Flucht aus der DDR: Ein Loch im Eisernen Vorhang genutzt

Von: Nicola Gottfroh
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Jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989. Am Abend des 09.11.1989 teilte SED-Politbüro Mitglied Günter Schabowski mit, daß alle DDR-Grenzen in die Bundesrepublik und nach West-Berlin für DDR-Bürger geöffnet werden. Daraufhin strömten binnen weniger Stunden tausende von Ost-Berlinern in den Westteil der Stadt, wo es zu volksfestartigen Verbrüderungen zwischen Bürgern aus Ost- und Westdeutschland kam. Am 09.11.2014 feiert Berlin den 25. Jahrestag der Maueröffnung. Foto: Wolfgang Kumm/dpa (zu dpa Themenpaket: „25 Jahre Mauerfall“ vom 05.11.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Foto: Wolfgang Kumm/dpa (zu dpa Themenpaket: „25 Jahre Mauerfall“ vom 05.11.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++
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25 Jahre ist die Flucht der Wassenbergerin Verena Schaffran-Arzt aus der DDR über Ungarn nun her. Wenige Woche danach fiel die Mauer.
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Bildnummer: 58240442 Datum: 13.07.2012 Copyright: imago/wolterfoto DEUTSCHLAND, BONN, 13.07.2012 Feature Schwarz-Rot-Gold JW81662282 Symbolfoto xcb x0x 2012 quer Wirtschaft Feature Symbol Symbolbild Symbolfoto symbolisch Schnur Seil Kordel Knoten Schwarz-Rot-Gold Schwarz Rot Gold Schwarz Rot Gold Deutschland Gelb verknotet deutsch Staat Freisteller weißer Hintergrund Strick Detail Krise 58240442 Date 13 07 2012 Copyright Imago wolterfoto Germany Bonn 13 07 2012 Feature Black Red Gold Symbolic image x0x 2012 horizontal Economy Feature symbol Symbol image Symbolic image symbolic Schnur Rope String Node Black Red Gold Black Red Gold Black Red Gold Germany Yellow knots German State cut out White Background Strickland Detail Crisis

Wassenberg. Es ist der 29. September 1989. Der jungen Frau, die gemeinsam mit zwei Männern und einer kleinen Reisetasche in den Händen, in der ein ganzes Leben verpackt ist, am Budapester Hauptbahnhof aus einem Zug steigt, stehen die Schweißtropfen auf der Stirn.

Nicht nur deshalb, weil dieser Tag wie der gesamte September 1989 ein noch ungewöhnlich warmer ist. Vielmehr, weil die zurückliegende Fahrt von Schönefeld über Tschechien nach Ungarn die wohl nervenzehrendste und einschneidendste Zugfahrt ihres Lebens war.

„Das ist die gefährlichste Reise unseres Lebens gewesen. Jederzeit hätten unsere Pläne auffliegen können – vor allem als Mitarbeiter der Stasi uns kontrolliert haben, haben uns die Herzen bis zum Hals geschlagen“, erinnert sich Verena Scheffran-Arzt und sagt: „Wer weiß, was geworden wäre, wenn sie unser Vorhaben durchschaut hätten.“ Schließlich ging man mit Republikflüchtigen, die Verena Scheffran-Arzt und ihr Lebensgefährte Jens nun waren, in der DDR nicht zimperlich um.

25 Jahre, ein Vierteljahrhundert, liegt die Flucht der ehemaligen DDR-Bürgerin, die heute in Wassenberg eine neue Heimat gefunden, ihre „Berliner Schnauze“ aber behalten hat, nun zurück.

Die Brandenburgerin ist gerade 20 Jahre alt, als sie, ihr Lebensgefährte und der beste Freund ihre Heimat, die Familie und ihr gesamtes Leben hinter sich lassen. Ein hoher Preis für die Erfüllung ihres Traums vom Leben in Freiheit. Der Freiheit von staatlicher Willkür und der Freiheit, sich nach ihren eigenen Fähigkeiten zu entfalten. „Der hohe Einsatz hat sich aber gelohnt“, sagt sie heute. Warum sie damals weg wollte aus der DDR, das weiß sie noch ganz genau: „Jens und ich hatten nie Stress mit der Polizei oder Stasi. Wir waren einfach nur jung und wünschten uns ein selbstbestimmtes Leben. Ich wollte so gerne kaufen, was ich möchte, reisen, wohin ich möchte und vor allem sagen, was mir in den Sinn kommt. Und unser selbstbestimmtes Leben haben wir bekommen –auch wenn nicht immer alles rosig war.“

Die drei jungen Menschen sind nicht die einzigen im Land, die so fühlen und Konsequenzen ziehen. Eine Welle des Aufruhrs geht im Spätsommer 1989 durch die Deutsche Demokratische Republik. „Die Bürger haben gespürt, dass sich etwas verändert“, sagt die heute 45-Jährige.

Dass der Anfang vom Ende des sowjetischen Machtkomplexes und der DDR begonnen hatte, ist in diesen Tagen nicht nur bei den Montagsdemonstrationen zu spüren. Dass der Wandel begonnen hatte, spürten Verena Scheffran und ihr Lebensgefährte vor allem dann immer deutlicher, wenn sie die Ereignisse im „sozialistischen Bruderland“ Ungarn im Westfernsehen verfolgten: Als erster Ostblock-Staat baute Ungarn dieses Jahres die Grenzbefestigungen zum neutralen Österreich ab.

