Erkelenz/Titz - Garzweiler II und die Folgen: Ortstermin am Tagebaurand

Garzweiler II und die Folgen: Ortstermin am Tagebaurand

Von: kalauz
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Ungewohnte Perspektive: Simone Peter, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/ Die Grünen (l.), mit MdL Gudrun Zentis in Jackerath.

Erkelenz/Titz. Jedenfalls verspricht sie nicht das Blaue vom Himmel herunter: Als der rote Kombi mit Berliner Kennzeichen die geschwungene Auffahrt zum Aussichtspunkt Garzweiler am Autobahnkreuz Jackerath herunter rollt, können die dort schon auf sie Wartenden die Regenschirme zuklappen.

„Ich bringe die Sonne mit“, sagt Simone Peter, als sie aus dem Auto steigt. Sie deutet dabei lachend auf das kleine, matt silbern schimmernde Quadrat am Revers ihrer schwarzen Lederjacke. „Meine Solarzelle funktioniert“, sagt sie lachend, als sie auf die Delegation von Parteifreunden zusteuert und jeden einzeln mit Handschlag begrüßt.

Auf die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen warteten am Rande des Braunkohlentagebaus neben Gudrun Zentis, die für die Grünen aus dem Kreis Düren im Düsseldorfer Landtag Sprecherin für Bergbausicherheit ist, unter anderen auch Maria Meurer, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Heinsberger Kreistag und Landratskandidatin, sowie Erhard Dohmen. Der ist Bewohner der Dackweiler-Siedlung in Titz, direkt an der Erkelenzer Stadtgrenze gelegen. Erhard Dohmen ist seit sechs Wochen von einer schweren Last befreit: Seit der Bekanntgabe der Verkleinerung des Tagebaus Garzweiler II ist klar, dass er und seine Frau Ruth sich über eine Umsiedlung keine Gedanken mehr machen müssen. „Auch Dackweiler wird nicht abgebaggert“, hat die Landesregierung versichert.

„Ich war noch nie an einem Tagebau wie diesem“, sagt die hoch gewachsene Frau, die seit Oktober vergangenen Jahres an der Spitze der deutschen Bündnisgrünen steht, als sie den Blick über das in verschiedene Braunstufen abgetönte Areal mit den von der Plattform aus putzig wirkenden Riesenbaggern wandern lässt. Als Saarländerin ist sie zwar mit dem Thema Bergbau bestens vertraut. Die klaffenden Wunden aber, die der Übertage-Abbau der Kohle in die Natur und das gewohnte Landschaftsbild reißt, sind für sie Neuland. „Ich kenne aus dem Saarland die Fördertürme und die Schäden, die der Untertagebau an den Häusern verursacht“, sagt sie sichtlich beeindruckt.

Gudrun Zentis an ihrer Seite erweist sich als profunde Kennerin der Braunkohleproblematik und gibt sachgerechte Antworten auf Fragen, die auf der Hand liegen, wenn jemand noch nie ein Loch dieses Ausmaßes vor Augen gehabt hat. Wo aus ihrer Sicht die Zukunft der Energiesicherung der Republik zu suchen ist, das findet sie auch beim Blick auf die masthohen Windräder, die am Rande des Loches aus dem Boden sprießen. Schließlich war Simone Peter Initiatorin der Agentur für erneuerbare Energie in Berlin, energiepolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Saarland – und sie gehörte dort dem Kabinett der Jamaika-Koalition als Ministerin für Umwelt, Energie und Verkehr an.

