Geschichte der Heimat: Franzosen, Lehnsherrn und alte Sagen

Von: Daniel Gerhards
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Historische Dokumente, Orte und Aufnahmen sind häufig Grundlage heimatgeschichtlicher Forschung: Zum Beispiel ein Papier aus dem Erkelenzer Stadtarchiv...
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...eine historische Fotografie der Mühle in Schafhausen...
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...ein Bild der Seidenweberei Krahnen & Gobbers in Wassenberg...
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...und die Schlangenkapelle, einer der sagenumwobenen Orte in Heinsberg.
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Bei seinen Führungen hat er schon mehr als 5300 Menschen die Geschichte Heinsbergs erklärt: Stadtführer Helmut Hawinkels. Fotos: Gerhards (3); Repros: Gerhards (2)/Quellen: Heimatverein Wassenberg und Heimatverein Schafhausen

Heinsberg/Wassenberg. Ist die Vergangenheitslust die neue Landlust? Es scheint so, wenn man sich anschaut, wie viele hervorragend gemachte Magazine sich mit Kultur-, Religions- und Sozialgeschichte beschäftigen. Auch in den Buchhandlungen reicht der Stellplatz für die historischen Sachbücher und Romane kaum noch aus.

Aber um welche Geschichte geht es überhaupt? Um die deutsche Geschichte? Und gibt es so etwas überhaupt? Oder setzt sich die deutsche Historie viel mehr aus den Geschichten der Regionen, der Städte und Dörfer zusammen? Dieser Ansatz verleiht der Arbeit der vielen Heimatforscher besonderes Gewicht.

Offenbar ist die Historie der Heimat für viele Menschen äußerst spannend. Aber warum beschäftigt man sich nun damit und nicht mit der großen Weltgeschichte, sagen wir, mit der Französischen Revolution? Die Antwort fällt Sepp Becker, dem Vorsitzenden des Heimatvereins Wassenberg, leicht: Beim Thema Französische Revolution ist Sepp Becker ruckzuck in Wassenberg.

1794 gelangte General Jean Baptiste Bernadotte mit seinen französischen Truppen über die Rur, die Verteidigungslinie im Krieg zwischen Frankreich und den Verbündeten Österreich und Preußen war damals in Wassenberg. Bernadotte eroberte Wassenberg, übernachtete mehrfach in der Stadt und wurde später König von Schweden.

Noch heute tragen seine Nachfolger die schwedische Königskrone. Aus dieser Zeit ist heute noch einiges in Wassenberg geblieben: „Wenn man auf dem Roßtorplatz steht, dann sieht man noch, welches Haus aus der Franzosenzeit stammt und welches aus der Jülicher Zeit“, sagt Becker.

Bei den vielen Facetten, die die lokale Historie hat, hat Becker ein Thema gefunden, das ihn besonders packt: die jüdische Geschichte Wassenbergs. Auslöser dafür war, dass die Gesamtschule, an der Becker lehrte, den Namen des jüdischen Mädchens Betty Reis bekam. Reis kam aus Wassenberg und wurde von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager umgebracht.

Becker lernte Bettys Bruder Walter kennen und erfuhr eine Menge über das kurze Leben von Reis. „Das hat etwas in mir ausgelöst. Das beschäftigt mich seither stark“, sagt er. Die Stolpersteine und das Mahnmal am ehemaligen Standort der Synagoge sind nur zwei Projekte, anhand derer der Heimatverein dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte aufgearbeitet hat.

Vieles von seinem historischen Wissen über Wassenberg gibt Becker weiter. Er führt mehr als 1000 Menschen pro Jahr durch Wassenberg.

Ähnlich fleißig bringt Helmut Hawinkels den Menschen seine Heimat näher. Er hat bereits rund 5320 Menschen in rund 300 Führungen durch Heinsberg begleitet. Aber er forscht nicht selber. Wenn man so will, redet er bloß über die Geschichte. Das macht er seit elf Jahren, damals hatte er einen Heinsberger Stadtführer herausgebracht.

