Existenzbedrohend: Kontrolleure bitten Betriebe zur Kasse

Von: Anna Petra Thomas
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Kreativität ist gefragt im Lebensmittel-Handwerk: Bäckermeister Edwin Mönius nennt seine Brötchen scherzhaft „Brexit-Brötchen“. Foto: Anna Petra Thomas
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In Aktion: Lebensmittelkontrolleur Franz Severins (rechts) prüft mit Dr. Hans-Helmut Ahlborn mit einem geeichten Thermometer die Temperatur des Kartoffelsalats im Buffet. Foto: Anna Petra Thomas
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Pfiffige Wurst: Metzgermeister Michael Hermanns bietet seine Salami zur EM in einer Deutschland-Trikot-Hülle an. Foto: Anna Petra Thomas

Heinsberg/Wassenberg. Die Stimmung schwankt von Unverständnis über Wut bis hin zu Gedanken ans Aufgeben in den kleinen Betrieben des Lebensmittel-Handwerks der Region. Grund ist eine neue Vorschrift der Landesregierung, nach der jetzt auch der Kreis Heinsberg ab dem 1. Juli für seine regelmäßigen, bisher kostenfreien Kontrollen in den Betrieben Gebühren erheben muss: 57 Euro für die erste Stunde zuzüglich 20 Euro Anfahrtpauschale.

„Stellen Sie sich vor, die Polizei hält sie an, und Sie müssen zahlen, egal, ob Sie was gemacht haben oder nicht, so ist das“, empört sich Edwin Mönius, 63 Jahre, aus Birgelen, Obermeister der Heinsberger Bäckerinnung.

Eine Entscheidung des Kreises sei diese neue Regelung nicht, betonen Dr. Hans-Helmut Ahlborn, Leiter des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes, und Dr. Anne Kempers, verantwortlich für die Lebensmittelüberwachung im Kreisgebiet. „Das ist allein politischer Wille der Landesregierung“, sagt Ahlborn.

Betroffen von der Regelung sind alle Betriebe, die gewerblich mit Lebensmitteln umgehen, von der Apotheke, die nebenher Gummibärchen verkauft, über den Einzelhandel und die Gastronomie bis hin zu den Handwerkern, wie es Bäcker oder Metzger sind. Dabei müsse eine Regelmäßigkeit bestehen, ergänzt Kempers. Der kleine Imker mit zwei Völkern, der nur wenige Gläser Honig im Jahr verkaufen könne, zähle nicht dazu.

Verzeichnet ist allerdings auch er in der Liste der Lebensmittelkontrolleure, die bei einer entsprechenden Gewerbeanmeldung von den Kommunen immer automatisch informiert werden. „Weil vielen die Pflicht, sich auch bei uns anzumelden, gar nicht bekannt ist“, sagt Kempers. 3200 Betriebe hat sie für den Kreis Heinsberg auf ihrer Liste, bei 2400 davon besteht eine regelmäßige Kontrollpflicht. Je nach Risikobewertung, die der Kontrolleur nach jeder neuen Überprüfung vornimmt, reichen die Intervalle der Kontrolle von drei Monaten bis zu drei Jahren.

1325 Kontrollen hat die Lebensmittelüberwachung im vergangenen Jahr durchgeführt, wären also gut 100.000 Euro Mehreinnahmen für den Kreis durch diese neue Gebühr. „Die fließen aber zum Teil auch in einen erhöhten Aufwand“, verweist Ahlborn auf die neue Bürokratie, die zum Beispiel durch den Versand von Gebührenbescheiden entsteht.

Bei einer solchen Kontrolle würden vom Mitarbeiter des Kreises nicht nur die Räume und Maschinen in Augenschein genommen, sondern auch die Pflicht-Dokumentation des Unternehmens überprüft, etwa zu den Temperaturen in Kühlhäusern, sagt Kempers. Vieles sei heute Eigenkontrolle der Unternehmen, die von der Lebensmittelkontrolle überwacht werde, ergänzt Ahlborn. Bei einer Kontrolle gehe es zudem nicht immer gleich um Sanktion. „Unsere Kontrolleure sind zugleich beratend tätig“, sagt er.

