Fliegenfischer „lesen“ den Fluss

Von: Rainer Herwartz
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Die Wurftechnik spielt eine große Rolle. Die Fliegenfischer Norbert Verpoort (links) und Stephan de Hesselle stehen in der eiskalten Rur in Hückelhoven-Ratheim. Foto: Rainer Herwartz
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Für jeden Fischzug die richtige Fliege: Stephan de Hesselle präsentiert eine bunte Auswahl.

Kreis Heinsberg. Wenn Stephan de Hesselle und Norbert Verpoort von ihrem Hobby erzählen, ist die Begeisterung fast greifbar. Die Verbundenheit mit der Natur, von der sie sprechen, ist keine bloße Floskel, beide stehen mittendrin. Und das mindestens bis zu den Knien. Die bulligen Kerle, denen man eher eine doppelläufige Flinte oder ein geschultertes Wildschwein zuordnen würde, lassen es dabei wesentlich filigraner angehen. Denn ihre Leidenschaft gehört dem Fliegenfischen.

Im Kreis Heinsberg zählen die beiden 43 und 46 Jahre alten Männer damit zu einer absoluten Minderheit. Ihr Club, die Wurmtal Fliegenfischer aus Gangelt-Birgden, der im Herbst sein zehnjähriges Bestehen feiert, ist der einzige seiner Art im Kreisgebiet und hat derzeit etwa ein Dutzend Mitglieder.

„Wenn man im Wasser steht, hat man einen ganz besonderen Einblick in die Natur,“ sagt Stephan. „Das bleibt anderen Anglern oft verborgen.“ Man lese den Fluss, „geht den Fischen hinterher und setzt sich nicht hin, um auf einen Fisch zu warten, der vorbeikommt“, beschreibt es Norbert. Dennoch stellen beide gleich klar, dass der Ansitzangler nicht „von oben herab“ angeguckt werde.

An Rur und Wurm tummeln sich die Fliegenfischer des Clubs auf einer Strecke von fast 50 Kilometern. Obwohl das Fliegenfischen in erster Linie durch die Lachsfischerei an den skandinavischen, britischen und nordamerikanischen Flüssen bekannt ist, sei es grundsätzlich an jedem Gewässer möglich, erläutert Egon Lüttke, Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft Untere Rur. Mit nur wenigen Ausnahmen gehen den Fischern dabei auch alle Fischarten ins Netz. Im Extremfall könnten da sogar noch bis zu 200 Kilo schwere Brocken gelandet werden. „Die klassischen Fische für die Flugangelei, wie das Fliegenfischen auch genannt wird, stellen jedoch die Salmoniden wie Forelle, Äsche, Saibling oder Lachs dar,“ erklärt er.

Beim Fliegenfischen werden die natürlichen Beutetiere der Fische imitiert. So zum Beispiel Flug-, Land- oder Wasserinsekten, Beutefische, kleine Säugetiere und Amphibien. Auch frei erfundene, bunte Reizfliegen werden häufig eingesetzt. Die „Fliegen“ werden mit Hilfe von Fell, Vogelfedern (Hecheln) und synthetischem Material sowie einem Haken in verschiedenen Größen angefertigt. Das Binden dieser Köder stellt in Fliegenfischerkreisen überdies ein eigenständiges und zeitintensives zusätzliches Hobby dar.

Der „gemeine“ Fliegenfischer erzielt mit seiner Rute durchaus Wurfweiten bis zu 30 Metern, die jedoch von Profis noch weit übertroffen werden können. Das Fliegenfischen basiert nicht auf dem Wurfprinzip anderer Angeltechniken. Statt ein Bleigewicht zu beschleunigen wie beim Grundangeln oder das Eigengewicht eines Blinkers zu nutzen, wird hier nur das Gewicht der Schnur genutzt, um die Fliegen zum Ziel zu befördern.

Neben der Technik spielt da natürlich auch die Qualität der Rute eine Rolle. „Die gibt es schon ab 80 Euro“, sagt Norbert, „aber es ist durchaus möglich, eine für 2000 Euro zu kaufen.“

Der Fisch, sagt Stephan, erkenne nicht nur verschiedene Silhouetten, sondern sogar unterschiedliche Entwicklungsstadien der Insekten, die nachempfunden werden müssten. Für den Fliegenfischer gehe es seinerseits darum zu erkennen, welche Insekten sich auf dem oder im Wasser tummelten. „Es gibt Tage, da nehmen die Fische nur eine bestimmte Eintagsfliege an, und wenn man dann das falsche Fliegenmuster nimmt, bleibt der Erfolg aus.“

Letztlich bemesse der Fliegenfischer diesen jedoch nicht an der Zahl der Fische, die er an Land ziehen konnte oder deren Größe, sagt Norbert. „Ich habe schon einmal drei Stunden lang eine eher durchschnittlich große Äsche befischt und wohl immer die falsche Fliege benutzt. Als es am Ende dann doch geklappt hat, war das ein richtiges Glücksgefühl.“ Zumindest für den Fischer.

Auch Stephan kann von einem solch beglückenden Erlebnis berichten. Er hatte sich im Eifelort Zerkall ein Katz-und-Maus-Spiel mit einer Bachforelle geliefert, war dann aber zunächst unverrichteter Dinge wieder nach Hause gefahren, obwohl der Fisch schon einmal angebissen hatte. Losgelassen hat ihn die Bachforelle aber nicht wirklich, denn zwei Wochen später versuchte er es erneut. Diesmal mit Erfolg.

Woher er denn wisse, dass es sich um dasselbe Tier wie zwei Wochen zuvor gehandelt habe? Da sei er ganz sicher, meint Stephan. Es sei schließlich die selbe Stelle gewesen, an der er seine Rute ausgeworfen habe, und die Fische seien sehr ortsverbunden. „Es geht vor allem aber um das Naturerlebnis“, sagt er. Das kann Norbert nur bestätigen: „Wenn sie den ganzen Tag an der Rur gestanden sind und vielleicht auch noch einen Eisvogel gesehen haben, dann war das ein toller Tag.“

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