Flüchtlingsunterkunft in Heinsberg: ein Zwischenfazit

Von: Daniel Gerhards
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Ein Zuhause auf Zeit: In der Notunterkunft in der Turnhalle der Sonnenscheinschule stehen die Doppelstockbetten in Reih und Glied. Die selbstgebastelte Laterne ist als Erinnerung an das St.-Martins-Fest geblieben. Foto: Daniel Gerhards
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Sie koordinieren die Arbeit in der Flüchtlingsunterkunft: Lothar Terodde und Ira Stormanns. Foto: Daniel Gerhards

Heinsberg. Die weißen Doppelstockbetten stehen in den beiden Turnhallen der Sonnenscheinschule in Reih und Glied. Man sieht Jacken, Taschen und eine selbstgebastelte St.-Martins-Laterne. Einige Flüchtlinge haben Wolldecken an ihren Betten aufgehängt. Sie sollen so etwas sein wie eine dünne Wand.

Aber natürlich schaffen sie nur ein Mindestmaß an Privatsphäre für die Familien, die es aus den Krisengebieten der Welt nach Heinsberg verschlagen hat. Die Turnhalle der Sonnenscheinschule, das weiße Bett, die Wolldecke – das ist jetzt ihr Zuhause. Für die nächsten Tage, Wochen oder Monate. Wer weiß das schon?

Das Deutsche Rote Kreuz betreibt diese Notunterkunft nun seit drei Monaten. Am 18. August stand die Erstaufnahmeeinrichtung für 150 Flüchtlinge, mittlerweile ist Platz für 220 Menschen. Seit dem 23. September betreibt das DRK auch die Flüchtlingsunterkunft in Geilenkirchen, zwischenzeitlich hatte das DRK auch in Erkelenz eine Unterkunft eingerichtet.

„Wir haben in dieser Zeit gelernt, dass so etwas zu schaffen ist“, sagt Lothar Terodde, Kreisgeschäftsführer des DRK. So klar war das vor drei Monaten noch nicht. Am Anfang standen viele offene Fragen: Wie viele Helfer braucht man? Wie werden sich die Flüchtlinge verhalten? Wie soll man das alles organisieren? Diese Fragen sind mittlerweile beantwortet. Das DRK hat 42 neue Mitarbeiter eingestellt, etliche Ehrenamtler gefunden, die Abläufe optimiert, und, und, und.

Bis dahin war es ein weiter Weg. Zunächst setzte das DRK seine Helfer aus dem Katastrophenschutz ein. Die können anpacken, die stampften die Unterkunft an der Heinsberger Westpromenade aus dem Boden. Danach spielte sich alles mehr und mehr ein. Heute ist der Tagesablauf in der Unterkunft für das DRK schon Routine.

Es gab aber viele Momente, die so bewegten, dass die Fassung schwer zu wahren war: Wenn Lothar Terodde sich an den Moment erinnert, als er die vielen Betten zum ersten Mal in der Turnhalle stehen sah, wird er nachdenklich. „Wenn man darüber nachdenkt, welche Ursache dahintersteht, kommen einem sofort die Tränen“, sagt er.

Als klar war, dass das DRK die Unterkunft betreiben wird, schwebte die Frage, wie sich die Flüchtlinge verhalten werden, über dem Projekt. Spannungen? Unruhe? Gewalt? Alle Befürchtungen, die in diese Richtung gingen, haben sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Die Flüchtlinge seien ruhig, diszipliniert und offen für Neues, sagt Ira Stormanns, Ehrenamtskoordinatorin des DRK. „Die Leute sind froh, dass sie hier zur Ruhe kommen können“, sagt sie.

In den ersten Tagen würden die meisten Flüchtlinge in erster Linie viel schlafen und essen. Erst danach stelle sich eine gewisse Routine ein. Dann spielen die Kinder Fußball, die Eltern geben ihre Kinder für eine Zeit im Spielzimmer ab. Und dann entstünden unter den Flüchtlingen auch echte Freundschaften, sagt sie.

Eher kontraproduktiv sei dabei das ständige Kommen und Gehen in der Unterkunft. Menschen, die sich gerade aneinander gewöhnt haben, werden wieder getrennt. In der nächsten Nacht schlafen sie vielleicht wieder neben einem völlig Fremden. „Wir würden gerne länger mit den Menschen arbeiten“, sagt Stormanns. Ihnen ein bisschen Deutsch beibringen, ihnen zeigen, wie der Alltag in Deutschland funktioniert. Die Flüchtlinge seien sehr lernwillig.

Unruhe habe es ohnehin nur einmal gegeben, als Ende Oktober rund 50 Flüchtlinge auf eigene Faust wieder zurück nach Witten reisten. Nach der Registrierung hatte man ihnen gesagt, dass sie in Heinsberg auf Wohnungen verteilt würden. Stattdessen fanden sie sich in der Turnhalle wieder. Die Panne hatte die Bezirksregierung Arnsberg verursacht.

Dass andere Flüchtlinge gar nicht mehr aus Heinsberg weg wollen, liegt vor allem an dem großen Engagement der Mitarbeiter und Ehrenamtler des DRK. Manche Freiwillige helfen regelmäßig, manche nur einmal. Manche betreuen Kinder, andere sortieren Kleiderspenden. In jedem Fall seien sie sehr engagiert und flexibel, sagt Stormanns. Einige Helfer, die zunächst ehrenamtlich anpackten, haben mittlerweile einen Arbeitsvertrag bekommen. Die Hilfsbereitschaft der Menschen habe das DRK schier überwältigt.

Dass sich so viele Ehrenamtler in der Flüchtlingsunterkunft engagieren, sorgt vielleicht auch dafür, dass die Kritik an der Unterkunft mitten in der Heinsberger Innenstadt bisher überschaubar ist. „Das starke Einbinden der Bevölkerung trägt dazu bei, die Stimmung freundlich zu halten“, sagt Terodde. Er habe bisher noch nichts Negatives von Nachbarn oder Eltern der Kinder, die zur Sonnenscheinschule gehen, gehört. Es gebe immer wieder Projekte, bei denen sich Flüchtlinge und Heinsberger kennenlernen können.

Trotz all der positiven Eindrücke ist klar, dass auch die Mitarbeiter des DRK irgendwann an ihre Grenzen kommen. Kämen nun Jahr für Jahr immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland, sei das in ein paar Jahren nicht mehr zu schaffen. Aber das Rote Kreuz im Kreis sei noch längst nicht an seiner Leistungsgrenze angekommen, sagt Terodde.

Perspektivisch denken Stormanns und Terodde schon daran, wie man die aufgebauten Strukturen für eine dauerhafte, langfristige Flüchtlingsarbeit im ganzen Kreis nutzen kann. Zu tun gibt es genug.

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