Gezim Berisha aus dem Kosovo droht die Abschiebung

Von: Helmut Wichlatz
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Wollen ein Bleiberecht für Gezim und seiner Familie: Mitschüler der Gemeinschaftshauptschule.
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„Problematischer Fall“: Gezim Berisha. Foto: Helmut Wichlatz

Erkelenz. Gezim Berisha ist ein außergewöhnlicher Hauptschüler. Er gehört zu den Klassenbesten in seiner Abschlussklasse und hatte auch schon die Anmeldung für die Oberstufe des Cusanus-Gymnasiums in der Tasche. Denn Gezim will später Medizin studieren.

An sich ist der 16-Jährige genau der Typ Hauptschüler, den sich Schulpolitiker wünschen und der die Vorurteile gegen Hauptschüler Lügen straft. Wenn man mit ihm spricht, merkt man schnell, dass er sich seiner Sache sehr sicher ist. Oder war. Denn Gezim hat ein Problem: Er stammt aus dem Kosovo.

Im Januar 2015 kam er mit seiner Familie auf der Flucht vor Blutrache und drohendem Ehrenmord nach Deutschland. Der Asylantrag wurde damals abgelehnt, wogegen die Berishas Einspruch beim Verwaltungsgericht einlegten. Gezim wurde zwischenzeitlich an der Gemeinschaftshauptschule eingeschult und konnte schnell von der internationalen Klasse zu den Durchstartern wechseln, die den Abschluss Typ B anstreben. Den hat er mit einem Notendurchschnitt von 1,3 erreicht.

Doch dann kam der Schock. Die Familie Berisha wurde offiziell aufgefordert, in ihre Heimat zurückzukehren, weil der Kosovo als sicheres Herkunftsland eingestuft ist. Kurz: Abschiebung droht. Das wollten Gezims Mitschüler und Klassenlehrer Bodo Harm verhindern und wurden aktiv. Sie sammelten Unterschriften und schrieben unter anderem auch einen Brief an Bürgermeister Peter Jansen, in dem sie ihn baten, sich für ein Bleiberecht der Familie Berisha einzusetzen.

„Es kann nicht sein, dass sie in ein Land geschickt werden, aus dem sie vor der Verfolgung geflohen sind“, erklärt Gezims Mitschülerin Jana Frohnhoven. Sie und ihre Klassenkameraden wollen alles tun, damit Gezims Familie bleiben darf.

Schulbesuch ist kein Bleibegrund

Der hat schon Abstand genommen von seinem Ziel, am Cusanus-Gymnasium das Abitur zu machen. „Der Besuch einer weiterführenden Schule gilt nicht als Bleibegrund“, wurde er belehrt. Also handelte er und bewarb sich beim Hermann-Josef-Krankenhaus um eine Ausbildungsstelle als Krankenpfleger. Denn die ist als Grund ausreichend, um seinen weiteren Aufenthalt in Erkelenz zu gewähren. Das gilt aber nicht für seine Familie, der weiterhin eine Abschiebung in den Kosovo droht.

„Nach Ansicht der Behörden ist der Kosovo sicher“, sagt Gezim. „Für uns aber nicht.“ Denn ihm und seinem Vater drohe der Tod. Die Geschichte sei alt und für deutsche Verhältnisse kaum vorstellbar. Sein Großvater habe ein Mitglied einer anderen Familie getötet.

Nach dem „Kanun“, einer mündlichen Überlieferung des albanischen Gewohnheitsrechts, hätten nun die Angehörigen dieser Familie ihrerseits das Recht, den Sohn oder ältesten Enkel des mittlerweile verstorbenen Großvaters zu töten und so die damalige Tat zu rächen. Das klinge brachial, sei in weiten Teilen des heutigen Kosovo aber oft noch gängige „Rechtspraxis“.

Nun will der 16-Jährige erreichen, dass auch seine Familie in Deutschland bleiben darf. „Ich weiß nicht, ob ich ohne sie hier leben würde“, sagt er und weiß, dass er sich damit selbst eine Chance verspielen würde, um die ihn kosovarische Altersgenossen beneiden würden. Hinzu komme, dass seine Mutter an einem aggressiven Typ der Diabetes leide, die im Kosovo nur behandelt werden könne, wenn man Geld habe.

Kritik an Bund und Land

Bürgermeister Jansen hat Verständnis für die Sorgen der Schüler. „Doch seitens der Stadt gibt es keine direkte Möglichkeit, Einfluss zu nehmen“, betont er auf Nachfrage. Die Kommunen setzten nur Landes- und Bundesrecht um. Er habe sich jedoch mit Landrat Stephan Pusch ausgetauscht, doch auch dem Kreis als Ausländerbehörde blieben nur begrenzte Spielräume. Seine Kritik richtet sich an Düsseldorf und Berlin, wo es weder Einreisekonzepte noch ein Einwanderungsgesetz gebe.

„Die Asylsuchenden wurden in die Kommunen durchgeschoben“, kritisiert er. Darunter auch „problematische Fälle“ wie die Gezims und seiner Familie.

Die Mitschüler wollen die Flinte nicht ins Korn werfen und sich weiter für ein Bleiberecht der Familie einsetzen. „Auch wenn wir am Ende des Schuljahres auseinander gehen, werden wir in Kontakt bleiben und schauen, was wir tun können“, ist sich Jana Frohnhoven sicher.

Ihr Mitschüler Ibrahimi ergänzt knapp: „Wir sind optimistisch.“ Er selbst stammt aus Afrika, kam als Flüchtling und hat einen sicheren Aufenthaltsstatus.

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