Erfolgsgeschichte nach dem Ende des Kohleflözes

Von: Norbert Schuldei
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Die Zeche und ihre Bauten sind
Die Zeche und ihre Bauten sind aus dem Stadtbild Hückelhovens verschwunden: Die historische Aufnahme entstand in den 80er Jahren. Heute findet sich hinter dem Sportplatz mitten in der Stadt das Hückelhoven-Center. Als größten Arbeitgeber hat das „Fernseh-Kaufhaus” QVC die Zeche Sophia Jacoba abgelöst. Foto: Stadt

Hückelhoven. Richtig ist, dass es die Stadt Hückelhoven ohne die Zeche Sophia-Jacoba nicht geben würde. Genau so richtig ist aber auch, dass es die Stadt Hückelhoven ohne die Zeche Sophia-Jacoba weiterhin gibt.

Denn als am 27. März 1997 der letzte mit Anthrazitbrocken gefüllte Kohlewagen ans Tageslicht gehoben wurde, da gingen in Hückelhoven keineswegs die Lichter aus.

Viele hatten das prophezeit - und das waren keinesfalls Kaffeesatzleser oder notorische Schwarzseher, sondern nüchterne Zahlendeuter: 1986 hatte Sophia-Jacoba an Löhnen und Gehältern 225 Millionen D-Mark auf die Konten ihre Mitarbeiter überwiesen - das war mehr als ein Viertel der Lohnsumme der von der Industrie im gesamten Kreis Heinsberg in diesem Jahr gezahlten Löhne. Ohne die Zeche, so schien es, ging in Hückelhoven nichts.

Aber dieser 27. März 1997 sollte für die Stadt an der Rur, die eigentlich ein zusammengewürfeltes Konstrukt aus zehn teils sehr eigenständigen Ortschaften darstellt, der Startschuss für eine atemberaubende Entwicklung sein, die fast 15 Jahre später noch immer nicht abgeschlossen ist. In dieser Zeit hat sich das Gesicht der Stadt allerdings deutlich gewandelt.

Der Förderturm an Schacht 3 steht noch, er ist - inzwischen denkmalgeschützt - noch immer das Wahrzeichen der Stadt. In ein Bergwerk kann man auch wieder einfahren, allerdings in eines über Tage. Ehemalige Kumpel haben in ihrer Freizeit auf dem alten Schachtgelände ein Besucherbergwerk errichtet. Zur Anschauung für Touristen.

Und, was immer wieder als ausweisbarer Erfolg des mit viel Geld aus EU- und Landesmitteln auf den Weg gebrachten Umbaus der Wirtschaft angeführt wird: Es gibt heute mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in der Stadt als noch zu Zeiten der Kohleförderung. Das „Fernseh-Kaufhaus” QVC hat die Zeche als größten Arbeitgeber der Stadt abgelöst, rund 1350 Menschen sind dort beschäftigt.

Dabei war der Beginn der Nach-Kohle-Ära - dem man in Hückelhoven wie in den Städten an der Rur mit „h”, die vor den gleichen wirtschaftlichen Problemen standen, den bürokratischen Stempel „Strukturwandel” oder noch geschmeidiger „Umstrukturierung” aufdrückte - ein klassischer Fehlstart.

Natürlich setzten die Hückelhovener alles, was sie hatten, auf Einzelhandel und Dienstleistungsgewerbe. Ein FOC, ein Factory Outlet Center, wollte man im Herzen der Stadt auf dem Zechengelände ansiedeln. Das gab es weit und breit noch nicht: Hochwertige Textilien und andere Waren sollten dort mindestens 30 Prozent unter dem empfohlenen Richtpreis angeboten und damit Käufer auch von weit her in die Stadt gezogen werden. Politik und Verwaltung waren sich einig, damit den Stein der Weisen in Sachen Strukturwandel gefunden zu haben - bis sich alle diese Pläne aus vielen Gründen in Luft auflösten.

In dieser schwierigen Situation zeigte sich, dass die als Malocher bekannten Menschen in Hückelhoven sehr wohl auch über eine ganze Menge Kreativität verfügen: Statt des FOC pflanzte man mit dem Hückelhoven Center zwischen dem Zechengelände und dem bisherigen Stadtzentrum an der Parkhofstraße der Stadt ein neues Herz ein, dem man Schritt für Schritt neues Leben einpumpte. Die Parkhofstraße wurde neu gestaltet, der Wildauer Platz mit transparenten, die Rundungen betonenden Bauwerken bestückt, der alte Friedhof wurde geöffnet und zu einem Park hergerichtet. Die Bau- und Umbauarbeiten sind noch längst nicht abgeschlossen.

