Ein Stück über die tückische Krankheit Alzheimer

Von: Johannes Bindels
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Schuhe statt Kuchen in den Ofen geschoben: Fast fackelt der an Alzheimer erkrankte Amandus Rosenbach (Achim Wolff) mit seinen Backversuchen das Haus ab. Schwiegertochter Sarah Rosenbach (Astrid Kohrs) verhindert Schlimmeres. Foto: Bindels

Heinsberg-Oberbruch. Die Festhalle in Oberbruch war Schauplatz eines gesellschaftlich relevanten Themas, das alle Beteiligten immer in besonderem Maße fordert: die Alzheimer-Erkrankung eines Menschen. Mit der Tragikkomödie „Honig im Kopf“ von Florian Battermann in der Inszenierung von René Heinersdorff führte das Ensemble des Theaters „Komödie am Altstadtmarkt“ aus Braunschweig den Verlust der Identität und Persönlichkeit und die Möglichkeiten und Grenzen der Begleitung durch Familie, Freunde und Mitmenschen in eindringlicher Weise auf.

Das Geschehen um den Krankheitsverlauf ist schnell erzählt: Nach der Beerdigung seiner verstorbenen Frau Elisabeth verschlimmert sich der Zustand von Amandus Rosenbach.

Die Alzheimererkrankung schreitet in Schüben voran, die Unselbstständigkeit nimmt zu. Sohn Niko Rosenbach will die Betreuung seines Vaters im eigenen Haushalt organisieren, bringt dadurch aber die Ehe mit seiner Frau Sarah und das Familienleben fast zum Scheitern.

Die Überforderung bei der Betreuung wird deutlich, als der Erkrankte fast das Haus abfackelt. Der Weg ins Pflegeheim scheint unvermeidlich.

Der kindliche Blick der Enkelin Tilda auf die Erkrankung führt zu einer verrückten Idee. Sie hat vom Arzt erfahren, dass für Alzheimerpatienten das Aufsuchen altbekannter Orte hilfreich sein kann. Sie geht ein besonderes Wagnis ein und begibt sich mit ihrem Großvater auf eine chaotische Reise nach Venedig. Diese Stadt wiederzusehen, zu der Amandus mit seiner verstorbenen Frau seine Hochzeitsreise machte, ist sein größter Wunsch. Sie will Amandus diesen Wunsch erfüllen.

Durch wenige, abstrahierende Requisiten werden die jeweiligen Bühnenbilder verändert. Dialoge und kurze Erläuterungsmitteilungen sind das vermittelnde Stilmittel bei dieser Aufführung. So werden sowohl die Zeitverläufe wie auch die wechselnden Orte geschickt dargestellt.

Achim Wolff überzeugte in der Rolle des erkrankten Familienoberhauptes Amandus Rosenbach mit seiner Darstellung des Wechsels zwischen klaren und verwirrten Momenten eines dementen Menschen.

Karsten Speck als Sohn Niko und Astrid Kohrs als Schwiegertochter Sarah Rosenbach zeigten mit ihrem Spiel das emotionale Auf und Ab einer Familie, deren Leben durch diese tückische Krankheit durcheinandergewirbelt wird.

Überzeugend und erfrischend füllte Anne Bedenbender die Rolle der Enkelin Tilda Rosenbach aus, die nur die Liebe zu ihrem erkrankten Großvater Amandus in den Fokus stellte. Mit dem Blick eines Kindes auf den Alzheimer-Erkrankten wird ein Lösungsweg angeboten, wie mit der Belastung und dem Leid umgegangen werden kann.

Tilda nimmt die unberechenbaren Handlungen ihres Großvaters mit Humor, auch wenn die Ratschläge des Opas kaum hilfreich sind. „Lass die Brüche lang“, lautet seine Antwort auf die Frage, wie Brüche gekürzt werden können.

Tragisch sind dagegen Momente, in denen Amandus zum Beispiel einen Kuchen backen will und stattdessen die Schuhe der Schwiegertochter in den Backofen stellt und so fast einen Hausbrand verursacht. Oder als er eine Polizeipistole entwendet und damit rumballert.

Aber auch die ernsten Momente kommen nicht zu kurz: „Wie fühlt sich das an, wenn man alles vergisst?“, fragt Tilda den Großvater. „Wie Honig im Kopf, alles so verklebt“, antwortet der. In klaren Momenten gibt er seiner Enkelin noch Trost: „Es wird der Tag kommen, an dem ich nicht mehr weiß, dass du du bist. Aber denke daran, dass ich dich immer lieb haben werde!“ Und der Tag kommt dann am Ende der Reise in Venedig.

Wenn auch die Komödie die Tragik in dieser Aufführung überwiegt, dem Publikum hat die Gewichtung gefallen. Es gab viel Szenenapplaus bei den ernsten sowie bei den humorigen Passagen. Das ist vor allem der Leistung des Ensembles geschuldet.

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