Heinsberg - Erinnerungen als Manuskript: 91 Jahre einer spannenden Lebensgeschichte

Erinnerungen als Manuskript: 91 Jahre einer spannenden Lebensgeschichte

Von: Anna Petra Thomas
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Auf Spurensuche: Arnold Küppers und Gisela Johlke haben das Leben des 91-Jährigen gemeinsam aufgearbeitet. Eine ergreifende Geschichte. Foto: Anna Petra Thomas

Heinsberg. Ein Gespräch über Kormorane bei einem zufällig gemeinsamen Spaziergang entlang des Ufers des Lago Laprello brachte sie zusammen: Arnold Küppers aus Lieck und die Heinsberger Grünenpolitikerin Gisela Johlke, die gleich am See wohnt. So fand die 70-Jährige zugleich ihren ersten Gesprächspartner für ein Projekt, das Heinsberger Senioren dazu ermutigen soll, in ihrem eigenen Leben auf Spurensuche zu gehen.

Das war im Dezember 2014. Zwanzig intensive Gespräche zwischen den beiden folgten. Johlke hörte nicht nur gut zu bei dem, was ihr der inzwischen 91-jährige Liecker erzählte, sondern schrieb seine Geschichte auch auf. Sie präsentierte das rund 25 Seiten starke Manuskript jetzt in einer Lesung in der Heinsberger Christuskirche, begleitet von Johanna Weber mit Klavier und Gesang.

Die Momente, in denen Johlke las waren ergreifend. Da saß ein alter Mann und hörte die Geschichte seines Lebens. Mit allen Höhen und Tiefen.

Sieben Kapitel

Auch die kleinen Leute „wie Du und ich“ seien es, die im vergangenen, von großen Kriegen geprägten Jahrhundert, Geschichte geschrieben hätten, „ganz persönliche Lebens- und Leidensgeschichten“, erklärte Pfarrer Sebastian Walde bei der Präsentation. Arnold Küppers gehörte zu den Millionen von Menschen, die im Zweiten Weltkrieg in russische Gefangenschaft gerieten. 70 Jahre sollte es dauern, bis er auch diesen Teil seiner Geschichte ganz ausführlich erzählte – und Gisela Johlke ihn aufschrieb, für ein Dokument der Geschichte.

In sieben Kapitel hat Johlke die Dokumentation über das Leben von Arnold Küppers unterteilt. „Sein schönster Geburtstag“ ist das erste überschrieben. An Heiligabend 2013 wird Küppers 90 Jahre alt. Er denkt zurück an den 24. Dezember 1941, an dem er in seinem Elternhaus in Karken im Kreise seiner Eltern und seiner sechs Geschwister 18 Jahre alt wurde und eine Lehre als Schuhmacher absolvierte. Dass die Familie es in der Zeit des Nationalsozialismus nicht einfach hatte, verschweigt Johlke in ihrem Bericht nicht. „Die gesamte Familie war politisch nicht auf Kurs“, schreibt sie. Arnold und seine Geschwister hätten der Hitlerjugend nicht beitreten dürfen.

Dann geht der Blick zurück in die Kindheit, in ein zunächst „schönes, geregeltes Leben“, auch wenn der Vater sehr streng gewesen sei, so Johlke. In der Schule habe der junge Küppers sehr früh einen permanenten Druck gespürt. Seine Leistungen seien aufgrund des Widerstands seiner Familie gegen den Nationalsozialismus automatisch schlechter bewertet, sein Vater stundenlang verhört worden. „Das Gefühl, nicht dazu zu gehören, war kaum zu ertragen.“

Vier Tage nachdem er 18 Jahre alt geworden war, erhielt der junge Karkener seinen Gestellungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst, den er am 3. Januar 1942 in Speyer antreten musste. Er war erleichtert, endlich dazu zu gehören. Als er zum Wehrdienst einberufen wurde, war er noch überzeugt, dass Deutschland den Krieg gewinnen würde. So dachten damals noch viele.

Doch dann ging es für ihn an die Ostfront. Niemals zuvor habe Küppers sich vorstellen können, einmal hungern zu müssen. „Auch die Pferde hungerten.“

An Gewaltmärschen musste sich der junge Soldat beteiligen mit dem Ziel, dem Feind Nachschub vorzutäuschen. Tote Kameraden um sich herum zu sehen, war eine schreckliche, ganz grausame Erfahrung, die er damals machen und tief in sich verschließen musste. Die Behandlung im Lazarett nach einer Verletzung am Kopf brachte ihm anschließend die Chance zu 14 Tagen Heimaturlaub.

Brutales Verhör

Im November 1942 geriet Küppers nach einem Gefecht, von fünf Schüssen getroffen, in russische Gefangenschaft. Mit großer Brutalität sei er damals verhört worden, liest Johlke vor. Eine im Mai 1943 geplante Flucht misslang.

Küppers lernte, Russisch zu schreiben und wurde in ein Gefangenenlager nach Kasachstan gebracht. Die Hoffnung auf Rückkehr ließ ihn zunächst nicht zweifeln. Die Gedanken an Selbstmord, die gab es damals auch, doch es siegte sein Lebenswille – sogar als er mit bloßen Händen in der Zeche arbeiten musste und eine Fischvergiftung überlebte.

Nach siebenjähriger Gefangenschaft kehrte Küppers schließlich im November 1949 nach Hause zurück. Für ein halbes Jahr wurde er krankgeschrieben und erhielt eine Entschädigung in Höhe von 1500 D-Mark. 1954 heiratete er. Noch zwanzig Jahre lang habe er Alpträume gehabt, aber auch in dieser Phase habe seine Haltung gesiegt. „Küppers nahm und nimmt das Leben, wie es ihm begegnet. Der Glaube ist ihm dabei ein große Stütze“, sagt Johlke.

Länger als sonst bei einer Lesung blieb es still in der Christuskirche. „Es ist schwer die richtigen Worte zu finden bei dem Gefühl, dass jetzt in unsere Herzen Einzug gehalten hat“, sagt Walde – und spricht damit dem Publikum aus dem Herzen.

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