Erinnerungen wach halten: Brachelener gründen Heimat- und Naturverein

Von: Ingo Kalauz
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Es gibt viel zu sehen und zu erzählen in Brachelen: zum Beispiel die Kirche... Foto: Passage
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...vom Kappehäuer... Foto: Passage
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...aus dem alten Rathaus... Foto: Passage
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...dem Kloster... Foto: Passage
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...oder dem Rittergut Blumenthal. Foto: Passage
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Dr. Michael Küsgens ist der erste Vorsitzende des neuen „Heimat- und Naturvereins Brachelen“. Foto: Kalauz

Hückelhoven-Brachelen. „Am besten, wir setzen uns in den Garten“, sagt Dr. Michael Küsgens bei der Begrüßung an der Eingangstür seines Hauses an der Hauptstraße in Brachelen. Dass daraus ein kleiner Fußmarsch würde, war von der stark befahrenen und dicht an dicht bebauten Hauptstraße des Ortes aus nicht zu erahnen.

Der Garten des gerade gewählten Vorsitzenden des neuen Heimat- und Naturvereins Brachelen hat durchaus die Ausmaße eines kleinen Parks; ein Naturidyll direkt hinter dem Haus, in dem Hühner frei herumlaufen, zwei Hängebauchschweine ihr Obdach haben, Gemüsebeete im Nutzgartenbereich angelegt sind, Apfel- und Kirschbäume aus dem Rasengrün emporragen und vier Bienenvölker für den Honig auf dem Frühstückstisch der Familie Küsgens sorgen.

„Das ist mein Elternhaus, hier bin ich groß geworden“, sagt der 48-jährige Rechtsanwalt und lacht. Die Haare sind noch nass, er ist frisch geduscht. „Im Sommer fahre ich mit dem Rad zur Arbeit“, sagt Küsgens. Die Sozietät hat ihren Sitz in Rheydt – 30 Kilometer hin, 30 Kilometer zurück nach Brachelen. „Sport gehört für mich zum Leben, ich spiele noch immer beim SV Brachelen“, sagt er. Mit 40 hat er in der ersten Mannschaft gekickt, heute ist er bei den Alten Herren aktiv. Nicht nur deshalb kennt „man“ ihn im Dorf, er ist bekannt wie ein bunter Hund.

„Ich bin ein Landei“, sagt er. Nach dem Studium in der Stadt hat es ihn „wieder hierhergezogen, hierhin, wo ich groß geworden bin“. War es das, was ihn jetzt dazu bewogen hat, den Anstoß zur Gründung eines Heimatvereins in Brachelen zu geben? „Na ja, zum Teil“, sagt er. „Wir quatschen natürlich nach dem Training immer viel: ,Wie war das früher in unserem Dorf‘, über sowas wird da natürlich auch geredet“. Da keimte allmählich die Idee, dass man solche Erinnerungen nicht nur bei einem Glas Bier aufleben lassen sollte, sondern auch bleibender verankern könnte.

In Dieter Wolff fand Michael Küsgens einen Kollegen, der ähnlich dachte wie er, der genauso fest verwurzelt mit seinem Heimatort Brachelen ist. „Den eigentlichen Anstoß zur Gründung eines Heimatvereins in Brachelen aber gab wohl das Dorffest, das ich hier im Garten gemacht habe, nachdem ich selbst Apfelsaft von meinen Bäumen und auch von vielen anderen, die hier im Ort stehen und nicht abgeerntet werden, gepresst und verkauft habe“, erinnert sich Küsgens. Wie das so ist, werden bei solchen Anlässen Erinnerungen und Erfahrungen ausgetauscht.

Zum Beispiel daran, dass Brachelen bis zur Gebietsreform 1972 eine eigenständige Gemeinde gewesen ist; dass bis in die 80er Jahre hinein regelmäßig das Kino auf dem Rittergut Blumenthal besucht werden konnte; oder dass im Haus Horrig noch jede Menge Bilder von Brachelener Künstlern hängen, die in Öl die Landschaft rund um den Ort an der Rur festhalten; oder dass die historischen Wanderungen, die seit einiger Zeit zu markanten Punkten im Ort wie Haus Berg, Haus Horrig, Gut Blumenthal, Rathaus, Kirche oder Kloster angeboten werden, sehr guten Zuspruch finden; oder dass der Brachelener Kirchturm vor seiner Zerstörung im 2. Weltkrieg der zweithöchste im Rheinland war, höher als der in Erkelenz; oder dass für das Apfelfest in Küsgens‘ Garten rund eine Tonne verschiedener heimischer Apfelsorten aus Brachelener Gärten zusammengetragen wurden, aus denen rund 600 Liter leckerer Apfelsaft gepresst wurden.

So fügte sich ein Steinchen an das andere, ein Gespräch folgte dem nächsten, ein Bekannter nach dem anderen signalisierte die Bereitschaft, mitzumachen – bis Michael Küsgens und Dieter Wolff sagten: „Komm, wir riskieren das“ und man sich Anfang Mai zur Gründungsversammlung des „Heimat- und Naturvereins Brachelen“ im Haus Blumenthal traf. „Natürlich“, räumt er ein, „gab es auch Stimmen, die sagten: ,Was? Noch‘n Verein im Ort? Aber ich glaube nicht, dass wir anderen Vereinen die Mitglieder wegziehen“. Er werde ja auch weiter Fußball beim SV spielen... Im Gründungsprotokoll ist übrigens festgehalten, dass der Verein „ein enges Zusammenwirken mit anderen Vereinen des Dorfes, den Trägern kommunaler Aktivitäten und allen Interessierten einer intakten Dorfgemeinschaft“ anstrebt. Man zeigt sich also demonstrativ offen.

„Es gibt eine unglaubliche Vielzahl von Ideen, wie wir die Geschichte des Ortes aufarbeiten, nachhaltig in die Gegenwart holen und dabei gleichzeitig die Zukunft des Ortes mitgestalten können“, sagt Küsgens. Gedacht ist beispielsweise daran, regelmäßig einen Abend in Brökeler Platt zu veranstalten; ein Erzählcafé einzurichten; die Dorfwanderungen regelmäßig anzubieten; die Förderung regionaler Produkte aus den Obst- und Gemüsegärten im Ort; das Sammeln und Veröffentlichen von alten Rezepten; die Sichtung und Katalogisierung der Kunstwerke in Brachelen; die Aufarbeitung der Arbeit der Korbmacher im Dorf. Ganz konkret geplant ist bereits das „Apfel- und Heimatfest“, wahrscheinlich am 9. Oktober; und auf dem Weihnachtsmarkt in Brachelen wird der Verein mit einem eigenen Stand auf sich aufmerksam machen.

„Es gib zig Ideen, jetzt müssen wir sie bündeln und uns an die Arbeit machen“, sagt Küsgens, schlägt den für die wenigen Tage des Bestehens des Heimat- und Naturvereins schon enorm umfangreichen Aktenordner zu und drängt zum Aufbruch: Es steht die Vorstandssitzung des Heimat- und Naturvereins Brachelen an. Da will der Vorsitzende Dr. Michael Küsgens unbedingt pünktlich sein.

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