Hunderte DDR-Bürger sahen das im Sommer 1989 als die Chance „rüberzumachen“. „Auch wir hofften, durch diese Lücke im Eisernen Vorhang schlüpfen zu können“, sagt Scheffran-Arzt und fügt hinzu: „Auch wenn das bedeutete, unser ganzes vorheriges Leben hinter uns zu lassen.“

Allerdings, das fühlen beide, muss es schnell gehen. Denn angetrieben und bestärkt durch die Berichte im Westfernsehen, reisen in diesen Wochen im September tausende DDR-Bürger nach Ungarn, insbesondere nach Prag. „Wir hatten das Gefühl, das könnte unsere letzte Chance sein. Viele fürchteten, dass die Stimmung umschlagen, dass Krenz nun, nachdem Ungarn seine Grenzen geöffnet und so viele der DDR-Bürger dies zur Flucht nutzten, bald alle Grenzen dichtmachen könnte“, sagt die Wassenbergerin.

„Gewaltiges Glück“ hätten sie gehabt, stellt sie rückblickend fest. Nicht nur, weil sie zur rechten Zeit die Chance ergriffen hätten, sondern auch, weil die DDR-Behörden es ihnen „relativ leicht gemacht“ hätten. „Denn wir gehörten zu den letzten Glücklichen, die noch ein Visum für eine Urlaubsreise nach Ungarn bekommen haben. Die waren in dieser Zeit kaum noch zu kriegen.“

Vom Entschluss, diese vielleicht einmalige Gelegenheit zur Flucht in den Westen zu nutzen, erzählten sie nur der Familie ihres Lebensgefährten. Nicht einmal ihren eigenen Vater habe sie eingeweiht, sagt Verena Scheffran-Arzt, ihre Mutter sei zu diesem Zeitpunkt schon lange Tod gewesen. „Es hat uns das Herz gebrochen, als wir uns denn vor unserer als Urlaubsreise getarnten Flucht von Jens‘ Familie verabschiedet haben. Wir wussten ja nicht wann oder ob wir uns überhaupt eines Tages würden wiedersehen können“, sagt Scheffran-Arzt. Dass nur wenige Wochen später die Mauer fallen würde, das konnte trotz der Stimmung im Lande niemand ahnen, sagt sie heute.

In Budapest angekommen will sich das Paar zur deutschen Botschaft in Prag durchschlagen. „Aber man sagte uns, dass wir da keinerlei Chancen hätten, die Botschaft völlig überfüllt sei und keine Flüchtlinge mehr aufnehme.“ Hunderte DDR-Bürger warten zu dieser Zeit in der Prager Botschaft bereits darauf, ausreisen zu dürfen. „Nachdem wir uns ein bisschen durchgefragt hatten, sind wir auf einen Taxifahrer gestoßen, der uns dann in ein Auffanglager einer Hilfsorganisation brachte, wo wir mit etwa 100 anderen Flüchtlingen auf unsere Ausreise warteten.“

Eigentlich, so erinnert sich Scheffran-Arzt, hätten sie und ihr Lebensgefährte sich auf einen längeren Aufenthalt eingestellt. „Aber es ging doch alles ganz schnell“, sagt sie.

Keine Woche nach ihrer Ankunft in Ungarn geht es für die beiden Republikflüchtigen in den Westen. Zuerst nach Österreich, einen Tag später weiter in die Bundesrepublik, nach Achern im Schwarzwald in Baden-Württemberg, wo sie in ein Hotel einquartiert werden.

„Das erste, was wir im Westen gemacht haben? Unsere 100 Mark Begrüßungsgeld unters Volk gebracht!“, sagt Scheffran-Arzt. „Die Supermärkte waren für uns ein Paradies. Dutzende verschieden duftende Seifen, Süßigkeiten, Kaffee und Früchte. Alles so bunt und vielfältig. Wir haben in jenen Tagen alles mitgenommen, was die Welt des Konsums so hergegeben hat“, sagt Verena Scheffran-Arzt und lacht.

Doch dann musste der Ernst des Lebens im Westen für das junge Paar beginnen. „Glücklicherweise haben wir schnell Anschluss und Freunde gefunden, die uns dann bei der Job- und Wohnungssuche geholfen haben. Noch im Oktober hat Jens eine Anstellung in einer Baufirma gefunden und wir sind in unsere eigene kleine Mietswohnung in Achern gezogen“, erinnert sich die 45-Jährige.

Diese Wohnung war es auch, in der sie nur wenige Wochen nach ihrer Flucht vom Fall der Mauer hörten. „Den Mauerfall selbst haben wir schlicht verpennt“, sagt Verena Scheffran-Arzt. Erst am 10. November, dem Morgen nach den historischen Ereignissen, hörte ihr Lebensgefährte Jens im Radio, was sich am Abend zuvor abgespielt hatte. „Das war der absolute Hammer. Eines der großartigsten Erlebnisse meines Lebens. Ich weiß noch, dass Jens und ich uns lange in den Armen lagen und vor Glück weinten.“ Wenige Wochen danach seien sie wieder rüber, um die Familie zu besuchen. „Diesmal sind wir in ein freies Land gefahren“, sagt Scheffran-Arzt.

Auf die Frage, ob sie es bereut habe, nicht noch sechs Wochen gewartet zu haben, antwortet sie blitzschnell ohne zu überlegen. „Nein, keine Sekunde. Es ist gut, dass wir unser Leben damals selbst in die Hand genommen haben und für das, was wir wollten, etwas riskiert haben“, sagt sie.

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