Gesprächsreihe: Thilo Sarrazin präsentiert sein „Wunschdenken“

Von: Mirja Ibsen
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Konzentriert und kritisch war das Publikum in der Buchhandlung Gollenstede. Zwei Stunden sprach Bestsellerautor Thilo Sarrazin mit dem Heinsberger Redaktionsleiter Rainer Herwartz und dem Publikum über sein neues Buch „Wunschdenken“. Fotos (4): agsb Foto: agsb

Heinsberg. Thilo Sarrazin lebt gefährlich. Wo er auftritt, da muss Security vor Ort sein. Auch in Heinsberg, wo sich der Ex-Bundesbanker, Bestsellerautor und SPD-Politiker den Fragen unseres Redaktionsleiters Rainer Herwartz stellte.

Aber das Sicherheitspersonal in der Buchhandlung Gollenstede und die Polizisten samt Schutzhund vor der Tür hatten einen ruhigen Abend. Diesmal gab es keine Demonstranten mit Plakaten wie vor fünf Jahren, als er sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ vorstellte.

Dabei ist die Lage in Deutschland eine andere als vor fünf Jahren, die Botschaft Thilo Sarrazins ist die gleiche. Wieder zählt Sarrazin akribisch auf, was schief läuft in Deutschland. Diesmal aber, so verspricht er, liefert sein Buch auch eine Anleitung zum Bessermachen. „Wunschdenken“ heißt es.

Wieder bekommt Sarrazin dafür jede Menge Gegenwind. Und Sarrazin wehrt sich. Was er dazu sage, dass der ehemalige Hamburger Bürgermeister Ole von Beust meinte, man müsse Stimmen wie seine gesellschaftlich isolieren, weil sie den Hass schüren. „Ich nehme an, dass er noch nie ein Buch von mir aufgeschlagen hat. Der lebt geistig von der Hand in den Mund.“ Auch den Rezensenten, die reflexartig seine Buchveröffentlichungen mit verheerenden Kritiken garnieren, attestiert er „Lesefaulheit“, und dem türkischen Taxifahrer, der sich weigerte, ihn zu fahren, unterstellt er, „der fährt bestimmt sowieso schwarz“.

Erst lesen, dann kritisieren, das ist seine grundsätzliche Empfehlung. Und dann vor allem Kapitel fünf. Ab Seite 345 schreibt er das, was er in seinem Vorwort ankündigt: Ein Rezept dafür, wie man es besser macht, wie Deutschland zum Weltfrieden beitragen kann, wie mit Flüchtlingsströmen aus Vorderasien und Afrika umgegangen werden sollte, über sichere Grenzen, kulturelles Erbe und Arbeit für alle. Zuvor jedoch ist allerdings auf mehr als 400 Seiten das Versagen in Europa, bei der Bildung, bei der Währung und der Einwanderung sein Thema.

Im Gespräch auf dem Podium ging es dann auch um die AfD. Hat die Partei versucht, ihn als prominentes Aushängeschild zu gewinnen? Man habe ihn angesprochen, sagt Sarrazin, damals, im Jahr 2013, als die Partei gegründet wurde, aber er habe abgelehnt. Zum einen, weil eine Partei lange brauche, um sich zu etablieren und er dann zu alt wäre und zum anderen war er der Meinung, dass in allen Parteien noch ein paar vernünftige Leute bleiben müssten. „Ich bleibe in der SPD.“

Sarrazin erklärt auch, warum die EU ohne gemeinsame Grenzsicherung und ohne EU-Außenminister nicht funktioniere, warum er glaubt, dass der Brexit den Briten nicht schadet und warum Merkel eine „bedingungslose Vollstreckerin des Zeitgeistes ist“, aber Szenenapplaus gibt es, als Sarrazin sagt: „Integrationsmängel beruhen immer auf denen, die sich integrieren. Integration ist eine Bringschuld.“

Sarrazin agiert mit Zahlen. Das ist sein Metier. Und er bemüht sich, sachlich zu bleiben. Wenn er kritisiert, dass ein Ausländer, der sich an die deutsche Grenze stelle und das Wort Asyl ausspreche, direkt wie ein deutsches Rechtssubjekt behandelt werde, dann sagt er auch: „Es ist ganz falsch, den Flüchtlingen Vorwürfe zu machen. Das habe ich im Übrigen auch immer vermieden.“ Denn er könne verstehen, wenn sich die Menschen auf den Weg machen, um in Deutschland ein besseres Leben zu finden, wenn es ihnen so leicht gemacht werde. Und nachdem er mit Zahlen belegt hat, warum genau dieser Weg Deutschland Milliarden kosten werde, sagt er auch, wie er es anders machen würde. Nämlich wie die Australier. Die retten die Bootsflüchtlinge, statten sie mit funktionstüchtigen Booten aus – und schleppen sie wieder zurück an die Küsten, von denen sie aufgebrochen sind.

Zumindest einem im Publikum schmeckt das nicht. Was man denn tun solle gegen Putin, Assad, die Terrorgruppe IS und ihre blutige Herrschaft? Sarrazins Antwort: Nichts. „Wir sollten nicht eingreifen, nicht intervenieren, keine Waffen liefern. Humanitäre Hilfe leisten, aber das ist es“, sagt er. Man müsse die Konflikte dort lösen, wo sie entstehen. „Wenn sich die Sunniten, die Schiiten, die Kämpfer der IS und die Aleviten nicht einigen können, dann müssen sie sich eben bekämpfen.“ Das Wort „ausbrennen“, klingt den Zuhörern in den Ohren. Sarrazin sagt wirklich ausbrennen, und meint damit die Konflikte.

Und doch sitzt da ein Fan, oder? „Ich möchte Sie gerne mit nach Hause nehmen“, sagte eine Dame mit kurzem Haar, „um mit Ihnen den ganzen Abend zu diskutieren.“ Zum Beispiel darüber, wie man der AfD begegnen könne. Sarrazins Lösung: Die Europäische Währungsunion auf andere Füße stellen, das Asylrecht überarbeiten, dann bliebe die AfD einstellig.

Warum das nicht gemacht werde? Angela Merkel habe wegen ihres vollen Terminkalenders vermutlich nicht genügend Zeit nachzudenken. Sarrazin empfiehlt: „Weniger tun und das richtig tun.“

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