Gülle-Tourismus stinkt Gangelt gewaltig

Von: André Schaefer
Letzte Aktualisierung:
7422071.jpg
Stammt auch der hier in Gangelt abgebildete Dünger aus den Niederlanden? Verboten ist der Import zwar nicht, als Grund zur Diskussion dient er gerade im Kreis Heinsberg trotzdem. Foto: Hamacher

Gangelt. Georg Wichert stinkt es bis zum Himmel. Ja, der Geschäftsführer der Verbandswasserwerk Gangelt GmbH hat im wörtlichen Sinne die Nase voll. Und zwar vom seiner Ansicht nach zunehmenden Gestank rund um die landwirtschaftlichen Felder in Gangelt.

Und dort riecht Wichert seit einigen Tagen nicht nur enorme Mengen an Gülle, er beobachtet sie auch. Enorme Mengen, die ihren Weg von den Ladeflächen niederländischer Lkws auf die landwirtschaftlichen Nutzflächen rund um Gangelt finden, um ganz genau zu sein.

Man ahnt es: Der Geschäftsführer sorgt sich nicht allein um das Geruchsorgan seiner Nachbarn, sondern in erster Linie um deren Trinkwasser. „Ich verfolge dieses Schauspiel schon seit längerer Zeit, und es ist immer wieder das gleiche: Der Gülleimport aus den Niederlanden nimmt zu. Unserem Grundwasser kommt das nicht zugute“, sagt er.

Wicherts Kritik am Verhalten einiger Bauern ist keine Neuigkeit. Der Streit um zu große Mengen an aufgetragener Gülle besteht mindestens schon so lange wie das lukrative Geschäft mit ausländischem Dünger an sich. Gülle-Tourismus ist das Stichwort – ein weit verbreiterter Begriff, nicht nur im Kreis Heinsberg. Während das Angebot an Gülle in den Niederlanden größer ist als der Bedarf, scheint es, als könnten deutsche Bauern angesichts abnehmender Viehzucht kaum genug davon kriegen. Das Problem: Je mehr Dünger auf die Felder ausgebracht wird, desto höher ist der Nitratgehalt des Grundwassers. Und damit auch das Risiko der Gesundheitsgefährdung.

Noch sei in Gangelt „alles im grünen Bereich“, sagt Wichert. „Aber die Frage ist, wie lange noch. Wenn das so weitergeht, werden wir diesen grünen Bereich irgendwann vielleicht einmal verlassen.“

Mit dem grünen Bereich meint Wichert den derzeitigen Nitratgehalt von 20 Milligramm pro Liter. Der gesetzliche Grenzwert liegt bei 50 Milligramm. „Die Bürger rund um Gangelt müssen sich keine Sorgen um ihr Grundwasser machen. Aber wir sollten auch immer mit einem Auge in die Zukunft schauen“, sagt Wichert.

Das macht auch Willi Hennebrüder, gebürtig aus dem Selfkant. Das Mitglied des Bundesarbeitskreises Wasser hat nur wenig Verständnis für das Geschäft mit der Gülle. „Die niederländische Gülle hat in Deutschland und im Kreis Heinsberg nichts zu suchen. Sie sollte in den Niederlanden bleiben“, fordert er.

Ausgehend von den aktuellen Zahlen, die die Landwirtschaftskammer Viersen zur Düngerauftragung im Kreis Heinsberg herausgibt, ist die Kritik von Wichert und Hennebrüder zumindest nicht ganz unberechtigt: Im Jahr 2012 wurden ganze 271.736 Tonnen Gülle aus den Niederlanden in den Kreis Heinsberg importiert. Das sind 20 Prozent des Gesamtvolumens, das aus den Niederlanden an Gülle exportiert wird. Nirgendwo in Deutschland ist die Zahl höher als im Kreis Heinsberg.

Verständnis für diese Aufregung der Kritiker hat man seitens der Landwirte hingegen wenig bis kaum. „Man muss beim Anblick eines mit Gülle vollbeladenen niederländischen Fahrzeugs nicht gleich vermuten, dass dort Schweinerei betrieben wird“, sagt Bernhard Conzen, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Heinsberg. Conzen weist ausdrücklich auf die von der Landwirtschaftskammer vorgenommenen Kontrollen hin, denen sich die Bauern nicht entziehen könnten. „Wer meint, an dem Import aus den Niederlanden sei etwas faul, soll einfach bei der Landwirtschaftskammer nachfragen. Dort ist alles bis ins Detail dokumentiert“, sagt er.

Bernhard Rüb kann dies auf Anfrage unserer Zeitung nur bestätigen. Seit einigen Jahren bestünde hinsichtlich der Düngerauftragung eine strengere Meldepflicht für Landwirte. „Bei uns wird genau festgehalten, wer wann wo wie viel Dünger auf seine Felder aufgetragen hat und woher dieser Dünger stammt“, sagt der Pressesprecher der Landwirtschaftskammer Viersen. „Wir nehmen regelmäßig Nährstoffvergleiche vor und können versichern, dass uns für den Kreis Heinsberg keine negativen Auffälligkeiten vorliegen“, sagt Rüb.

Grundsätzlich sei der Gülle-Import aus den Niederlanden weder verboten noch begrenzt, heißt es. „Nur weil der Dünger aus Holland kommt, heißt das nicht, dass dieser schlechter als der deutsche Dünger ist“, betont der Sprecher.

Die Zahlen für 2013 stehen noch aus. Bis zum 31. März haben Landwirte noch die Möglichkeit, ihre Düngerauftragungen sowie Dünger-Importe zu melden. Im kommenden Sommer wird Landwirtschaftsminister Johannes Remmel den Nährstoffbericht veröffentlichen.

Dann wird auch die Frage beantwortet, wie viel der importierten niederländischen Gülle im Kreis Heinsberg tatsächlich auf die Felder aufgetragen wurde. „Wir vermuten, dass einige Lohnunternehmen im Kreis Heinsberg gewisse Mengen an Gülle lediglich zwischenlagern, um sie Landwirten aus dem Erftkreis zu verkaufen“, sagt Rüb. Inzwischen beschäftigen sich auch die Unabhängigen Bürger (UB) Gangelt näher mit dem Thema. In einem Schreiben an Bürgermeister Bernhard Tholen fordern sie die Verwaltung zu mehr Transparenz in Sachen Düngeraufbringung auf. Zeitgleich rollen die nächsten niederländischen Laster sicher weiter an. Ganz zur Freude der Bauern. Aber eben auch zum Leid der Anwohner.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert