Garzweiler: Tagebaugegner sind „ziemlich zufrieden“

Von: Ingo Kalauz
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An der Tagebaukante: Die Braunkohlebagger dürfen nicht mehr schier unaufhaltsam – wie in Borschemich – heranrücken. Foto: Klassen
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Der Eggerather Hof gehört neben dem Weyerhof und dem Roitzerhof zu den drei Höfen, die abgebaggert werden. Foto: Klassen

Erkelenz. An diesem herbstlichen Septembertag sollte eigentlich die Sonne über der 1400-Einwohner-Gemeinde Holzweiler am östlichen Rand des Stadtgebietes von Erkelenz scheinen. Denn es ist ein guter Tag für Erkelenz. Aber der Himmel ist grau und wolkenverhangen.

Deshalb sieht man sie nicht, die Bagger, die sich unaufhörlich auf den inzwischen menschenleeren Ort Immerath voranfressen. Das Dorf mit dem „Dom“ liegt nur einen Steinwurf weit von der Ortsgrenze des ehemaligen Seilerdorfes entfernt. Aber dort ist dann Schluss, Aus: Endstation für die nach Braunkohle greifenden Bagger des Energieriesen RWE Power.

400 Meter Abstand von der Wohnbebauung in Holzweiler müssen die Schaufelradbagger einhalten – so hat die Politik das jetzt entschieden. Und dem muss sich das Unternehmen, dessen Wert sich seit der Energiewende halbiert hat und das also in argen finanziellen Nöten steckt, beugen.

Holzweiler, das ist durch die Entscheidung in Düsseldorf jetzt sozusagen in Stein gemeißelt, Holzweiler bleibt stehen; RWE wird auf die Förderung von rund 400 Millionen Tonnen Braunkohle verzichten müssen. Vielleicht ist man in der Chefetage des Unternehmens in Essen ganz froh darüber – wer weiß das schon.

Froh und ziemlich zufrieden, was da in die Leitentscheidung der Landesregierung reingeschrieben wurde, sind jedenfalls die, die schon immer gegen den Tagebau Garzweiler II im Erkelenzer Land gekämpft haben. Hans Josef Dederichs, Aktivist der ersten Stunde und langjähriger Sprecher der Bürgerinitiative „Stoppt Rheinbraun“, zum Beispiel. „400 Meter Abstand von der Wohnbebauung ist okay“, sagt er. Aber natürlich, fügt er flugs an, „natürlich hatten wir noch mehr erhofft“. Auf alle Fälle ist das gut für Holzweiler und die Menschen, die dort ihr Zuhause haben. Und es ist gut für die Ortsentwicklung“, sagt Dederichs.

„Perspektive für Holzweiler“ nennt sich die Interessengemeinschaft (IG), die sich genau diesem Ziel verschrieben hat. Brigitte Kaulen ist so etwas wie deren Sprecherin: „400 Meter weg vom Tagebaurand ist ne Hausnummer, mit der wir leben können“, sagt sie. Aber natürlich wäre ihr jeder Meter mehr („500 Meter Minimum“ lautete eine Forderung der IG) lieber gewesen. In den nächsten Wochen und Monaten gehe es jetzt darum, „in konstruktiven Gesprächen mit der Stadt eine Infrastruktur für den Ort zu entwickeln“, sagt Brigitte Kaulen. „Holzweiler braucht eine Zukunft“ hat sich ihre IG auf die Fahne geschrieben.

Wilfried Loerkens, selbst von der Umsiedlung betroffener Borschemicher, holt in diesen herbstlichen Tagen seine letzten Dinge aus Haus Paland („Am nächsten Donnerstag ist der 1. Oktober, dann muss ich hier raus sein.“) und schafft sie in sein neues Wohnhaus in Borschemich (neu). Er beurteilt die Leitentscheidung der Landesregierung inhaltlich ähnlich wie sein Ratskollege Hans Josef Dederichs von der grünen Fraktion – der Christdemokrat formuliert es allerdings sehr viel rheinischer: „Je mehr Abstand, umso besser. 400 Meter ist auch nicht viel. Aber natürlich ist das mehr als 100 Meter.“

Und dann sagt er noch etwas, was viele in Erkelenz, nicht nur die Betroffenen in Holzweiler, sofort unterschreiben würden: „Wenn man mich vor ein paar Monaten gefragt hätte: Ich hab doch niemals geglaubt, dass Holzweiler überhaupt stehen bleiben würde.“

Aber das ist nun so. Maximalziele allerdings sind in der Politik selten reale Vorgaben; und so mischt sich in die Freude etwas ein, das einen faden Nachgeschmack hinterlässt: Die drei vor Holzweiler in Richtung der Kernstadt Erkelenz liegenden Höfe, der Eggerather Hof, der Weyerhof und der Roitzerhof, müssen den Braunkohlebaggern weichen: Die liegen in der beschlossenen Sicherheitszone und verschwinden im Tagebauloch. „Das tut weh. Sehr weh“, sagt Brigitte Kaulen und weist darauf hin, dass der Eggerather Hof unter Denkmalschutz steht, dass dort also schon seit Generationen Landwirtschaft betrieben wird. Und dass mit dieser Leitentscheidung damit nun in sehr absehbarer Zeit endgültig Schluss ist. Ein für alle Mal.

„Ja, das ist ne ganz bittere Pille, keine Frage“, sagt auch Beate Schirrmeister-Heinen. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Erkelenzer Stadtrat spricht mit Blick auf die Leitentscheidung als Ganzes dennoch von einem „erfreulichen Ergebnis“. Seit 27 Jahren beobachtet sie inzwischen die Entwicklung, die der Tagebau Garzweiler II auf das Leben in der Stadt Erkelenz hat. Und was der Braunkohletagebau mit den betroffenen Menschen macht.

„Ich konnte schon kaum glauben, dass RWE Power Holzweiler verschonen wollte. Und ich hätte jetzt nie geglaubt, dass der Tagebau so weit vom Ortsrand weg bleibt“, sagt sie. Ja, es sei ein guter Tag für die Stadt Erkelenz gewesen, dieser Tag, an dem in Düsseldorf der vorzeitige Ausstieg aus dem Tagebau Garzweiler II festgeschrieben und zum ersten Mal eine Art Restlaufzeit für einen Tagebau aufgestellt wurde. Obwohl der Regen an diesem Tag aus grauen Wolken auf den schweren Lössboden niederprasselte . . .

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