Essen - Experte: „Rote Drei” darf nicht von einem Arzt beschlossen werden

Experte: „Rote Drei” darf nicht von einem Arzt beschlossen werden

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Essen. Die magische „rote Drei” in der Intensivstation der Wegberger St. Antonius-Klinik stand im Mittelpunkt des letzten Prozesstages gegen den ehemaligen Chefarzt Arnold Pier. Die in der Patientenakte von Anna S. (76) eingetragene Zahl stand für die Einstellung aller intensivmedizinischen Maßnahmen.

Was sie bedeutet, sagte Krankenschwester Jutta W. aus: „Der Patient darf sterben.” Dies jedoch ist im Fall Anna S. umstritten, da ihr noch relativ stabiler Allgemeinzustand auf der Intensivstation das Absetzen Kreislauf stärkender Mittel sowie die Verweigerung künstlicher Beatmung nicht rechtfertigt haben soll. „Aus ärztlicher Sicht ist nicht erkennbar, warum keine intensivmedizinischen Maßnahmen mehr getroffen wurden”, sagte der Sachverständige Martin Walz aus. Und hinterließ keinen Zweifel: „Man hat in Kauf genommen, dass sie stirbt.” Der 54-jährige Sachverständige zählt als langjähriger Chefarzt der Klinik für Chirurgie an den Kliniken Essen-Mitte zu den hochkarätigen Kapazitäten der deutschen Medizin. Manfred Kutsch sprach mit Martin Walz über die Grenzziehung zwischen Leben und Tod auf der Intensivstation.

Wie umstritten ist eine „rote Drei” wie im Fall der Klinik Wegberg?

Walz: Es handelte es sich dabei um einen in dieser Klinik geltenden Code, der offensichtlich meint, dass bestimmte lebenserhaltende Maßnahmen nicht mehr ergriffen werden sollen. Grundsätzlich aber sind solche ärztlichen Festlegungen, wie sie diese „rote Drei” beinhaltete, in deutschen Krankenhäusern möglich - werden aber unterschiedlich gehandhabt.

Wann ist eine solche Anweisung, jedwedes Ringen um das Leben eines Menschen einzustellen, vertretbar?

Walz: Wenn die Chancen eines Patienten wirklich nur noch hoffnungslos sind wie zum Beispiel bei einer Krebserkrankung im Endstadium, dann bringt eine solche Festlegung Sicherheit für rund um die Uhr für alle handelnden Personen - also insbesondere Ärzte und das Pflegepersonal. Wenn in einem derartigen Zustand Organfunktionen zurückgehen, könnte man beim Versagen der Nierenfunktion natürlich mit einer Dialyse entgegen wirken. Oder wenn sich die Lunge in einer solchen Situation entzündet, steht vielleicht die künstliche Beatmung im Raum. Aber man muss sich dann die Frage stellen: Geht es nur noch um die Verlängerung unsäglichen Leidens oder gibt es noch die Perspektive eines lebenswerten Lebens? Jede andere Fragestellung wäre unärztlich.

Sollte die Entscheidung ein Arzt alleine fällen?

Walz: Meines Erachtens nein. Eine derartige Entscheidung sollte auf mehrere Schultern verteilt werden. Und zwar auf mehrere, in der Intensivmedizin erfahrene Ärzte und vielleicht auch unter Einbeziehung der Pflegekräfte. Schließlich sollten auch die Angehörigen mit einbezogen werden.

Was ändert in diesem Spannungsfeld eine Patientenverfügung?

Walz: Sie kann für den behandelnden Arzt erleichternd sein, aber letztlich nicht entlastend. Er muss den mutmaßlichen Willen des Patienten zu exakt diesem Zeitpunkt abschätzen, der ja anders lauten kann als in der Verfügung formuliert wurde. Eine Patientenverfügung ist damit mehr ein Hinweis als eine Anordnung. Letztendlich muss es dem ärztlichen Wissen und Gewissen überlassen bleiben, ob eine Intensivbehandlung eingeschränkt wird oder nicht. Die zentrale Frage dabei ist immer, ob es für den Patienten noch Aussicht auf eine lebenswerte Perspektive gibt oder nicht.

Können Sie sich an einen besonderen Konfliktfall im Zusammenhang mit einer Patientenverfügung erinnern?

Walz: Es ist ja bekannt, dass Zeugen Jehovas eine Bluttransfusion ablehnen und dies auch in Patientenverfügungen dokumentiert haben. Ich wüsste nun nicht wie ich mich verhalten würde, wenn ein solcher Patient mit einer akuten lebensbedrohlichen Situation zu mir käme und ich ihn mit einer Blutübertragung retten könnte - und zwar mit guter Aussicht für sein weiteres Leben. Ich glaube, ich würde die Bluttransfusion vornehmen.

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