Entsorger stehen vor Berg aus Styropor

Von: Rainer Herwartz
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Bildnummer: 58231174 Datum: 01.07.2012 Copyright: imago/Horst Rudel Stuttgart, Unwetter Unwetter-Schäden, Styropor-Platten auf der B 10 bei Wangen. xmk x2x 2012 quer o0 Gesellschaft Wetter Sturm Sturmschäden 58231174 Date 01 07 2012 Copyright Imago Horst Rudel Stuttgart Storm Storm Damage Styrofoam Plates on the B 10 at Cheeks xmk x2x 2012 horizontal o0 Society Weather Storm Storm damage
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Bis zum Jahr 2013 wurde das Flammschutzmittel HBCD Styropor beigefügt, um bei Dämmarbeiten gleichzeitig auch dem Brandschutz gerecht zu werden.

Heinsberg. Schon das fehlerlose Aussprechen seines Namens stellt eine beinahe unüberwindliche Hürde dar: Hexabromcyclododecan, meist als HBCD abgekürzt. Oftmals enthalten alte Dämmplatten aus geschäumtem Kunststoff, also Styropor, dieses Flammschutzmittel. Seit 2013 wird es bei Neubauten nicht mehr verwendet.

Aber gerade im Sanierungsfall oder beim Abriss älterer Gebäude fallen die Dämmstoffe oft in stattlichen Mengen an und stellen Bauherren und Entsorgungsunternehmen auch in der Region derzeit vor arge Probleme. Denn seit dem 30. September werden an den Abfallentsorgungsanlagen des Kreises Heinsberg in Gangelt-Hahnbusch und Wassenberg-Rothenbach keine Styropor-Dämmstoffe mehr angenommen. Grund dafür ist eine europäische Verordnung, die Styropor als „gefährlichen Abfall“ einstuft, teilte der Kreis kürzlich mit. Bis heute habe sich daran nichts geändert, erklärt der Pressesprecher des Kreises, Ulrich Hollwitz. Und offenbar bahnt sich kurzfristig auch keine Lösung an.

„Das sind meist Dinge, die die private Bauwirtschaft betreffen“, sagt Hans-Walter Schönleber, der leitende Rechtsdirektor der Stadt Heinsberg, dem auch das Amt für Abfallwirtschaft untersteht. Seines Wissens nach gebe es momentan bei öffentlichen Bauvorhaben der Stadt diesbezüglich keine Sorgen.

Die treffen allerdings Entsorgungsspezialisten wie Stefan von Birgelen mit voller Wucht. „Wir haben schon die Annahme von Baustyropor verweigern müssen“, sagt er. „Der Gesetzgeber hat eine Not entstehen lassen, wo es bislang keine gab. Man hat aus einem nicht gefährlichen Abfall einen gefährlichen entstehen lassen.

Es gibt derzeit keinen vernünftigen Absatzweg. Unsere Verbände sprechen von einem Entsorgungsnotstand.“ Aus einem aktuellen Schreiben des Bundesverbandes Sekundärstoffe und Entsorgung (BVSE) weiß Stefan von Birgelen: „Inzwischen spitzt sich die Situation weiter zu. Aus den kommunalen Bereichen werden Baustillstände gemeldet und drastische Verteuerung bei Neubau- und Abbruchmaßnahmen ergeben sich.“

Alle Bundesländer sind anscheinend betroffen, da nur noch eine Handvoll Müllverbrennungsanlagen die Platten annimmt. Bei der bisher gängigen Entsorgung wurde der Styroporabfall von Baustellen unter sonstigen Bauabfall gemischt. Im Verbrennungsprozess der Müllverbrennungsanlagen wurde das HBCD so zerstört. Doch der Bundesrat hat im Zuge der Abfallverzeichnisverordnung (AVV) beschlossen, dass HBCD-haltiges Material jetzt auf Baustellen getrennt gesammelt und entsorgt werden müsse.

Ein Problem in diesem Zusammenhang sei auch, so Stefan von Birgelen, dass die Verbrennungsanlagen ohnehin nicht erpicht darauf seien, das Styropor zu verbrennen. Grund hierfür sei, dass es sich um ein so genanntes „hochkalorisches Material“ handele, das sehr lange im Verbrennungsofen verbleibe.

Mehr Geld zu verdienen sei hingegen mit „niederkalorischem Material“, das schneller verbrenne, was natürlich eine größere Entsorgungsmenge im gleichen Zeitraum bedeute. In diesem Zusammenhang erinnert er daran, dass allein im letzten Jahr laut dem Institut Prognos 1,7 Millionen Tonnen Abfall zur thermischen Entsorgung nach Deutschland importiert worden seien, um die Kapazitäten der Verbrennungsanlagen auszulasten. Die Folge: „Wir sind mittlerweile schon in den Abfallmengen reglementiert worden, weil genug aus dem Ausland, vorwiegend aus Großbritannien, vorlag.“

Von Kollegen aus anderen Regionen hat Stefan von Birgelen Abenteuerliches gehört. Zwischen 5000 und 7000 Euro seien dort von Verbrennungsanlagen für die Entsorgung einer Tonne des HBCD-haltigen Dämmstoffes gefordert worden. Bislang habe der Preis nicht einmal bei einem Zehntel dieser Summe gelegen. Angesichts dieser bestehenden Situation hat sich der BVSE nun erneut direkt an die Umwelt- und Wirtschaftsministerien der Bundesländer gewandt.

Der Verband plädiert dafür, die vorgenommenen Änderungen der Abfallverzeichnisverordnung (AVV) rückgängig zu machen. Dieser Vorschlag entspreche dem Regierungsentwurf zur Novellierung der Abfallverzeichnisverordnung, in dem derartige Abfälle als nicht gefährlich eingestuft seien. Damit schließe sich der BVSE der Auffassung des Bundesumweltministeriums und der öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger an, zur bisherigen Entsorgungspraxis zurückkehren zu wollen. Wann dies allerdings der Fall sein wird, darüber möchte Stefan von Birgelen ebenso wenig eine Prognose abgeben wie der Kreis Heinsberg.

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