Wassenberg-Myhl - Glocke aus dem Jahr 1638 wird Myhl verlassen

Glocke aus dem Jahr 1638 wird Myhl verlassen

Von: Anna Petra Thomas
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Beim Gießen der neuen Donatusglocke in Maria Laach durften Gemeindemitglieder aus Myhl mit Pfarrer Thomas Wieners zuschauen. Foto: Eberhard Sirges
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Norbert Sendke (links) und Richard Theißen mit den historischen Dokumenten der Kirche St. Johannes der Täufer in Myhl. Foto: anna

Wassenberg-Myhl. Für viele Menschen ist der Klang der Glocken im Turm der eigenen Pfarrkirche ein bedeutsames Stück Heimat. So auch in Myhl, wo der Kirchturm von St. Johannes der Täufer schon immer drei Glocken hatte: die große Johannisglocke, die mittlere Donatusglocke und die kleine Marienglocke.

Und doch haben die Glocken in diesem Turm seit dem Bau der Kirche Ende des 19. Jahrhunderts und der ersten Glockenweihe im Jahre 1897 eine wechselvolle Geschichte durchgemacht, in die sich mit der Weihe der neuen Donatusglocke am Sonntag, 30. August, ein neues Kapitel einfügt.

Schon im Ersten Weltkrieg musste die Gemeinde die beiden großen Glocken abgeben, damit sie zwecks Waffenproduktion eingeschmolzen werden konnten. Nach dem Krieg spendeten die Myhler Geld und die Gemeinde verkaufte Holz für die Anschaffung von zwei neuen Glocken. Diese wurden am zweiten Weihnachtstag 1921 geweiht. Doch auch diese beiden Glocken wurden 1941 offiziell beschlagnahmt und den Myhlern im März 1942 weggenommen, um ihr Material für kriegerische Zwecke zu nutzen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs machten sich Myhler zunächst auf den Weg nach Hamburg zum sogenannten Glockenfriedhof. Hier fanden sie eine passende Glocke als Ersatz für die mittlere Donatusglocke. Sie stammte aus der Kirche des kleinen Dorfes Schildau in Schlesien, dem heutigen Wojanow in Polen. „Im März 1953 erhielten wir diese Glocke als Leihglocke“, erzählt Norbert Sendke (59), Kirchenvorsteher in Myhl. Zusammen mit Richard Theißen (86), der von 1957 bis 1999 Kirchenrendant der Pfarrei war, hat er sich intensiv mit der Geschichte der Myhler Glocken befasst. So können beide auch berichten, dass das Glocken-Trio 1963 durch eine neue Johannisglocke wieder komplettiert wurde. Dank der Geldspenden aus der Gemeinde war der Dreiklang wieder gegeben.

1986 erhielt Theißen dann zunächst einen Brief von ehemaligen Bewohnern Schildaus, die heute in Hannover leben. Sie besuchten Myhl, um den Klang ihrer Heimatglocke noch einmal zu hören und auf Kassette aufzunehmen. „In freundschaftlicher Verbundenheit wurde unseren Wünschen bereitwillig entsprochen, und unsere Glocke um 16.15 Uhr zunächst drei Minuten allein und im weiteren Verlauf gemeinsam mit den zwei anderen dort befindlichen Glocken geläutet“, schrieb Walter Hornig in der Ausgabe 9/1986 der Heimatvertriebenen-Zeitschrift „Schlesische Bergwacht“.

„Wir sind nicht davon ausgegangen, dass wir die Glocke noch einmal weggeben müssten“, erzählt Theißen. Doch im Oktober 2012 erreichte die Pfarrei ein Schreiben aus Polen, in dem sie gebeten wurde, die Glocke in ihren ursprünglichen Besitz zurückzugeben. Die polnische Kirchengemeinde Wojanow hatte zwischenzeitlich einen Rückführungsantrag gestellt, der vom Bundesinnenministerium genehmigt worden war. „Wir haben daraufhin Kontakt zum Bistum aufgenommen, um dort die Situation unter heutigen Gesichtspunkten juristisch prüfen zu lassen“, erklärt Sendke. „Ergebnis war, dass die Rückgabe zu erfolgen hat, weil es sich eben nur um einen Leihvertrag handelt.“ Nachdem auch der Myhler Kirchenvorstand der Rückgabe zugestimmt hatte, kam Norbert Jachmann, Glockensachverständiger des Bistums Aachen, um die aus dem Jahre 1638 stammende Glocke vor Ort in Augenschein zu nehmen. Nachdem er sich von dem guten Zustand der doch schon sehr alten Glocke überzeugt hatte, stand dem gewünschten Rücktransport nach Polen nichts mehr im Wege.

Die Myhler machten sich derweil daran, eine Gießerei für eine neue Donatusglocke zu finden. Die Pfarrei St. Marien Wassenberg, zu der seit der Fusion auch die Gemeinde Myhl gehört, beauftragte schließlich die Glockengießerei in Maria Laach mit der Fertigung einer neuen Glocke. Ein ganzer Bus voller Myhler machte sich zusammen mit Pfarrer Thomas Wieners auf den Weg, um dabei zu sein, als die flüssige Schmelze in die Form für die neue Donatusglocke floss.

Wie bereits die Johannisglocke aus dem Jahre 1963, trägt auch die neue Glocke das Myhler Wappen, zudem Schriftzüge und Verzierungen mit dem heiligen Donatus. Die fis-Glocke wiegt 720 Kilogramm und wird am Sonntag, 30. August, vom emeritierten Joachim Kardinal Meisner geweiht, der selbst aus Schlesien stammt. Noch nicht fest steht derzeit, wann und wie die bisherige Glocke den Weg in ihre alte polnische Heimat antreten wird.

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