Daher sei es auch wichtig, dass sie aus der Praxis kämen. Die meisten der Kontrolleure, in Heinsberg sind es derzeit sechs, seien daher selbst Meister im Lebensmittel-Handwerk und hätten sich in zwei Jahren zu dieser Aufgabe fortgebildet. „Die Kontrolleure kommen aus der Praxis, sie sind nicht am Schreibtisch großgeworden.“

Auf der anderen Seite sei die Situation manchmal eine andere. Niemand benötige heute eine Ausbildung, um ein Restaurant oder einen Imbiss zu eröffnen. „Da gehen viele immer noch ziemlich ahnungslos an ihre neue Aufgabe heran“, weiß er aus Erfahrung. Schwarze Schafe gebe es im Kreis Heinsberg natürlich auch immer wieder, „aber nicht lange“, sagt er.

Genau hier setzt aber die Kritik des Lebensmittel-Handwerks an. „Ich bin selbst mit meinem Sohn in der Backstube“, erklärt Bäckermeister Mönius. Mindestens 20 Mal am Tag überprüfe er da im Laufe der Arbeit seine Kühlung schon im eigenen Interesse. Daher habe eher einen Widerwillen dagegen entwickelt, dies auch noch jeden Tag zusätzlich schriftlich dokumentieren zu müssen. Doch wer es vergisst, hat gleich ein paar Risiko-Punkte mehr. Das hat er schon selbst zu spüren bekommen, am Tag der letzten Gesellenprüfung, als er in Eile schon unterwegs und der Kontrolleur dann in seiner Backstube „zu Besuch“ war.

Dennoch sei das Verhältnis zwischen Handwerkern und Kontrolleuren im Kreis Heinsberg gut. „Das war nicht immer so“, fügt er hinzu. „Aber was die machen, ist existenzbedrohend.“ Dass es nun wieder koste, belaste dieses gute Verhältnis, vor allem aber die kleinen Handwerksbetriebe. „Dabei ist das doch eine hoheitliche Aufgabe“, sagt er. Immer mehr kleine Betriebe, die gegen die Übermacht industrieller Fertigung kämpfen müssten, seien durch immer mehr Aufwand und Kosten zur Aufgabe gezwungen. 1980 habe es im Kreis Heinsberg noch 200 Betriebe in der Bäckerinnung gegeben, als er 2000 Obermeister geworden sei, waren noch 57 Mitglieder in der Innung. „Heute sind es noch 34.“

Geld in die Aufklärung stecken

Ans Aufgeben denkt da manchmal auch Metzgermeister Michael Hermanns aus Heinsberg. Gerade mal 36 Jahre alt, ist er schon seit 20 Jahren im elterlichen Betrieb aktiv. Klar, seien 77 Euro erst einmal keine große Summe, „aber das läppert sich“, erklärt er. Doch trotz des hohen, aufgrund vieler staatlicher Regulierungen zusätzlichen Aufwands liebt er seinen Beruf. Neben der Reinigung benötige er täglich mittlerweile eine halbe Stunde zusätzlich für die vorgegebene Dokumentation, von früh um 6 bis abends 19 Uhr oder noch später sei er im Betrieb.

„Und Urlaub ist auch nicht jedes Jahr möglich“, sagt er. Er werde auch diese zusätzliche Gebühr zahlen müssen, sagt er, verbindet damit jedoch einen Wunsch: „Vielleicht kann der Kreis mit diesem Geld Aufklärung in den Schulen betrieben, damit die Kinder sehen, welchen Wert unsere Lebensmittel haben und wie man damit umgehen sollte.“

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