Frank Mischnick verlässt nach 20 Jahren die Evangelische Kirchengemeinde

Von: kalauz
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Frank Mischnick verlässt nach 20 Jahren die Evangelische Kirchengemeinde Hückelhoven. In seinem Arbeitszimmer stehen die Zeichen schon ganz auf Aufbruch, auch die umfangreiche Comic-Sammlung muss noch eingekistet werden. Foto: kalauz

Hückelhoven. Er hat es noch gerade so geschafft zu unserem vereinbarten Termin: „Es gibt so Tage, da redet man sich einfach fest“, sagt Frank Mischnick und lässt sich, noch etwas aus der Puste, in den Sessel fallen. Erst mal durchschnaufen, bevor man den Blick innerlich zurück schweifen lässt.

Ja, es war am 1. April 1993: „Da habe ich als Hilfsprediger, als Pastor im Hilfsdienst, hier angefangen“. Albert Wegmann, dem als Pfarrer die Protestanten in Hückelhoven seelsorgerisch anvertraut waren, brauchte dringend eine Entlastung. Personalprobleme wie heute kannte die evangelische Kirche zu der Zeit nicht, Mischnick spricht von einem „Theologenhaufen, den wir damals hatten“.

Nach dem „Hilfsdienst“ wurde er in den „Sonderdienst“ hochbefördert, wurde Altenheimseelsorger im Evangelischen Altenheim und hat zusätzlich noch Krankenhausseelsorge in Erkelenz und Wegberg gemacht.

Er ließ sich also in Hückelhoven mit seiner Familie nieder – und nahm erst mal eine Auszeit: Ehefrau Anne, Theologin wie er, betreute die Pfarrstelle, während Ehemann Frank Elternzeit nahm und sich um die beiden gemeinsamen Kinder kümmerte – kommt auch nicht so oft vor. Seit 31. Dezember 1997 nun ist Frank Mischnick als Pfarrer in der Kirchengemeinde Hückelhoven tätig.

Ja, natürlich war er auch in der Zeit der Zechenschließung an vorderer Linie mit dabei: „Wir haben uns oft in den Räumen der Katholischen Arbeitnehmerbewegung an der Dienstühlerstraße getroffen, ja, da habe ich viel mit gemacht. Denn natürlich waren wir als Kirchengemeinde vor Ort stark davon betroffen, ganz klar“.

Familien zerrissen

Es ist ein Blick zurück, zu dem wir uns aufgemacht haben. Da muss natürlich die Frage kommen, was sich in den 20 Jahren seines Wirkens in Hückelhoven verändert hat, was die Stadt mit den Menschen oder die Menschen mit der Stadt gemacht haben. Hat sich etwas so gewandelt, dass man es mit Händen greifen kann? Man sieht, wie es in ihm denkt, Frank Mischnick ist keiner von denen, die sich das Antworten leicht machen: „Was mir spontan dazu assoziativ einfällt ist: Durch meine Arbeit als Seniorenbegleiter habe ich festgestellt, dass die Witwen von Zechenarbeitern, von Bergleuten also, heute viel mehr als früher auf sich allein gestellt sind. Weil die Familien auseinandergerissen wurden. Die Arbeit ist nicht mehr vor Ort, die Kinder sind weggezogen, weil sie hier, ganz klar, keine Arbeit mehr gefunden haben. Und viele dieser Frauen stehen jetzt alleine da. Ja, das war vor Schließung der Zeche noch anders.“

Das Biotop Hückelhoven als Synonym für eine grundlegende Veränderung unserer Gesellschaft im 21. Jahrhundert: Die aus wirtschaftlichen Gründen geforderte höhere Mobilität hat mehr Vereinzelung, mehr Einsamkeit zur Folge. „Ja“, sagt Mischnick, „das ist wohl so“.

