Gutachter kritisiert umstrittenen Chefarzt Pier

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Arnold Pier
Der frühere Wegberger Klinikchef und Chefarzt Dr. Arnold Pier muss sich vor dem Landgericht Mönchengladbach verantworten. Foto: Ralf Roeger

Mönchengladbach. Im Prozess um den Wegberger Klinikskandal hat ein Gutachter am früheren Chefarzt und Klinikbesitzer Arnold Pier kein gutes Haar gelassen.

Pier habe versucht, einen abgetrennten Daumen wieder anzunähen, obwohl ihm dazu Qualifikation und Ausrüstung gefehlt hätten, sagte der Gutachter, Chefarzt und Handchirurg Franz Jostkleigrewe, am Donnerstag vor dem Landgericht in Mönchengladbach. Er wertete Piers Operation als „Warten auf ein Wunder”. Die Staatsanwaltschaft wirft Pier in diesem Fall Körperverletzung vor. Pier hatte die Vorwürfe abgestritten.

Der umstrittene Mediziner habe Nervenbahnen und Arterien nicht zusammengenäht, sondern nur die Haut des Daumens, der dann trotz Nachoperation abstarb und amputiert werden musste, meinte der Gutachter. Dies entspreche nicht den Regeln der ärztlichen Kunst.

Bei einer fachkundigen Operation hätte die Heilungschance bei 80 bis 90 Prozent gelegen, sagte Jostkleigrewe. Bei Piers Vorgehen sei dagegen „ganz klar zu erwarten” gewesen, dass der Daumen abstirbt. Auch Piers Ausführungen zu der Operation im Prozess zeugten von der fehlenden Kompetenz für solche Eingriffe. Pier hätte den Patienten zwingend an eine Spezialklinik verweisen müssen.

Pier hatte behauptet, er habe den Verletzten auf andere Kliniken hingewiesen, doch dieser habe von ihm in Wegberg operiert werden wollen. Der Patient hatte dagegen gesagt, an die Empfehlung einer Spezialklinik könne er sich nicht erinnern: „Wenn ein Arzt zu mir sagt, "Ich mach das", gehe ich davon aus, dass er das auch kann”, sagte der 38-Jährige.

Er hatte wegen der Amputation des Daumens auch seine Arbeitsstelle an einer Kreissäge verloren und kann in seinem erlernten Beruf Goldschmied ebenfalls nicht mehr arbeiten. Nach der missratenen OP hatte ein Krankenhaus-Mitarbeiter seinen damaligen Chef anonym angezeigt.

Wegen des heimlichen Einsatzes von Zitronensaft zur Wundbehandlung bei einer 80-jährigen Patientin war Pier bereits zu 15 Monaten Haft auf Bewährung wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt worden. Die Verteidigung hat dagegen Revision eingelegt. Wegen der Erkrankung eines Schöffen musste der Prozess nach dem Teilurteil abgebrochen und neu begonnen werden. Neben Pier sind zwei weitere Klinikärzte angeklagt.

Pier hatte die wirtschaftlich angeschlagene kleine Klinik in Wegberg bei Mönchengladbach zum 1. Januar 2006 übernommen. Der Hauptangeklagte war Klinik-Besitzer, Chefarzt und ärztlicher Direktor in einer Person.
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