Eiszeit zwischen Kirchner und DMK

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Am Ende ist ihnen das Eis aus den Händen geglitten: Die Kirchners aus Waldfeucht-Haaren ereilte das gleiche Schicksal, das schon unzählige traditionelle Familienunternehmen irgendwann erleben mussten – die Komplettübernahme durch einen finanzstarken Investor. Foto: stock/people
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Glücklich sieht anders aus: Dr. Gotthard Kirchner (links) und sein Vater August sehen die Zukunft von Rosen Eiskrem mit gemischten Gefühlen. Foto: Herwartz

Waldfeucht-Haaren. Für die Lebensmittelzeitung war es nur eine Personalie. „Dr. Gotthard Kirchner, ehemaliger Alleininhaber des Handelsmarkenproduzenten Rosen Eiskrem, ist aus der Geschäftsführung des Speiseeisherstellers ausgeschieden...“ In der Region kam diese Nachricht, die auch eine Mehrheitsübernahme durch das Deutsche Milchkontor (DMK) im November letzten Jahres beinhaltete, einem neuerlichen Paukenschlag gleich.

Das DMK hatte Rosen Eiskrem übernommen. Kirchner wechselte nach der Genehmigung durch das Kartellamt als Vorsitzender in den Beirat und blieb mit einer Minderheit am Unternehmen beteiligt. Mittlerweile hat er seine Anteile komplett aufgegeben. Mit dem Namen Kirchner war für die 300-köpfige Belegschaft am Standort Haaren stets die Hoffnung verbunden, dass mit seinem Verbleib im Unternehmen auch die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze weitgehend gewährleistet sei. Werden jetzt die Karten neu gemischt? Nach beinahe fünf Jahrzehnten Familientradition, in denen der Name Kirchner untrennbar mit Rosen Eiskrem verbunden war, geht in Waldfeucht eine Ära zu Ende.

In wenigen Wochen beginnt das weit über die Grenzen der Region bekannte Oktoberfest in Haaren, dem die Kirchners über Jahre hinweg ihren Stempel aufgedrückt haben. Ein Inbegriff des Frohsinns und der guten Laune. Wie es um diese derzeit bei Dr. Gotthard Kirchner und seinem Vater August Kirchner bestellt ist, wollte unser Redakteur Rainer Herwartz in einem Gespräch mit Vater und Sohn ergründen.

Wenn am 11. Oktober der Fassanstich in Haaren erfolgt, sind wieder tausende Blicke auf Sie als Vorsitzenden des Komitees Haarener Oktoberfest gerichtet. Wird man Sie in dieser Funktion auch zukünftig noch erleben?

G. Kirchner: Das Oktoberfest wurde vor 49 Jahren von meinen Eltern ins Leben gerufen und ist bis heute eine Veranstaltung der Vereine KV Kluser Pappmule, Musikverein Haaren und St.-Johannes-Schützenbruderschaft Haaren. Der Komiteevorsitz hatte und hat nichts mit meinen beruflichen Aufgaben zu tun. Somit werden mein Vater und ich uns auch in Zukunft mit Freude um die Geschicke des Oktoberfestes kümmern.

Im Festzelt werden sicher viele Ihrer ehemaligen Mitarbeiter sitzen. Sind Sie mit sich und ihnen im Reinen?

G. Kirchner: Zu unseren Mitarbeitern im Unternehmen Rosen hatten wir immer ein ganz besonderes Verhältnis. Wir haben größten Wert auf freundschaftliche und familiäre Beziehungen gelegt. Das Wohl unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lag uns immer sehr am Herzen. Wir haben viel Positives von unseren Mitarbeitern zurückbekommen. Wir freuen uns darauf, im Rahmen des Oktoberfestes viele von ihnen wieder zu treffen.

„Den Schritt, den ich vollzogen habe, hätte ich nicht gemacht, wenn hier die Tage gezählt wären. Wir haben unternehmerisch noch viel vor.“ Dieses Zitat aus Ihrem Munde stammt aus dem Dezember des letzten Jahres. Dass Sie sich nur ein Dreivierteljahr später komplett aus dem Unternehmen zurückgezogen haben, sieht nach einer 180-Grad-Kehrtwende aus. Was ist geschehen?