Als Seelsorger ist der Pfarrer einer Kirchengemeinde immer auch so eine Art Sozialarbeiter, jedenfalls versteht Mischnick seine Arbeit so: „Deshalb wollte ich auch immer schon gerne in den Sozialausschuss der Stadt“. Und deshalb hat er auch noch einen Hochschulabschluss als Diplomsozialwirt gemacht, 2005 war das. Ja natürlich war und ist er politisch engagiert: Mischnick hat keinen Hehl daraus gemacht, bei den Grünen aktiv zu sein.

Die Frage mag naiv klingen, wenn man weiß, dass katholische Geistlichkeiten vor noch nicht allzu langer Zeit von der Kanzel vor einer Wahl gemahnt haben, sein Kreuz doch bitteschön bei der Partei mit dem C im Namen zu setzen. Also: Hat er also jemals Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten wegen seiner politischen Aktivitäten gehabt? „Nein, nie“, sagt Mischnick. „Natürlich habe ich mich anfangs erst einmal als Pfarrer etabliert und meine politischen Überzeugungen nicht öffentlich gezeigt. Und ja, natürlich bin ich zum Superintendanten gegangen und habe ihm gesagt, dass ich im Sozialausschuss aktiv werden will. Der fand das in Ordnung. Aber, hat er gesagt, dienstliche Termine gehen immer vor“.

„Das Soziale in Hückelhoven ist ein Stiefkind “, sagt Mischnick. „Das ist einfach so“, fügt er bekräftigend hinzu.

Beim notwendigen Strukturwandel liege der Fokus aus seiner Sicht sehr einseitig auf dem kommerziellen Aspekt. Mischnick lobt bei aller Kritik freilich in einem Atemzug den Leiter des Sozialamtes der Stadt: „Der Juppi Schmitz ist ein Schatz, der hat das Herz an der richtigen Stelle“.

Vorbildliche Flüchtlingspolitik

„Die Flüchtlingsarbeit“ sagt Mischnick, als er um ein positives Beispiel für soziales Engagement in der Stadt gefragt wird. „Was da jetzt in dieser schwierigen Situation gerade auch an ehrenamtlichen Einsatz in Zusammenarbeit mit der Stadt und den verschiedenen Institutionen in Hückelhoven auf die Beine gestellt worden ist und läuft, das ist einfach vorbildlich.“

Ja, wenn er zurück blickt, dann habe er doch ein gutes Gefühl, ein Gefühl, als habe er in Hückelhoven das ein oder andere mit auf den Weg bringen können. „In der Kirche selbst haben wir zusammen einiges bewegt: Wir waren an der Hückelhovener Tafel maßgeblich beteiligt, am Runden Tisch für Integration, haben den lebendigen Adventskalender ins Leben gerufen, den Runden Tisch für Senioren und die Jugendgruppe SPOCK mitgegründet – doch, da ist schon einiges, ziemlich viel sogar, auf das ich gerne zurück schaue“.

„Ich war 20 Jahre in Hückelhoven. Meine Zeit hier ist jetzt abgelaufen“, sagt er zur Seite blickend. Da legt sich ein Wehmutsschleier auf die Stimme, deutlich vernehmbar. Mit 50 sucht Frank Mischnick noch einmal eine neue Herausforderung in Köln, im Stadtteil Kalk-Humboldt; der Stadtteil Kalk gilt als sozialer Brennpunkt. „Wenn, dann jetzt“, sagt er. Wird es einen Nachfolger für ihn in Hückelhoven geben? „Ja, es wird ein Bewerbungsverfahren geben. Um einen Zeitrahmen zu nennen: Die Kölner haben zwei Jahre gebraucht, um die Stelle mit mir neu zu besetzen“.

Abschiedsgottesdienst

Am Samstag, 10. Januar, um 17 Uhr findet der Verabschiedungsgottesdienst in der Kirche an der Haagstraße statt. Anschließend lädt die Kirchengemeinde ins Gemeindehaus ein.

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