„G 8-Verweigerer“ stürmen die Gesamtschule

Von: Rainer Herwartz
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In immer mehr West-Bundesländern soll die Möglichkeit geschaffen werden, das Abitur wieder nach 13 Schuljahren abzulegen. Die Stimmungslage und Meinungen bei Schülern, Eltern und Lehrern sind nicht einheitlich. Foto: imago

Heinsberg/Wassenberg/Erkelenz. Wird sich die Entscheidung am Ende bewähren oder geht sie mittelfristig als ein schulpolitischer Irrweg in die Geschichte ein? – Das gymnasiale G 8-Modell steht in diesem Jahr vor der Nagelprobe. Eine erste Bilanz zum „Turbo-Abitur“ im Vorfeld der Abschluss-Prüfungen fällt bei Schülern und Schulleitern offenbar durchwachsen aus.

Die G 8-Schüler hätten die gleiche Chance auf einen guten Abschluss wie diejenigen, die sich ein Jahr länger Zeit nehmen könnten, meint Annegret Krewald, die Leiterin des Kreisgymnasiums Heinsberg. Gleichwohl macht sie keinen Hehl aus ihrer kritischen Position gegenüber dem Abi nach nur zwölf Jahren. „Ich war gegen die Verkürzung der Schulzeit und bin es heute immer noch.“ Die Lehrinhalte seien zwar „abgespeckt“ worden, um die Anforderungen an die Schüler nicht zu überziehen, doch dies bedeute natürlich auch: „Da ist was verloren gegangen.“ Und das bezieht Krewald nicht nur auf die geschrumpfte Zeit für die persönliche Entwicklung der Mädchen und Jungen. „Es ist die Frage, ob man diese Verluste in Kauf nehmen möchte.“ Für eine abschließende Bewertung, ob es sich gelohnt hat oder nicht, sei es sicher noch zu früh.

Komfortablere Lage

Ihre Kollegin Dr. Karin Hilgers, Leiterin der Gesamtschule in Wassenberg, befindet sich da in einer ungleich komfortableren Lage, denn: „Wir standen als Gesamtschule nie vor der Wahl G 8 oder G 9 und sind sehr froh darüber, weil unsere Kinder etwas länger Kind sein dürfen.“ Wenn sie den Äußerungen so mancher Eltern folgt, die bei ihrer Schule ein Kind angemeldet hätten, aber gleichzeitig bereits eines zum Gymnasium schickten, dann müsse der höhere Druck wohl schon bei den Elfjährigen beginnen, sagt Hilgers. Dass in der Mittelstufe, also den Klassen sieben bis neun, die Anforderungen und damit der Zeitaufwand für die Pennäler gestiegen sei, kann Krewald nur bestätigen.

Grundsätzlich, so erläutert Hilgers, fokussierten sich die Lehrpläne nicht mehr so sehr auf Inhalte, sondern vielmehr auf Kompetenzen. Das bedeute eine höhere Flexibilität. Im Englisch-Unterricht müsse zum Beispiel nicht mehr ein bestimmtes Buch gelesen werden, wenn die Charakterisierung von handelnden Personen erlernt werden soll. Auch brauche in Chemie nicht ein spezieller Versuch durchgeführt zu werden, wenn es darum gehe, sich die Fähigkeit anzueignen, ein Versuchsprotokoll zu erstellen. Ob dieses Aufbrechen verkrusteter Strukturen letztlich den G 8ern eine ausreichende Erleichterung verschafft, ist fraglich. Hilgers und ihr Oberstufenleiter Michael Bodmann hegen da zumindest Zweifel. Letzterer macht die Skepsis von Schülern und Eltern auch daran fest, dass sich die Zahl der Realschüler, die sich für den Besuch der Oberstufe an der Wassenberger Gesamtschule entschieden, mit Einführung des G 8-Abiturs an den Gymnasien verfünffacht habe.

Die Leiterin des Cusanus-Gymnasiums in Erkelenz, Rita Hündgen, bricht hingegen eine Lanze für das „Turbo-Abitur“, und das ohne Wenn und Aber. „Ich denke, das Experiment ist gelungen“, lautet ihr Fazit. Zunächst vor einem Jahr und dann noch einmal vor einem halben sei an ihrer Schule „lang und breit“ eine Evaluation erfolgt. „Es kam durchweg heraus, dass sich die G 8er nicht benachteiligt fühlen gegenüber den G 9ern.“ In den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik laufe es bei G 8 in der Spitze sogar besser. „Ich führe das auf etwas größeren Ehrgeiz und Einsatz zurück.“

Auch die Klagen mancher Schüler, dass durch die Einführung der Zeitverkürzung bis zum Abi mehr Unterricht in den Nachmittag verlagert worden sei, lässt Hündgen nicht gelten. „Das hat mit G 8 nichts zu tun, sondern mit dem Erlass, dass nach sechs Stunden eine längere Pause gemacht werden muss und dass sich mehr Schulen in den gebundenen Ganztagsbetrieb begeben.“ Die Fächer seien entrümpelt worden. „Wir haben den Schülern keine zusätzlichen Schulstunden angedeihen lassen müssen.“

Am Schluss, so sei die Meinung vieler im Kollegium, fehle es den G 8ern vielleicht etwas an persönlicher Reife, nicht jedoch an schulischer.

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