Gesamtschule geht neue Wege: Individualität und Selbstverantwortung

Von: Rainer Herwartz
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Marion Jakobs nimmt sich im Lernbüro für den Deutsch-Unterricht und ihre Schüler viel Zeit. Jeder wird dort unterstützt, wo er gerade ihre Hilfe benötigt. Foto: Rainer Herwartz
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Gesamtschulleiter Peter Ruske geht in der neuen Schule auch neue Wege.

Heinsberg-Oberbruch. „Arbeiten wir anders als andere Gesamtschulen?“ Die Frage stellt der neue Chef der Städtischen Gesamtschule in Heinsberg-Oberbruch, Peter Ruske, rein rhetorisch in den Raum, um sie auch gleich selbst zu beantworten: „Ja, das tun wir!“

Und er ist überzeugt von dem, was er und seine Kollegen da auf die Beine gestellt haben. Im Kreis Heinsberg gebe es dies jedenfalls noch nicht, da ist er sicher. Doch was versteckt sich hinter den Projekten „Lernen in Lernbüros“ und „Gemeinsamer Anfang“?

Strukturierter Alltag

„Wir haben unseren Alltag so strukturiert, dass die Kinder zunehmend in ihrem eigenen Tempo und Niveau arbeiten können. Das heißt, wir nehmen jeden Unterrichtstag bereits morgens bei einem ,Gemeinsamen Anfang‘ in den Blick.“ Es handele sich im Prinzip um eine ritualisierte Sozialübung, beschreibt Ruske, was dort geschieht. „Die Kinder einer Klasse sitzen eine halbe Stunde lang im Stuhlkreis und halten zum Beispiel Klassenrat, der sich mit einer Verbesserung des Klassenklimas beständig auseinandersetzt.“ Auch die Betreuung eines Lerntagebuchs, an der Gesamtschule in Oberbruch Navigator-Pflege genannt, kann hier erfolgen. Dieser Schulbeginn biete Zeit für Sozialübungen mit der Sonderpädagogin oder eine Wochenendreflexion. „Das ist ja sehr wichtig“, glaubt Ruske. „Wenn ein Kind ein schlechtes Wochenende hatte, wird es in diesem Rahmen aufgefangen.“

Freitags werde der „Gemeinsame Anfang“ in den Klassen durch das sogenannte Assembly ersetzt, eine Schulversammlung aller derzeit 111 Schüler und zehn Lehrer in der Aula. „Während wir im Klassenverband eine Kultur der Wertschätzung für das einzelne Kind pflegen, steigern wir dies in der Schulversammlung dadurch, indem wir dort die Kinder öffentlich loben. In der Lobkultur werden rückblickend auf die Woche tolle und hilfreiche Leistungen gewürdigt.“ Was auf den ersten Blick bei eher nüchtern veranlagten Zeitgenossen vielleicht etwas „sehr alternativ“ wirken mag, erklärt Ruske so: „Das Lob in der Gruppe dient der Stärkung der Persönlichkeit und schafft eine positive Grundhaltung für die Übernahme von Verantwortung.“

Eine weitere Besonderheit der Oberbrucher Gesamtschule sei das „Lernen in Lernbüros“, erklärt der Schulleiter. Es werde für die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch umgesetzt. „Hier geht es nicht, wie in ähnlichen Konzepten üblich, um die Wiederholung oder Vertiefung von Lerninhalten, sondern um Kompetenz erwerbendes Lernen. Die Unterrichtseinheiten in den Lernbüros sind Bausteine, die bearbeitet und erfolgreich abgeschlossen werden müssen. Am Ende kann der Schüler individuell den Zeitpunkt seiner schriftlichen Prüfungsarbeit bestimmen.“

Wer nun jedoch gleich befürchtet, durch so viele selbstbestimmte Lernentscheidungen seien im Unterricht der Anarchie Tür und Tor geöffnet und zum Schluss würden die lieben Kleinen überhaupt nur noch dann lernen, wenn sie Lust dazu haben, irrt sich gewaltig. Ein Blick in ein solches Lernbüro zeigt das genaue Gegenteil. Es herrscht eine konzentrierte, produktive Stille. Frontalunterricht gibt es hier nicht. Immer wieder wechselt Deutschlehrerin Marion Jakobs ihren Platz. Gesellt sich einfühlsam zu dem Kind, dass gerade ihre Unterstützung benötigt. Die kleinen Gruppen und anzufertigenden Lernprotokolle verhindern dabei, dass ein Kind der Aufmerksamkeit der Lehrerin entgeht.

„Wir haben uns für diese Schüler aktivierende Lernform entschieden, weil gleichzeitig mehrere Aspekte wie individuelle Förderung, Selbstverantwortung und Lerneffizienz erzielt werden“, erläutert Ruske. „Zudem enthält das Konzept der Lernbüros eine probate Antwort auf einen inklusiven Schulalltag.“ Gleichwohl räumt Ruske ein: „Auch für uns Lehrer ist das Konzept Neuland. Die Berliner Schulleiterin Margret Rasfeld hat es in ihrer Schule entwickelt und in mehreren Veröffentlichungen darüber berichtet.“

Mittlerweile gebe es sogar schon Eltern, die in der Schule hospitieren möchten, um das Modell kennenzulernen. „Auch andere Schulen aus dem Kreis interessieren sich für unser Konzept“, freut sich Ruske. „Ziel ist die möglichst optimale Potenzial-entfaltung jedes Schülers.“ Und welche Schule sollte diesen Gedanken nicht unterstützen . . .

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