Heinsberg-Oberbruch - Gewalt und Perspektivlosigkeit: Landestheater spielt Franz Kafkas Prozess

Gewalt und Perspektivlosigkeit: Landestheater spielt Franz Kafkas Prozess

Von: Johannes Bindels
Letzte Aktualisierung:

Heinsberg-Oberbruch. Es ist keine einseitige Sicht auf Franz Kafkas Werk „Der Prozess“, wenn der Zuschauer aktuelle Bezüge herstellt.

Denn unter Beobachtung zu stehen, weil die eigenen Daten in ungeahntem Maße nutzbar werden und zum Spielball unbekannter Kräfte zu werden drohen, ist ebenso aktuell, wie Gewalt auf den verschiedensten Ebenen zu erleben. Und die Frage nach der Eigenverantwortung für das Denken und Handeln betrifft zu allen Zeiten das menschliche Leben. Dies mit den Mitteln des Schauspiels zu verdeutlichen, gelang dem Ensemble des Rheinischen Landestheaters Neuss mit Philipp Alfons Heitmann in der Rolle des Josef K. bei der Aufführung in der Festhalle in Oberbruch.

Verwirrendes wie Verirrendes war an vielen Stellen der Aufführung spürbar, so wie beim irren, begleitenden Lachen als Störelement, das die Zuschauer traf und sie mit deutlicher Unruhe reagieren ließ. Der Wahrheit auf der Spur zu bleiben, sich nicht ablenken zu lassen, sich ihr zu stellen, verlangte Konzentration und Anstrengung an diesem Abend. Das ist beim Schauspiel nicht anders als in der Wirklichkeit.

Der Inhalt von Kafkas Prozess: Josef K., ein 30-jähriger Bankangestellter, wird an seinem Geburtstag verhaftet. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Und obwohl er auch auf Nachfrage keine Anklageinhalte erfährt, stellt sich K. einem seltsamen Verfahren vor einem Gericht, das geheim und unter Ausschluss des Angeklagten zu tagen scheint. K. fühlt sich bedroht durch ein Kräftesystem, dessen Strukturen er nicht begreift. Doch weder sein Onkel noch der einflussreiche Advokat Dr. Huld können ihm helfen.

Ihn immer mehr beeinträchtigend, zieht sich der Prozess durch K.s ganzes Leben und er verstrickt sich immer tiefer im Labyrinth einer Verwaltungsbürokratie, die nach eigenen Gesetzen zu funktionieren scheint. Immer merkwürdiger sind die Begegnungen, die K. widerfahren: junge Frauen mit rätselhafter Anziehungskraft und erstaunlichem Wissen über K.; ein Kunstmaler, der Richter mit seiner Weltsicht zeichnerisch beschreibt; niedere Angestellte des Gerichts. Niemals aber bekommt K. einen hohen Richter selbst zu Gesicht. Und Josef K. wird am Ende dennoch hingerichtet.

Obwohl das Absurde immer wieder offensichtlich wird, scheint jede Auflehnung und jeder noch so rational begründete Widerspruch erfolglos zu bleiben. Notfalls wird er von kleingeistigen Wächtern, die sich als Schergen verdingen, mit körperlicher Gewalt zur Räson gebracht.

Der nachvollziehbare Verlust des Vertrauens in den Rechtsstaat wird zwar übersteigert und überzeichnet, wenn laszive Frauen mit Vollbart erscheinen oder der Advokat in der Unterhose beratend tätig wird. Aber jede dieser Überzeichnungen ist nicht weniger bedrohlich für Josef K., denn das Rechtssystem ist in der erlebten Form krank. Der Prozess – und sei er noch so absurd – bedeutet gleichzeitig die Form der Durchführung des Gesetzes wie auch das Synonym für die Entwicklungen in einem Leben. Und auch da ist der aktuelle Bezug denkbar, wenn an den Fall Mollath gedacht wird.

Die überzeugende Inszenierung konzentrierte sich auf die grotesken Teile des Romans. Wie zermürbend das Anonyme und nicht Verstandene wirkte, sogar bis hin zur Gefahr, den Verstand zu verlieren, mündete in der Parabel des Türhüters als Fingerzeig auf das Ende durch die Hinrichtung.

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