Hawinkels habe sich schon als Kind für die Vergangenheit interessiert, sagt er: „Ich hatte Bücher mit alten Sagen. Da ging es zum Beispiel um Heinrich den Löwen. Das hat mich unheimlich fasziniert.“ Auch sein Lieblingsort in Heinsberg hat etwas Sagenumwobenes: die Schlangenkapelle. Die Geschichte dazu geht so: In der Franzosenzeit, um 1800, sollte die Kapelle, die zum Gut Klosterhof gehörte, dem Erdboden gleichgemacht werden. So lautete jedenfalls der Befehl der Besatzer.

Als die Arbeiter damit begannen, die Kapelle abzureißen, seien aber Schlangen aufgetaucht, die sie vertrieben. Und so steht die Kapelle noch heute am Ende einer schmalen Allee am westlichen Ortsrand von Heinsberg. „Bei den Führungen fragen die Kinder dann immer, wie viele Schlangen es waren und wie groß die waren“, sagt Hawinkels. Die Antwort darauf liege im Ermessen des Betrachters. Aber in jedem Fall hätten die Schlangen, die in religiösen Texten oft das Böse symbolisieren, die Kapelle gerettet.

Mit solchen Geschichten fesselt Hawinkels seine Zuhörer bei seinen Führungen durch die Innenstadt, über Burg- und Kirchberg und über den Friedhof. Seit einiger Zeit bietet er auch kulinarische Stadtführungen an, bei denen es neben fabelhaften Sagen und historischen Daten auch gutes Essen gibt. Zu diesen Führungen legt Hawinkels sein Gewand an, das ihn wie einen Vertreter des historischen Heinsbergs erscheinen lässt.

Dass das Interesse an der lokalen Historie keineswegs abnimmt, belegen nicht nur die vielen historischen Stadtführungen und die stetig erscheinenden heimatgeschichtlichen Publikationen. In Schafhausen hat sich Anfang des vergangenen Jahres ein Heimatverein völlig neu gegründet. Mittlerweile hat er rund 70 Mitglieder.

Alles begann damit, dass sich Hans-Josef Heuter ein Buch des Liecker Heimatforschers Hubert Behrens beim historischen Verein Waldfeucht auslieh. Das Werk, „Der Lehnshof und die Mühlen von Schafhausen“, inspirierte ihn, weiterzuforschen. Er teilte das Buch in zwei Bände und ergänzte sie zum Beispiel mit einer Ahnentafel des letzten Lehnsherrn Peter Wilhelm von den Driesch. Außerdem beschreibt er das Heiligenhäuschen, das Dorfkreuz, die Schule und die Kirche von Schafhausen. Mittlerweile ist Heuter Geschäftsführer des Vereins, der die beiden Bände herausgegeben hat. Die Ortsgeschichte möchte der Verein weiter aufarbeiten.

Schafhausen entstand wohl zwischen 500 und 800 nach Christus, gegründet von Namensgeber Gottfried von Schaphusen und erstmal erwähnt 1217 anlässlich einer Stiftung durch Dietrich I. von Heinsberg. Zwischen diesem Ausgangspunkt und der Gegenwart gibt es für die Schafhausener Heimatforscher noch viel aufzuarbeiten.

Selbst der 1897 gegründete Heimatverein Wassenberg hat noch längst nicht alle weißen Flecken in der Geschichtsschreibung über den Ort beseitigt. „Als Heribert Heinrichs sein umfassendes Werk über die Geschichte Wassenbergs veröffentlichte, dachte ich, jetzt ist die Forschung zu Ende“, sagt Becker. Mittlerweile sieht er das ganz anders. Mitglieder des Vereins sammeln immer wieder neue Erkenntnisse. Auch zu Themen, die schon bei Heinrichs vorkamen.

Ist es nun die Neugier? Die Suche nach den eigenen Wurzeln? Oder der Bezug zum Lauf der großen Weltgeschichte, der die Heimathistoriker begeistert? Becker findet, dass viele Menschen in der Vergangenheit nach Antworten auf die Fragen der Gegenwart suchen: „Das Heute versteht man nur, wenn man die Vergangenheit begreift.“

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