An diesem wolkenverhangenen Tag im Grenzgebiet zwischen den Kreisen Heinsberg und Düren und den Landstrichen, die dem Tagebau zum Opfer fallen müssen, und denen, die verschont werden, hin und her pendelnd, ist ihre nächste Station die fast schon menschenleere Ortschaft Immerath einen Steinwurf vom gerade inspizierten Abbaugebiet entfernt. Die Fahrt vorbei an Häusern, deren Fenster mit Brettern vernagelt sind, und an der zweitürmigen Kirche, deren Glocken längst an anderem Ort läuten, berührt sie sichtlich: „Das muss für die Menschen, die dort bis vor kurzem ihr Zuhause hatten, ja furchtbar sein“, sagt sie, als sie bei der inmitten der sich langsam grün färbenden Felder gelegenen Dackweiler Siedlung aus dem Auto steigt und entlang bunt blühender Sträucher und Feldblumen und akkurat gesetzter Beete den gepflasterten Weg zum Hof entlang schreitet. „Ist das nicht eine wahre Oase hier ?“, fragt sie jemand. „Ich bin zwar nur Mikrobiologin, aber dafür habe ich doch ein Auge“, antwortet Peter. Im Kleinen das große Ganze im Auge behalten – vielleicht ist es das, was sie zur Politikerin hat werden lassen.

Im Innenhof erwartet sie auch Petra Schmitz. Die hat seit einigen Wochen zwar die Gewissheit, dass sie auf dem seit Generationen von ihrer Familie betriebenen Eggerather Hof bleiben kann, weil dieser ebenso wie der angrenzende Ort Holzweiler von den Schaufeln der Bagger verschont wird. Aber nicht nur für sie, auch für die Menschen in Holzweiler bleiben viele Fragen offen. „Unser wichtigstes Anliegen ist es jetzt, den Tagebaurand so weit wie möglich vom Ort fernzuhalten“, erläutert Petra Schmitz das Primat des Handelns der von ihr ins Leben gerufenen Interessengemeinschaft Holzweiler. Die hat sich nach der Verkündung der Verkleinerung des Tagebaugebietes gegründet und zählt mittlerweile mehr als hundert Mitglieder.

Der Besuch der Parteivorsitzenden auf dem idyllischen Flecken in der Jülicher Börde ist sorgsam vorbereitet: An topographischem Kartenmaterial wird der bisher geplante Verlauf des Restsees nach dem Ausbeuten der Kohle sichtbar; daneben hängen Plakate, mit denen auch die Titzer Grünen aktuell auf Stimmenfang gehen. Es ist Wahlkampf zwischen Rhein und Weser, was sicher auch ein Grund für den „hohen“ Besuch aus Berlin auf dem platten Land am Niederrhein ist.

Allerdings gibt sich Simone Peter nicht als Beteiligte im Kommunalwahlkampf zu erkennen: Die untere Hälfte des mit Radieschenscheibchen und Dillspitzen verzierten Käsebrötchens in der einen, eine Tasse Kaffee in der anderen Hand, geht sie auf alle Fragen ein, die man ihr stellt. Und sie spannt ein ums andere Mal den Bogen vom überschaubaren Kleinen zum großen Ganzen. Zum Beispiel Klimaschutzgesetz: „Was Sie in Nordrhein-Westfalen schon haben, das brauchen wir für den Bund in Berlin auch.“

Zum Beispiel Regulierung der Bergschäden: „Wir brauchen im Bergrecht eine Beweislastumkehr zu Gunsten der Geschädigten auch im Braunkohletagebau.“ Zum Beispiel Speichermedium für erneuerbare Energien: „Wir produzieren zurzeit 27 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien. Bis 2020 können wir 50 Prozent schaffen.“ Und auch was den Tagebau angeht, den sie gerade – ganz offenbar schwer beeindruckt – mit eigenen Augen ausgemessen hat, blickt sie über die Grenzen des rheinischen Landstrichs hinaus: „Die Verkleinerung des Tagebaus Garzweiler II ist das Signal, das wir für die Tagebaugebiete im Osten der Republik brauchen: Seht her, hier wird der Tagebau gestoppt!“

Als Simone Peter, nachdem sie sich von jedem einzelnen Teilnehmer der lockeren Runde per Handschlag verabschiedet hat, wieder in den roten Kombi steigt, um ihr nächstes Ziel auf dieser Tour durch das rheinische Braunkohlerevier anzusteuern, beginnt es zu regnen. Man kann getrost davon ausgehen, dass die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen darauf keinen Einfluss hatte.

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