Eine Erzählerin wie aus dem Märchenbuch

Von: Norbert F. Schuldei
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„Wenn ich erzähle, dann bin ich ganz im Märchen drin“, sagt Kunigunde Lucks. Ihre Mimik und Gesten zeigen, wie sehr dies stimmt. Foto: Schuldei
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Fasziniert lauschen die Kinder Kunigunde Lucks‘ Geschichten. Rund 80 Märchen hat sie im Repertoire. Foto: Schuldei

Erkelenz. Man muss die Stille hören, um den Einstieg zu finden: „Macht die Augen gaaaanz fest zu und sagt: Ich bin ein Königskind“. So stimmt Kunigunde Lucks die Kinder oft auf das ein, was sie ihnen dann erzählen wird. Kunigunde Lucks ist Märchenerzählerin.

Die Erkelenzerin erzählt solche Geschichten, wie sie die Brüder Grimm gesammelt und in den „Kinder- und Hausmärchen“ herausgegeben, Dichter wie Wilhelm Hauff oder Hans Christian Andersen gedichtet haben oder die uns aus anderen Kulturkreisen („1001 Nacht“) überliefert sind. Nicht nur Kinder in Schulen, Büchereien, Jugendheimen oder ähnlichen Einrichtungen sammeln sich um sie und lesen ihr schon nach wenigen Minuten jedes Wort von den Lippen ab – auch Erwachsene gehören durchaus zu den Hörern.

„Ich weiß gar nicht mehr, wo ich schon überall gelesen habe“, sagt Kunigunde Lucks. Seit 13 Jahren macht sie das nun schon – und jetzt ist Schluss. „Ich werde Silvester 80 Jahre alt. Irgendwann muss man ein Ende finden“, sagt sie. Ja, ja: „Da lief sie fort zum Dorfe hinaus, und niemand hat sie wiedergesehen...“

Nein, so wie im Märchen „Die kluge Else“ wird es nicht werden. Aber da sind wir schon bei dem, was an den Geschichten, die sie erzählt, so faszinierend ist: „Märchen sind immer Geschichten von Menschen“, sagt Kunigunde Lucks. „Wenn ich erzähle, dann bin ich ganz im Märchen drin.“ Und die Kinder sind ihr dabei so nahe, dass „sie am liebsten in mich reinkriechen würden“.

Wie kommt jemand auf die Idee, das Erzählen von Märchen zu seiner Passion zu machen? „Ah, das ist interessant, nicht?“, sagt sie, lacht und zwinkert dabei spitzbübisch ein Auge. Gut, Kunigunde Lucks erscheint schon so, wie man sich eine Märchenerzählerin gemeinhin vorstellt: Sie kommt mit ihrem flotten weißen Haarschopf auf leisen Sohlen zwar, aber doch sehr bestimmt daher; sie nimmt sich mehr zurück, als dass sie sich aufdrängt; sie sagt mit den Händen genauso viel wie ihr Worte über die Lippen kommen.

„Schon als Kind habe ich sehr viel gelesen und Märchen geliebt und sie anderen Kindern erzählt“, sagt sie. In Ratheim ist sie aufgewachsen, ist Kindergärtnerin geworden, hat zwei Jahre in Oberbruch gearbeitet. „Und dann habe ich 19 Jahre lang als Hausfrau und Mutter meine vier Kinder groß gezogen.“ Als diese Phase ihres Lebens erfüllt war, hat sie sich eine neue Aufgabe gesucht.

„Ich wollte immer etwas mit Kindern machen.“ Und da trug es sich zu, dass der damalige Schulrat Kappel dringend Fachkräfte für die neuen „Schulkindergärten“ suchte. Nach zwei Jahren zusätzlicher Ausbildung war sie Lehrerin im Angestelltenverhältnis. „Erst in Wegberg-Beeck, danach habe ich in Myhl gearbeitet, gerne gearbeitet“, sagt sie. Als sie 62 wurde, endete auch diese Zeitspanne. Kunigunde Lucks aber wollte weiter mit Menschen, möglichst mit Kindern, „arbeiten“.

Und so kam es, dass sie „in ganz Deutschland“ Seminare der Europäischen Märchengesellschaft belegte und sich zur Märchenerzählerin ausbilden ließ. „Als ich 1999 meine erste Erzählstunde hatte, da konnte ich acht oder neun Märchen erzählen.“ Heute hat sie rund 80 Märchen von Andersen bis Ludwig Tieck im Repertoire, die sie in den Wintermonaten großen wie kleinen Zuhörern vorträgt.

Geschichten, die unglaublich modern anmuten: „Zieh mit uns fort, etwas Besseres als den Tod findest du überall“, sagt der Esel zum Hahn, dem „Rotkopf“ in den „Bremer Stadtmusikanten“, also der ersten Senioren-WG; Geschichten, die reine Poesie sind: „In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön; aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selbst, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien...“, so etwa beginnt „Der Froschkönig oder Der Eiserne Heinrich“; Geschichten, in denen die unglaublichen Happy Ends oft neben den Schrecken, der ihnen vorausging, verblassen: „Hänsel und Gretel“ zum Beispiel.

Märchen sind immer aber auch Geschichten, die die rettende Kraft der Fantasie heraufbeschwören und die den Glauben stärken, die Welt poetisierend verbessern zu können. „Aus jeder Zwangslage kann ich einen Ausweg finden, wenn ich die Augen offenhalte. Das ist es, das man aus fast jedem Märchen mitnehmen kann“, sagt Kunigunde Lucks.

Großmütter, die ihre Enkel am Küchenfeuer versammeln, um ihnen Geschichten zu erzählen, sind heute relativ selten; Märchenerzähler wie Kunigunde Lucks sind auch eher rar. Wer deshalb meint, Märchen seien total uncool, irrt gewaltig. Die Europäische Märchengesellschaft beispielsweise zählt gut 200 Mitglieder; bei einer Tagung anlässlich des 200. Jahrestages der Erstauflage der Grimm‘schen „Kinder- und Hausmärchen“ trafen sich vor wenigen Tagen rund 240 internationale Wissenschaftler in Kassel zum bislang weltgrößten Grimm-Kongress.

Beleuchtet wurde dort unter anderem die Darstellung Grimm‘scher Märchen in Hollywood-Filmen. Märchen sind zeitlos; sie bieten unbegrenzten Raum für die Betätigung der Fantasie. Solange es Frauen und Männer gibt, Liebe und Hass, Beharrlichkeit und Verwünschungssehnsucht, Gier und Treue und Eifersucht – solange werden Menschen Märchen brauchen.

Das Bett für die Nachfolgerin hat Kunigunde Lucks übrigens schon bezogen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte...

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