G. Kirchner: In der Tat hatten wir unternehmerisch sehr viel vor. Die Beteiligung der DMK an Rosen brachte die Chance zur Nutzung vieler Synergien für beide Unternehmen. Die Marktführerschaft im europäischen Eismarkt war das Ziel. Wie sich jedoch herausstellte, waren die Auffassungen hinsichtlich der zukünftigen Unternehmensstrategie zu unterschiedlich. Manche Entscheidungen konnte ich als Geschäftsführer nicht mittragen und verantworten. Dann ist es besser, interne Konflikte zu vermeiden, von denen möglicherweise noch andere Mitarbeiter betroffen würden, und den Weg frei zu machen, damit das Unternehmen in Ruhe weiter arbeiten kann.

Dass es als Minderheitseigner schwer werden würde, seine Ideen durchzusetzen, war absehbar. Können Sie einige Diskrepanzen nennen?

G.Kirchner: Es handelt sich um Geschäftsleitungsinterna, über die wir gegenseitiges Stillschweigen vereinbart haben.

Aus rein finanzieller Sicht, so sagten Sie damals, habe es für Sie persönlich weit attraktivere Angebote gegeben, als das von DMK. Haben Sie mittlerweile bereut, nicht eines von diesen angenommen zu haben?

G. Kirchner: Das Angebot der DMK haben wir den anderen Angeboten vorgezogen, weil wir durch die entstehenden Synergien und eine gemeinsame Strategie die Zukunft für unsere Mitarbeiter langfristig gesichert sahen. Und das lag uns am meisten am Herzen. Die Übernahme durch einen Fonds hätte möglicherweise zu Entwicklungen geführt, die den Rosen Mitarbeitern über kurz oder lang nicht gut getan hätten. Das kam für uns nicht in Frage. Ob ich es bereuen müsste, werden die nächsten Monate zeigen.

Der Name Kirchner ist mit Rosen Eiskrem beinahe so untrennbar verbunden wie der von Wagner mit Bayreuth. Es ist das Lebenswerk einer bedeutenden Unternehmerfamilie der Region. Wie hat sie den sich anbahnenden Übergang dieses Lebenswerkes in fremde Hände aufgenommen? Ich denke da besonders an Kirchner-Senior.

A. Kirchner: Dass ein Konzern und ein mittelständisches Familienunternehmen zu unterschiedlichen Meinungen hinsichtlich der weiteren Geschäftsverläufe kommen können, ist ja nicht ungewöhnlich. Für Rosen und DMK war die Beteiligung eine große Chance, den europäischen Markt für Handelsmarken im Eiskrembereich als Marktführer zu gestalten. Deshalb habe ich die unternehmerische Entscheidung, eine DMK-Beteiligung hereinzuholen, mitgetragen. Ich bin natürlich sehr gespannt, wie der Konzern handeln wird und werde dies interessiert beobachten. Dass mich der weitere Weg unseres mit viel Engagement und Liebe aufgebauten Familienunternehmens nicht kalt lässt, dürfte selbstverständlich sein.

Haben Sie mit Ihrem Sohn gegrollt?

A. Kirchner: Die strategischen Entscheidungen meines Sohnes habe ich jederzeit unterstützt. Er hat, auch als Alleininhaber, immer alle Pläne mit mir besprochen. Kein Gedanke daran, böse zu sein.

Im letzten Jahr sprachen Sie von Synergieeffekten, die durch die Mehrheitsübernahme mit DMK entstünden und davon, dass die Basis der neuen Wachstumsstrategie die Stärkung der Standorte und die Sicherung der Arbeitsplätze und des Know-hows seien. Dürfen die Mitarbeiter von Rosen Eiskrem auch heute noch ruhig schlafen?

G. Kirchner: Diese Frage werden Ihnen die Verantwortlichen des Unternehmens Rosen Eiskrem sicher besser beantworten können. Wir haben keinen Einfluss mehr auf die Unternehmensstrategie.

Es ist kaum vorstellbar, dass ein Gotthard Kirchner sich mit 49 in den Schaukelstuhl setzt und den Herren einen guten Mann sein lässt. Gibt es schon konkrete Pläne für die Zeit nach Rosen Eiskrem?

G. Kirchner: Durchaus gibt es Pläne. Wegen der noch laufenden Gespräche kann ich Ihnen aber heute noch nichts Genaues mitteilen. Gern halte ich Sie auf dem Laufenden, sobald etwas spruchreif ist.

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