Heinsberg - Gehören Centstücke beim Einkaufen bald der Vergangenheit an?

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Gehören Centstücke beim Einkaufen bald der Vergangenheit an?

Von: Sonja Essers
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Geldbörsen, in denen viele Ein- und Zwei-Cent-Münzen liegen, kennt wohl jeder. Vielen Kunden sei das Suchen an der Kasse unangenehm, sagen viele Einzelhändler. Foto: stock/Schöning
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Die Kunden von Einzelhändlerin Anne Dreßen zahlen meist mit EC-Karte. Rotgeld ist in ihrer Kasse kaum zu finden. Foto: Sonja Essers

Heinsberg. 99 Cent für ein Croissant und 2,99 Euro für das Schwarzbrot mit Sonnenblumenkernen. Ein älterer Mann, nennen wir ihn Herrn Müller, nutzt den Einkauf beim Bäcker, um das überfüllte Portemonnaie von Ein- und Zwei-Cent-Stücken zu befreien. „Vier Cent fehlen noch“, macht ihn die Verkäuferin aufmerksam. Einige Sekunden vergehen bis Herr Müller die Münzen aus seiner Geldbörse gefischt hat. In der Schlange kommt das allerdings nicht ganz so gut an. „Warum dauert das denn so lange?“, fragt ein junger Mann. So sieht ein ganz gewöhnlicher Nachmittag in einer gewöhnlichen Heinsberger Bäckerei aus.

In dem rund 120 Kilometer entfernten Kleve gehören Situationen wie diese mittlerweile der Vergangenheit an. Der Grund: Dort hat ein Großteil der Einzelhändler die Ein- und Zwei-Cent-Münzen aus den Kassen verbannt. Anstatt Wechselgeld herauszugeben, runden sie auf und ab. So fällt die ungeliebte Wartezeit weg.

Was man sich unter dem Kleve-Modell vorstellen kann? Ganz einfach: Kostet der Notizblock im Schreibwarengeschäft 2,48 Euro, zahlt der Kunde 2,50 Euro. Ist die Flasche Rotwein im Feinkostladen mit 24,92 Euro ausgezeichnet, so fallen „nur“ 24,90 Euro an. Eine Vorgehensweise, die auch in Heinsberg bald schon zum Alltag dazugehören könnte?

Elke Hübscher und Veronika Voigt, Verkäuferinnen in einem Lotto &Toto-Geschäft, stünden einer Umstellung positiv gegenüber. „Gerade bei älteren Leuten würde das bestimmt gut ankommen. Sie haben oft das ganze Portemonnaie voller Kleingeld und sind froh, wenn sie es hier loswerden können“, sagt Voigt, und Hübscher gibt zu bedenken: „In den großen Supermärkten geht genau das nämlich nicht, weil es da zu hektisch ist.“

Dass es manchen Kunden nicht schnell genug geht, erlebt Dagmar Liebeton-Eschweiler in ihrem kleinen Feinkostladen regelmäßig. Deshalb würde sie gerne auf Ein- und Zwei-Cent-Stücke verzichten: „Ich wäre begeistert, wenn es wirklich so weit kommen würde.“ Seitdem Kleve umgestellt hat, sei der Verzicht auf die Cent-Stücke auch bei ihren Kunden Gesprächsthema Nummer eins. „Alle, mit denen ich bisher darüber gesprochen habe, finden die Idee gut“, sagt sie.

Verwunderlich ist es nicht, dass Kunden und Einzelhändler eine solche Entwicklung begrüßen würden. Die Nachteile des Kleingeldes sind schnell aufgezählt: Schließlich beult es nicht nur den Geldbeutel ganz schön aus, sondern kostet die Händler auch eine Menge Geld. Aufgrund einer EU-Verordnung sind die Banken seit dem vergangenen Jahr nämlich dazu verpflichtet, jede einzelne Münze auf ihre Verkehrssicherheit und Echtheit zu überprüfen.

Bevor Cent- und Eurostücke also in die Geldbörsen und Kassen wandern, liegt bereits ein langer und teurer Prüfweg hinter ihnen. In sogenannten Safebags wird das Kleingeld zunächst zu einer zentralen Prüfstelle transportiert, wo mit neuen, teuren, zertifizierten Automaten geprüft wird, ob die Münze echt und nicht beschädigt ist. Ein aufwendiges Verfahren, das Geld kostet.

Worüber sich viele Einzelhändler ärgern: Der Aufwand ist viel zu groß. In der Bundesrepublik taucht gerade einmal eine gefälschte Münze unter 100.000 Exemplaren auf. Damit übersteigen die Prüfkosten deutlich den finanziellen Schaden, der durch Fälschungen entstehen könnte. Im Jahr 2013 registrierte die Bundesbank nur 52.000 Münzfälschungen. Maximaler Schaden: 104.000 Euro.

Viele Banken geben diese Kosten an ihre Kunden weiter. Die Sparkasse Aachen erhebt beispielsweise für Geschäftskunden in der Städteregion pro abgegebenem Münzbeutel eine Gebühr von 4,50 Euro. Die Abgabe von bis zu 50 Münzen bleibe kostenfrei, Privatkunden müssten weiterhin nichts zahlen.

Im Kreis Heinsberg werden für Geschäftskunden bis zu einer Menge von 250 Münzen je Tag und Konto keine Gebühren erhoben, sagt Thomas Aymans von der Kreissparkasse Heinsberg. Überschreiten die Geschäftskunden diese Grenze, werden sie mit 0,5 Cent je Münze an den Kosten beteiligt. Wie das genau aussieht? „360 Münzen zu 0,5 Cent je Münze ergeben eine Gebühr von 1,80 Euro“, sagt Aymans. Für Privatkunden ist das Verfahren auch im Kreis Heinsberg kostenfrei.

Für Geschäftsleute, die oft mehrmals pro Woche ihr Kleingeld zur Bank bringen, bedeutet diese Verordnung also Zusatzkosten. In Kleve runden die Einzelhändler genau aus diesem Grund die zu zahlenden Beträge auf und ab. Eine Vorgehensweise, die auch in den Niederlanden bereits seit etlichen Jahren praktiziert wird.

„Kein großes Thema“

In der Kasse von Einzelhändlerin Anne Dreßen, Inhaberin eines Bekleidungsgeschäftes an der Patersgasse, sucht man Ein- und Zwei-Cent-Stücke ebenfalls vergeblich. „Bei uns ist das kein großes Thema. Wir haben die Preise angepasst und enden immer auf fünf Cent.“ Knapp die Hälfte ihrer Kunden zahle sowieso mit der EC-Karte. Dreßen kann dem Auf- und Abrunden der Preise nur Gutes abgewinnen. „In den Niederlanden ist das schon seit Jahren so. Ob das auch im Supermarkt klappt, ist fraglich. Das kommt wahrscheinlich darauf an, wie scharf dort kalkuliert wird“, mutmaßt sie.

In den Bäckereien spielen Cent-Münzen seit jeher eine große Rolle. „Wir haben schon immer mit Pfennigbeträgen zu tun. Manchmal wollen die Kunden aber gar kein Rückgeld“, sagt eine Angestellte. Sie hat eine klare Meinung zu dem Kleve-Modell: „Warum soll das hier nicht funktionieren? Ob das Brot 2,99 Euro oder 3 Euro kostet, das spielt im Endeffekt doch gar keine Rolle, solange es schmeckt.“

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