird, dafür sollen neue technische Einrichtungen für bessere klimatische Bedingungen in der Kirche sorgen, vor allem für die richtige Luftfeuchtigkeit. „Bisher war es hier einfach zu feucht und zu kalt für die Orgel“, berichtet die Orgelbauerin. Jetzt ist sogar im Orgelgehäuse ein Messgerät angebracht, das anzeigt, ob die Bedingungen für die Orgel die richtigen sind.

Investieren wird die Pfarrei St. Gangolf rund 90.000 Euro in die Arbeiten, wovon je ein Drittel auf Reinigung, Schimmelbeseitigung und Aufrüstung entfallen. Allein die Kosten für die Schimmelbeseitigung würden vom Bistum bezuschusst, erklärt Manfred Derichs vom Kirchenvorstand.

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