Als das Aus für den Bergbau mit dem Stilllegungsbeschluss vom 11. November 1991 in Sichtweite war, hat man sich sehr schnell und mit aller Kraft dem Rohstoff zugewendet, den man über Tage fördert: Es wurde ein Bildungsprogramm aufgelegt, das im Kreis Heinsberg einzigartig ist. Innerhalb von zehn Jahren investierte die Stadt - worüber im Rat übrigens stets ein überparteilicher Konsens bestand - mehr als 60 Millionen Euro in den Neubau, den Anbau oder die Sanierung von Schulen.

Vor kurzem wurde im Stadtteil Ratheim die zweite Gesamtschule im Norden des Kreises eingeweiht. Der Andrang ist so groß, dass man nicht alle Schüler aufnehmen kann. Hückelhoven ist heute eine junge Stadt - und eine, deren Einwohnerzahl im Gegensatz zu den meisten Orten in NRW stetig wächst.

Die 1973 eingeweihte Aula des Gymnasiums hat sich zu einem Veranstaltungsort erster Güte sowohl für klassische als auch für zeitgenössische Kultur im Kreis Heinsberg gemausert. Sie ist das Herzstück des kulturellen Lebens und hat weit über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen.

Keiner weiß genau, wer auf die Idee gekommen ist, es gab nie eine öffentlich geführte Diskussion darüber, sie waren irgendwie immer da, und sie sind ein ganz dickes Pfund, mit dem die Stadt wuchern kann: Rund 2200 kostenfreie Parkplätze im Innenstadtbereich stehen für potenzielle Einkäufer in Hückelhoven parat. Das gibt es in keiner anderen Kommune im Kreis Heinsberg - und wohl auch nicht im weiteren Umkreis. Dieses Angebot zieht Kaufkraft in die Stadt, die auch noch nach Schließung der Zeche lange darunter gelitten hat, dass die Bewohner ihre Einkäufe in Erkelenz oder Heinsberg machten.

Bevor das Hückelhoven Center am 1. Oktober 2004 eröffnet wurde, betrug der Kaufkraftabfluss rund 40 Millionen Euro pro Jahr; in den vergangenen Jahren hat sich dieses Minus ins Plus gedreht. Heute fahren viele Erkelenzer oder Heinsberger nach Hückelhoven zum Einkaufen - nicht zuletzt, weil ihnen die lästige Parkplatzsuche dort erspart wird. „Hückelhoven hats” postert das Stadtmarketing. Manchmal treffen Werbesprüche tatsächlich zu.

Niemand nimmt Anstoß an den vier Moscheen im Stadtgebiet, von denen eine seit Jahren in trauter Nachbarschaft zum kleinen Museum der Mineralien- und Bergbaufreunde angesiedelt ist. Wenn einmal im Jahr dort die Tore für alle geöffnet werden, kommen nicht nur viele der 2774 Einwohner mit türkischem Pass, die heute in Hückelhoven leben, sondern auch manche der rund 25.000 Katholiken in der 40.000-Einwohner-Stadt vorbei - und sei es auch nur, um einen türkischen Mokka zu trinken.

Im Gegensatz zu allen anderen Kommunen im Kreis hat Hückelhoven die Möglichkeit, sich im Stadtkern, um sein Zen­trum herum, auszudehnen. Darum wird es beneidet. Dennoch: Die Stadt an der Rur ohne „h” wird nie ein Touristenmagnet werden. Aber man kann sich wohl fühlen in dieser Stadt, in der Menschen aus 84 Nationen zu Hause sind, und in der das Miteinanderleben verschiedener Kulturen Alltag ist.

Nicht zuletzt wegen ihrer Geschichte, als das Gesicht der Stadt von der Kohle schwarz gezeichnet war. Die Stadt hat sich nach dem Ende des Kohlebergbaus auf Sophia-Jacoba nicht neu erfunden. Aber Hückelhoven ist dabei, sich zu finden.
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