Heinsberg - Heiner Geißlers Thesen zum Luther-Jahr

Heiner Geißlers Thesen zum Luther-Jahr

Von: Johannes Bindels
Letzte Aktualisierung:
13508210.jpg
Spannend: Einen Disput ganz im Sinne Luthers gab es gleich zu Anfang zwischen Pfarrer Sebastian Walde (r.) und Heiner Geißler zum Thema Pazifismus und Auschwitz. Foto: Johannes Bindels

Heinsberg. Ganz im Geiste Luthers, mit Rede und Gegenrede, begann die Lesung mit Heiner Geißler zu seinem Buch „Was müsste Luther heute sagen“ in der Christuskirche. Auf Einladung der Buchhandlung Gollenstede in der Reihe „Wir im (W)Ort“ zum Lutherjubiläum 2017 trug der 86-jährige Autor und Sozialpolitiker Geißler frei vor und begeisterte mit seinen Thesen das Publikum.

In seiner Einleitung formulierte Pfarrer Sebastian Walde, dass Heiner Geißler ihn als jungen Studenten bekehrt habe. Kritisch merkte Walde jedoch an: „Die Aussage, der Pazifismus hat Auschwitz erst möglich gemacht“, sei mit einem Heiner Geißler verbunden gewesen, den er gar nicht mochte. Gelassen nahm Heiner Geißler diese Anmerkung auf und korrigierte sie mit einer detailreichen Antwort zum Diskussionsthema des Nato-Doppelbeschlusses.

Die oftmals kolportierte Aussage müsse Walde schon richtig erzählen, denn er habe auf die Anschuldigung gegen seine Partei, die CDU, diese würde mit den Atom-Mittelstreckenraketen ein atomares Auschwitz vorbereiten, geantwortet, dass der Pazifismus der 1930er Jahre erst Hitler und damit Auschwitz ermöglicht hätten. Die Geschichte habe gezeigt, dass der Nato-Doppelbeschluss die damalige Sowjetunion gezwungen habe, abzurüsten.

„Wie kommt einer wie ich dazu, ein Buch über Luther zu schreiben?“, leitete Geißler zum Anlass des Abends über. Das habe auch etwas mit seiner Großmutter zu tun. Die habe noch im Weltbild der Trennung der beiden christlichen Konfessionen gelebt und die Sündenvergebung durch Ablassgebete und Geld verinnerlicht gehabt, die schon Luther 500 Jahre zuvor bekämpft habe.

Er sei von den Jesuiten erzogen worden, später jedoch aus dem Orden ausgetreten, denn der Zölibat sei endlich abzuschaffen, weil er nichts mit dem Evangelium zu tun habe, formulierte Geißler provokant. „In diesem Thema ist die Evangelische Kirche der Katholischen 500 Jahre voraus.“

Ohne eine Seite vorzulesen, machte der Autor Geißler sein Publikum mit den Inhalten seines Buches bekannt. Seine geistreichen wie analytischen Abschweifungen in Rückblicke seines politisch aktiven Lebens stellten gleichzeitig auch die Aspekte der lutherischen Reformation in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. So verteidigt Geißler, der katholische Politiker und Jesuitenschüler, Luthers Forderung nach Abschaffung der Frauendiskriminierung ebenso wie die Abschaffung des Zölibats und die Gleichstellung der Frau im Priesteramt als eine emanzipatorische Leistung, der zuzustimmen ist.

Sein Blick in die geschichtlichen, philosophischen und theologischen Grundlagen dieses negativen Frauenbildes lassen denn auch die bis heute wirksamen Beeinflussungen besser verstehen. So fuße das Bild der Frau in den prophetischen Religionen Judentum, Christentum und Islam auch im letzteren auf einem alttestamentarischen Bild, dass die Sünde durch die Frau in die Welt gekommen sei. Im philosophischen Thema des Leib/Seele-Problems seien Körper und Seele getrennt.

Die Theologen hätten daraus den Körper der Frau und die Seele dem Mann zugeordnet. Die Kirchenlehrer Thomas von Aquin und des heiligen Augustinus seien Frauendiskriminierer gewesen. Und selbst der Apostel Paulus habe eine unheilvolle Rolle gespielt. Dass dieses falsches Frauenbild bis heute noch wirke, sei auch Ursache für die Gewalt gegen Frauen. Es sei Luthers Verdienst gewesen, dass zumindest in der Evangelischen Kirche der Zölibat abgeschafft sei und die Frau Priester sein dürfe.

Auf zwei weitere Schwerpunktthemen in seinem Buch ging Geißler noch ein. Auf das Thema Theodizee, die Antwortversuche, warum ein Gott das Leiden in Auschwitz, die Kriege, Krankheit und dass Verbrechen zulasse, wenn er gleichzeitig allmächtig sei? Die Rechtfertigungslehre müsse überdacht werden, formulierte Geißler eine Forderung, der sich die Kirchen stellen müssten.

Und auch die Frage „Existiert Gott?“ sei eng verbunden mit der für die Menschen existenziellen Frage „Warum ist dieses oft erbärmliche Leben mit Krankheit, Leid und Not dem ewigen Leben vorgeschaltet?“ Für Geißler laute die Antwort: „Ob Gott existiert, weiß man nicht. Das kann man nur glauben.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert