Graffiti: Imageprobleme durch legale Sprayer-Flächen lösen

Von: Nicola Gottfroh
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Kunst aus der Flasche: Die Graffiti-Kunst hat noch immer ein Imageproblem. Foto: Nicola Gottfroh
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Dass Graffitis auch kleine Kunstwerke sein können, beweist der Grafikdesigner Andreas Valiotis mit seinen Bilder. Foto: Nicola Gottfroh

Heinsberg. Was ist der Unterschied zwischen Graffiti und Graffiti? Es gibt keinen, denken viele. „Oh doch, den gibt es“, sagt Graffiti-Künstler Andreas Valiotis (33).

Nicht alles aus der Sprühdose muss ein hastig und illegal hingesprühtes Zeichen an Hauswänden, Brücken oder Zügen sein. „Zu Recht würden wohl die wenigsten Menschen diese Schmierereien als Kunst bezeichnen“, sagt Andreas Valiotis.

Dass Graffiti auch Kunst sein kann, beweist Andreas Valiotis mit seinen Bilder. Seine Graffitis sind nicht nur Schriftzüge, sondern auch figürliche Malerei.

Valiotis ist kein pubertierender Teenager, der in Nacht und Nebel Aktionen Hauswände und Stromkästen besprüht. Einem Fernsehwerbespot zufolge könnte er fast in die Schublade Spießer gesteckt werden – hat er doch sein Eigenheim mit angeschlossenem Atelier. Auch die Jungs, mit denen er seit seiner Jugend zum legalen Sprayen unterwegs ist, sind heute entweder in Agenturen tätig, Produzenten beim Fernsehen, Künstler oder Kunstbedarfshändler.

Man kann sagen, Andreas Valiotis und seine Sprayer-Freunde sind erwachsen geworden, die Leidenschaft an der Graffiti-Kunst haben sie aber nicht verloren. „Wir sind Menschen, die in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, aber auf unsere Weise individuell geblieben sind“, sagt Andreas Valiotis. Nun wünscht er sich, dass auch Graffiti als Kunst in der Mitte der Gesellschaft ankommt. „Doch Graffiti als Kunst gesellschaftsfähig zu machen ist nicht ganz einfach“, sagt Valiotis.

Durch illegales Graffiti und im gleichem Atemzug genannte Fußball-Schmierereien und politische Provokationen an Hauswänden, Stromkästen und Bushaltestellen wirkt das Image von Graffiti als Kunst geschädigt. In Wassenberg haben solche Vandalen in den vergangenen Monaten tausende Euro Schaden verursacht. „So etwas lässt sich pauschal nicht als Graffiti oder gar Kunst bezeichnen“, sagt Valiotis.

Selbst in den Ursprüngen der Hip Hop Szene der frühen 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hat Graffiti keine Vandalistische Funktion gehabt. „In New York haben die Graffitisprüher, vor allem die ethnischen Minderheiten, ihre Art von Kunst den Menschen außerhalb der Bronx zugänglich gemacht, indem sie Züge der Metro besprüht haben. So sind ihre Werke und ‚Messages‘ über die Grenzen ihres Territoriums hinaus bekannt geworden“, erklärt Valiotis. „Graffitis haben also von ihrem Ursprung eine künstlerische Aussage. Schmierereien, die vielerorts immer wieder auftauchen, schaden dem Image von Graffiti als Kunst“, sagt Valiotis.

Das will er ändern. Und das Ansehen der Sprüh-Kunst in der Gesellschaft verbessern und kreative Potenziale aufzeigen. „Graffiti als Kunst kann junge Meschen begeistern und positiv im Leben begleiten, so wie bei meinen Freunden und mir!“, erkläre Valiotis, „und kann kreative Potenziale von der Straße zu holen – im übertragenen Sinne natürlich. Immerhin sprechen wir von urbaner Straßenkunst, die sich vielfach weiterentwickelt hat“, betont er deutlich.

In Workshops und Graffiti-Aktionen trägt er dazu bei, dass junge Sprayer eine Alternative zur Illegalität kennenlernen. Dem Diplom-Designer, der seit mehr als 18 Jahren sprüht, ist es wichtig, junge Menschen möglichst früh für das legale Sprayen zu begeistern. „Ich hatte großes Glück. Wenn ich nicht legale Flächen gehabt hätte, auf denen ich mich hätte austoben dürfen, dann wäre ich auch nicht der Mensch geworden, der ich jetzt bin“, sagt er. Erste Flächen, die er gemeinsam mit Freunden besprühen durfte, waren zum Beispiel die Garage der Eltern seines besten Freundes, dann kamen erste kleine Aufträge vom Kreisgymnasium, Jugendheime und, und, und...

Für Bekanntschaften aus der Szene, die keine legalen Flächen fanden oder nutzten, wurde es beim illegalen Sprühen schnell teuer, wenn sie erwischt wurden. Denn wer einmal mit seiner gestalterischen Eigenheit und Form identifiziert ist, kann für alle vergangenen Taten gleichen Stils verantwortlich gemacht werden. „Einmal erwischt lassen sich so schnell mehrere Hundert Graffitis einer Person zuordnen. Und dann muss man zahlen“, sagt der 33-Jährige. „Je nachdem, wo und wie viel man unterwegs war, liegen die Kosten schnell im fünf- bis sechsstelligen Eurobereich. Und wer das nicht zahlen kann, dem blüht der Knast und lebenslange Geldschulden“, sagt Valiotis.

Umso mehr ist es sein Ziel, den Nachwuchssprayern den legalen Weg schmackhaft zu machen, damit sie ihre Leidenschaft nicht so teuer zu stehen kommt. Derzeit stehen mehrere Projekte an, um legales Graffiti zu fördern. So soll es zum Beispiel im Sommer eine legale Graffiti-Aktion in Heinsberg geben, die vom Jugendcafé Loony Day, gemeinsam mit Jugendlichen und Valiotis geplant, organisiert und umgesetzt wird. Ein in Heinsberg ansässiges Energie-Unternehmen wird die Aktion unterstützen.

Zudem gab es erste Gespräche mit dem Heinsberger Bürgermeister Wolfgang Dieder, um eine Stelle zu finden, an der sich junge Sprayer austoben können. Ganz legal. „Vielleicht erhält das Graffiti mit positiven öffentlichen Aktionen die Chance, auch die Bürger zu erreichen, die bisher nichts mit der Graffiti anfangen konnten.“

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