„Gorch Fock”: Neue Dimension im Fall Böken?

Von: Udo Stüsser
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Ernste Gesichter: Marinesoldaten nach dem Einlaufen der Gorch Fock in Hamburg im August 2010. Foto: dpa

Geilenkirchen. Uwe Böken, Vater der im September 2008 über Bord des Segelschulschiffes „Gorch Fock” gestürzten Offiziersanwärterin Jenny Böken, wird bei der Staatsanwaltschaft in Kiel Strafanzeige gegen Unbekannt stellen und will damit eine Neuaufnahme der Ermittlungen zum Tod seiner Tochter erreichen.

„Sexuelle Belästigung war für mich immer ein Denkmodell”, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

In seinem Verdacht bestätigt sieht sich Uwe Böken jetzt durch zwei e-Mails, die Jenny am Tag vor ihrem Tod an ihre Mutter Marlis geschrieben hat. Am Dienstag, 2. September 2008, 12.48 Uhr, bat sie ihre Mutter, einen Termin bei ihrem Gynäkologen für den folgenden Freitag zu vereinbaren. „Ich muss nämlich dringend gynäkologisch untersucht werden”, schrieb sie. Der Schiffsarzt vermute, dass sie unter einer Zyste leide. Gegen 12 Uhr wollte sie dann an diesem Freitag in Hamburg losfahren. Notfalls sollte Marlis Böken den Gynäkologen um einen „Sondertermin” für den Abend bitten.

In einer zweiten Mail vom selben Dienstag, diesmal aber abends um 20.20 Uhr, schreibt Jenny von „akuten Beschwerden im rechten Unterbauch”. „Mama, ich MUSS einen Termin bei ... (Name des Arztes ist der Redaktion bekannt) bekommen.” Wenige Zeilen weiter heißt es „Und Mama, ich will auch nicht so einfach zu einem Arzt.” Jenny bittet ihre Mutter auch in dieser Mail in dringlichem Ton, sich notfalls um einen Abendtermin zu bemühen. „Ich weiß, dass das viel verlangt ist, aber ich muss untersucht werden.”

Vater Uwe Böken hatte die Möglichkeit der sexuellen Belästigung immer im Hinterkopf, aber nie irgendwelche Anhaltspunkte oder gar Beweise. „Nachdem ich jetzt durch die Medien erfahren habe, dass an Bord sexuelle Belästigung gegeben haben soll, haben die beiden Mails eine ganz andere Bedeutung”, erklärt er.

Unerklärlich ist für Uwe Böken bislang auch die Tatsache, dass seine Tochter in der Unglücksnacht neben dem Fockmast auf Posten stand und um 23.30 Uhr eine Meldung hätte absetzen müssen. „Diese Meldung ist ausgeblieben. Der wachhabende Offizier hätte nachschauen müssen. Das hat er aber nicht.”

Auf ein Schreiben an Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vom 19. November, in dem Böken die Überprüfung der Ausbildungsinhalte und bessere Sicherheitsstandards auf der „Gorch Fock” fordert, hat er bis heute keine Antwort. Deshalb hat er dem Verteidigungsausschuss eine Kopie zukommen lassen. Der tagt am Mittwoch..

Jenny Böken war im September 2008 bei ihrer Nachtwache über Bord gestürzt und ertrunken. Die genauen Umstände ihres Todes wurden nie ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Kiel schloss ihre Ermittlungen ab, weil sie kein Fremdverschulden erkennen konnte. Damit gibt sich die Familie jetzt nicht mehr zufrieden.

Desinformation zwischen Streitkräften und Verteidigungsministerium

Die Informationspolitik zwischen Militär und Ministerium hat sich schon des Öfteren als Desinformationspolitik herausgestellt. Mitte der 80-er Jahre wurde Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU), damals noch neu im Amt, ein angeblicher Geheimdienstbericht über einen homosexuellen General zugespielt. Wörner handelte schneidig, feuerte den General - und wäre beinahe selbst gestürzt. Denn der Bericht war komplett gefälscht.

Auf diese Art wird immer mal wieder versucht eine offene Rechnung zwischen Einzelpersonen im Ministerium und den Streitkräften zu begleichen. Außerdem werden Missstände vertuscht. So führten verschwiegene Berichte über die Hintergründe des missglückten Luftangriffs auf entführte Tankwagen im afghanischen Kundus zum nachträglichen Rücktritt von Minister Franz-Josef Jung (CDU).

Auch sein Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) musste in diesem Fall um Informationen regelrecht kämpfen. Und weder im Fall des versehentlich getöteten Soldaten in Kundus noch im Fall „Gorch Fock” wurde der Minister offenbar korrekt ins Bild gesetzt.

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