Ensemble „Aghani“: Musik soll Kulturen verbinden

Von: Guenter Kleinen
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Sie drücken sich mit ihrer Musik aus: Sängerin Agnes Erkens (2.v.l.) hat ein Musikprojekt mit Flüchtlingen initiiert, aus dem das Ensemble „Aghani“ entstanden ist. Foto: Guenter Kleinen

Heinsberg. Ungewohnte Klänge dringen aus dem historischen Gebäude am Kreisverkehr an der Sittarder Straße. Musik aus einem fernen Kulturkreis. Und das am frühen Morgen, an dem die Stadt ihrem geschäftigen Treiben nachgeht und insofern wenig Notiz von den Melodien nimmt, die ab und zu von einer hohen Stimme übertroffen werden.

Hinter den offenen Fenstern im Erdgeschoss sitzen vier Musiker in der Mitte eines Raumes, konzentriert, aber entspannt, sie hören einander zu. Abwechselnd in deutscher, kurdischer, arabischer Sprache. Fragen und Anregungen kommen überwiegend von der Frau, die die kleine Gruppe zusammengeführt hat: Agnes Erkens, eine Sängerin aus Köln, mit Wurzeln im Heinsberger Land. Genau genommen kommt sie aus Hontem bei Braunsrath, und sie hat den Bezug zu ihrer Heimat nie verloren.

Die ausgebildete Sopranistin, die in Köln einen Ruf als kultur- und völkerverbindende „Institution“ hat, widmet sich beruflich seit vielen Jahren geistlichen Gesängen des Abendlandes, singt darüber hinaus in hebräischer, jüdischer, galicischer oder alt-portugiesischer Sprache.

Ihre neue Leidenschaft ist seit einigen Jahren der Brückenschlag zwischen den Kulturen, die durch Krieg und Vertreibung hierzulande zueinander finden. „Sie haben anstelle eines Koffers ihr Musikinstrument mitgebracht, als wichtigstes Utensil, als sie die Heimat verließen. Sagt das nicht alles?“, fragt Agnes Erkens. Es ist eine rhetorische Frage.

Mit ihrem neuesten Projekt „Sing mir Dein Lied…“ will die Sängerin Brücken bauen, und der zweite Teil des Titels gibt die Erklärung: „… damit ich Dich besser verstehen kann.“ Das Ensemble, das aus dem Projekt wächst, heißt „Aghani“. Erkens erklärt, was sie bei ihrer Arbeit antreibt: „Dort, wo kulturelle und ethnische Gegebenheiten eine Barriere für Begegnung, Kommunikation und Nähe sind, vermag die Musik diese zu durchdringen, zu erweitern und zu ermöglichen.“

Katholische Forum

Das katholische Forum für Erwachsenen- und Familienbildung in der Region Mönchengladbach und Heinsberg bietet in der Kreisstadt einen Platz für diese Art der Begegnung. Marion Höfer-Battermann erläutert: „In Zeiten der Flüchtlings-Ströme wurden uns vom Bistum Aachen zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt, um den neuen gesellschaftlichen Ansprüchen zu begegnen.

Diese ermöglichen auch die Arbeit von Frau Erkens, deren Anliegen wir unterstützen. Wir wollen als Bildungseinrichtung dazu beitragen, dass Menschen auf der Flucht hier ankommen. Die Musik als Mittelpunkt oder als Thema hat etwas ursprünglich Verbindendes, ist hier ein Spagat zwischen fremder Musik und heimischen Hörgewohnheiten.“

An diesem Morgen sitzen sie also zusammen, die kurdische Syrerin Sakia Mohammed, der ebenfalls kurdische Syrer Waqed Saadi und Erdal Aslan mit türkischer Abstammung. Alle haben ihre Musikinstrumente dabei, die Saz, die Def, die Baglama. Sie kennen sich bereits, haben schon mehrfach zusammen gespielt. Doch immer wieder gibt es neue Ansätze, Austausch und Ideen. An diesem Morgen fehlt der Iraker Adnan Shannan mit seiner irakischen Flöte.

Die Gruppe möchte noch mehr Musiker in der Runde haben, daher das Projekt in Heinsberg. Als Vermittler unter den Musikern kristallisiert sich Erdal Aslan heraus. Er befasst sich als Sozialarbeiter mit Flüchtlingen und ist ein nüchterner Pragmatiker. Dennoch stellt er die Frage: „Ist es nicht wünschenswert, dass zum Beispiel ein syrischer und ein nigerianischer Flüchtling über die Musik auf einem türkischen Instrument in einem Lied in Deutschland zusammenfinden?“

Wertschätzung über die Musik

Genau das ist der Anspruch der Initiatorin Agnes Erkens. Wer das Miteinander, das staunende Schauen, das neugierige Fragen, das erfreute Mitmachen erlebt, erkennt, dass es funktioniert. „Musik als Geschenk einer alten Kultur kann nicht missverstanden werden“, ist sich Sängerin Agnes Erkens sicher.

Der Syrer Waqed Saadi erzählt: „Wir haben ein Land verlassen, in dem nichts vorhanden war, was Zukunft bedeutet. Keine Arbeitsmöglichkeit, kein normaler Alltag, keine Kultur. Hier aber ist alles!“ Und aus seinen Augen spricht, was er dabei vielleicht denkt: was für ein gesegnetes Land. Seine erfreuliche Erfahrung: „Hier erfahren wir über die Musik sogar Wertschätzung.“ Wenn Waqed sein Instrument spielt und dabei singt, lachen seine Augen. „Musik ist wie ein Butterbrot, das Letzte was uns geblieben ist“, sagt er.

Sakia Mohammed stimmt ihm bei: Auch sie hat Druck, Angst und Zweifel erlebt. Letztlich ging es nur ums Überleben. Die Sprache ist noch ihr Problem, aber sie lernt. So lange verleiht ihr ihr dreisaitiges Instrument, die Saz, eine Stimme. Und natürlich ihr Gesang, der auch ihre Musikerkollegen verzückt. Das Ensemble ist für sie ein Stück Heimat geworden, hier fühlt sie sich sicher.

Erdal Aslan, der am längsten in Deutschland ist, sieht die Situation aus einer bereits reflektierten Sicht: „Die Vielfalt der Nationen, die in Deutschland zusammengewürfelt sind, ist ein Glücksfall für die Kulturen!“ Und er stimmt, wie die anderen, Agnes Erkens zu, wenn sie sagt, Musik verbindet. Erdal: „Alle Lieder aus kulturellen Quellen sind aus einem guten Herzen geschrieben. Wir bringen sie nur auf den Tisch und laden ein, zu genießen.“

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