Erkelenz-Gerderath - Er ist Christ, er kann nicht mehr zurück

Er ist Christ, er kann nicht mehr zurück

Von: Helmut Wichlatz
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Gelebte Gastfreundschaft: Als Soroush Nazraftar übermüdet und verzweifelt vor ihrer Tür stand, haben Eike Wuscher und ihrer Familie spontan geholfen. Heute gehört er zur Familie. Foto: hewi

Erkelenz-Gerderath. Soroush Nazraftar ist ein ungewöhnlicher Flüchtling. Denn er war bereits in Deutschland als er beschloss zu fliehen. Er betreute die iranische Kanumannschaft für Olympia – und er ist Christ. Jetzt lebt er bei Elke und Klaus Wuscher in Gerderath. Er würde lieber heute als morgen wieder zurückkehren in den Iran, sagt er. Denn der Iran ist seine Heimat. Doch er weiß, was ihn dort erwartet, seit die Behörden herausgefunden haben, dass er ein Christ ist.

Vor vier Jahren ließ er sich in der Türkei taufen. Heimlich, denn eine Enttarnung könnte schlimme Folgen haben in dem islamischen Gottesstaat. „Die iranischen Behörden sehen das Christentum als Bedrohung an“, erzählt er. Wer als Christ enttarnt wird, hat die Chance abzuschwören. Das tat auch Soroush, als man ihm zum ersten Mal auf die Schliche kam. „Man handelt nach dem Motto: Einmal ist keinmal“, erklärt er. „Aber nach der ersten Vergebung gibt es keine zweite Chance auf Vergebung.“

Er selbst sagt, er verstehe den Islam nicht. Die Religion sei von Angst besetzt, erklärt er. Im Christentum müsse man für Gottes Liebe nicht als Märtyrer leben oder in den Heiligen Krieg ziehen. „Der christliche Gott nimmt einen so an, wie man ist“, betont er. Das war auch der Grund, weshalb er nach der Warnung weitermachte.

Soroush Nazraftar hatte einen Beruf, von dem andere träumen. Er gehörte bei der Olympiaauswahl der iranischen Kanuten zum Trainerteam. Zuvor hatte der heute 27-Jährige mit dem Kanu bei internationalen Veranstaltungen viele Medaillen für sein Land gewonnen. Im Trainerteam war er unter anderem für die Sportgeräte zuständig. Das war sein Glück. Denn als er vor einem Jahr mit Business-Visum in Düsseldorf zum Besuch auf einer Sportmesse war, bekam er einen Anruf aus Teheran.

„Die Leute vom Sportverband sagten, ich sollte ins nächste Flugzeug steigen und zurückkommen“, erinnert er sich. Einen Grund nannten sie nicht. Misstrauisch geworden rief er bei seinen Eltern in Bandar-e-Anzali an, einem Ort an der Schwarzmeerküste. Seine Eltern berichteten von einer Hausdurchsuchung und davon, dass christliche Schriften und DVDs gefunden worden seien. „Da wusste ich, dass ich nicht mehr zurückkehren konnte“, sagt er. Dabei hatte er ein schönes Leben im Iran und wäre von sich aus nicht auf die Idee gekommen, das Land zu verlassen. „Ich war oft in Europa zu Besuch und hätte jederzeit hierbleiben können“, sagt er. „Aber ich habe den Iran als meine Heimat angesehen.“ Nun kann er nicht mehr zurückkehren.

Er beantragte Asyl und kam zuerst in Dortmund unter. Dort behielt er seinen christlichen Glauben lieber für sich. Über Umwege kam er nach Lövenich, wo zu der Zeit eine Notunterkunft betrieben wurde. Sein Weg endete in Gerderath. Und dort traf er die Familie Wuscher, bei der er heute wohnt.

„Es war eine Entscheidung der ganzen Familie“, sagt Eike Wuscher. Gemeinsam mit ihrer Tochter Katja engagiert sie sich in Gerderath und gibt Sprachkurse. Soroush lernte sie dort kennen. „Eines Tages stand er ziemlich fertig vor der Tür“, erinnert sie sich. „Er hatte nicht geschlafen und wirkte sehr verzweifelt. In der Unterkunft gab es keine Möglichkeit zur Ruhe zu kommen.“

Schnell war den Wuschers klar, dass sie helfen mussten. Also machten sie ernst und luden den jungen Mann ein, bei ihnen zu wohnen. „Platz haben wir genug“, betont Eike Wuscher. Gemeinsam mit ihrem Mann Klaus bewohnt sie ein modernes Einfamilienhaus in guter Lage.

Die Nachbarn reagierten zuerst überrascht, erinnert sie sich. Vor allem, weil Eike und ihr Mann schon zuvor eine Reise gebucht hatten und diese auch antreten wollten. „Man warnte uns, dass wir ihn nicht allein zu Hause lassen könnten“, erinnert sie sich. Und tatsächlich: Als sie aus dem Urlaub zurückkamen, war einiges anders. Soroush hatte die Gartenmöbel auf der Terrasse gestrichen und den Garten auf Vordermann gebracht. Das Familiensilber war noch da, wo es auch vorher war. „Wir leben wie eine Familie zusammen“, beschreibt Eike Wuscher das Verhältnis.

Nun wollen sie, dass Soroush schnell eine Arbeitsstelle oder einen Ausbildungsplatz findet. In seiner Heimat hat er gelernt mit Fiberglas zu arbeiten und hat auch Paddel selbst hergestellt. „Ich würde gerne eine handwerkliche Ausbildung beginnen“, sagt er. Dafür bereitet er sich gut vor.

Deutsch lernt er bereits fleißig. Als nächstes folgt der Integrationskurs, denn er will das Land und seine Kultur kennenlernen. Gastfreundschaft und Nächstenliebe hat er bereits kennenlernen dürfen.

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