Wassenberg-Ophoven - Gespräch mit St. Martins Pferd: Hinterher gibt's immer Möhren

Gespräch mit St. Martins Pferd: Hinterher gibt's immer Möhren

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„Bäh! Kamera mit Nachgeschmack!“ Schleckermäulchen Gina mag Süßes – und Laternen. Aber letztere werden natürlich nicht angeknabbert, wenn sie beim Martinszug unterwegs ist. Dafür sorgt ihr Chef. Pferdepflegerin Caro Schetters sorgt für das glänzende Fell der Friesenstute. Foto: M. Ibsen (2), Stock/Karina Hessland
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Nicht nur Sankt Martin hat im Moment Hochsaison. Auch sein Pferd ist im Dauereinsatz.

Wassenberg-Ophoven. Gäbe es ein Wörterbuch Pferdisch/Deutsch, Deutsch/Pferdisch, das wäre jetzt prima. Leider kommunizieren Pferde wortlos. Man kann mit ihnen sprechen, aber sie antworten, nun ja, auf ihre eigene Weise.

Selbst wenn es nicht irgendein Zosse, sondern ein ganz besonderes Pferd ist: St. Martins Ross. Aber es wäre doch interessant zu erfahren, wie das ist, einen Mann mit langem Mantel (der immer so an der Kruppe kitzelt) durch die Nacht zu tragen, vorbei an flackernden Lichtern, schwatzenden Kindern, trötenden Musikanten. Unsere Redakteurin Mirja Ibsen hat es versucht und mit St. Martins Ross „geflüstert“.

Da steht sie. Lange Wimpern, glänzende Augen, schlanke Fesseln: Gina. 20 Jahre alt. Ein paar weiße Haare vorne an der Blesse verraten, dass sie schon eine ältere Dame ist. Aber ihr Rücken, der ist noch kerzengerade. Sie wohnt in Ophoven, im Stall von Horst Hamacher. Bei den Martinszügen in Ophoven, Orsbeck, Effeld und Kempen wird sie in diesem Jahr den St. Martin tragen.

Na, schon aufgeregt?

Ginas langer schwarzer Schweif hängt locker runter. Die Ohren? Nach hinten gedreht. „Uah, langweilige Frage“, heißt das wohl. Warum sollte die Friesenstute auch aufgeregt sein. 17 Jahre macht sie das schon. Sie hat jahrelang die Kutsche vom Nikolaus über den Weihnachtsmarkt in Ophoven gezogen, und sie läuft bei Schützenumzügen ganz nah mit der Nase am Trommelkorps vorbei. Ohne zu zucken. Das hat Horst Hamacher mit ihr geübt. Auch diesmal wird er vorher mit ihr noch bei der Probe der Trommler vorbeischauen.

Dein Chef, was ist das für einer?

„Ganz klar einer mit Helfersyndrom. Zieht sich jedes Jahr zur gleichen Zeit einen langen roten Mantel und einen komischen Helm an. Und dann macht er sich in stockfinsterer Nacht auf den Weg. Zum Glück gibt es da die Kinder mit den bunten, tanzenden Lichtern. Die zeigen, wo es lang geht. Denen folgen wir, bis wir so einen armen, zerlumpten Kerl erreichen. Und dann macht mein Chef seinen Mantel kaputt. Jedes Jahr aufs Neue. Keine Ahnung, warum. Aber hinterher gibt es immer Möhren.“

Was hältst Du von Laternen?

Gina knabbert am Kameraobjektiv. „Schmeckt die? Bäh, nee. An den Laternen würde ich auch gerne knabbern. Die sehen interessant aus: kunterbunte, kugelrunde Lichterbälle. Aber mein Chef lässt mich ja nie da ran. Dabei liebe ich Süßes, Kekse und Co. Möhren sind auch gut. Ich würde die Kinder gerne mal fragen, was das für lustige hüpfende Dinger sind. Nur an dem Leuchtdings vom Sohn vom Chef durfte ich mal schnuppern. Das ist aber schon Jahre her. Schmeckte aber nicht. Zu fade. Die Kinder sollten lieber Möhren am Stiel tragen, das wäre fein.“

Hast Du Angst vor dem Feuer?

Keine Regung. Kein Zucken. Kein Augenrollen. Gina bleibt gelassen. „Ach was, da passiert doch nichts. Mein Chef hat neben mir Regenschirme auf und zu geklappt. Hat Luftballons platzen lassen. Raschelte mit Tüten, wedelte mit Tüchern. Ganz witzig, aber harmlos. Meinem Chef, dem vertraue ich. Wo der hingeht, da gehe ich auch hin. Und wenn da Feuer ist, dann ist es da eben heiß.“

Was für ein Typ Pferd braucht St. Martin?

Gina hat ihren linken Hinterhuf ganz entspannt auf die Spitze gestellt. Martins Pferd werden, das kann nicht jedes. Das muss schon ganz besonders sein. „Gemütlich, gelassen, gutmütig. Mein Heuträger sagt immer, an mir, da sei nichts Böses dran. Ich hätte einen sauberen Charakter. Naja, die Caro, die putzt ja auch immer fleißig.“

Hast Du viele Fans?

Gina klimpert mit ihren langen Wimpern und dreht den Kopf. Ein Ohr nach hinten eines nach vorne das ganze Pferd pure Aufmerksamkeit. „Klar! Sogar Liebesbriefe bekomme ich. Gut, sie waren an „St. Martin“ adressiert. Aber darin stand in Kleinmädchenhandschrift: ‚Lieber St. Martin, Dein Pferd ist so toll!‘ Noch Fragen?“

Ist Schwarz das neue Weiß?

Gina hat genug und zeigt ihr beachtliches, frisch gestriegeltes, rabenschwarzes Hinterteil. Verstanden. Diese Frage findet sie wohl völlig überflüssig. Und sie hat Recht. Ob St. Martins Pferd jetzt ein Schimmel oder ein Rappe ist, ist doch völlig schnuppe. Denn laut Manfred Becker-Huberti, Professor für Theologie, hatte Martin von Tours, der echte St. Martin, überhaupt gar kein Pferd. Das sei eine Erfindung des Mittelalters. Wichtige Persönlichkeiten wurden in der Regel auf einem Pferd dargestellt. Deshalb wurde auch der großherzige Bischof von Tours auf ein Ross gesetzt. Auf Statuen, Gemälden, Holzschnitten und bei den Martinsumzügen. Dass dieses Pferd meist ein weißes ist, hat wohl auch damit zu tun, dass es bei den abendlichen Umzügen besser zu sehen ist. Aber Gina ist schwarz, tiefschwarz. Eine echte Friesin von niederländischem Geblüt. Und Friesen sind bekannt für ihre Gutmütigkeit, ihren Sanftmut und ihre Geduld. Deshalb hat Gina auch all‘ diese Fragen ertragen, ohne zu bocken.

Danke für das, ähm, Gespräch.

(Übersetzung Pferdisch/Deutsch mit Hilfe von Horst Hamacher)

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