Ein steiniger Weg bis zu Lenis erstem Schultag

Von: Anna Petra Thomas
Letzte Aktualisierung:
12864363.jpg
Für Leni Lambertz und ihre Mutter Katharina ist der erste Schultag ein ganz aufregender, ganz besonderer Tag: Die Sechsjährige, geboren mit dem Down-Syndrom, besucht mit der katholischen Grundschule in Birgelen künftig eine ganz normale Grundschule. In ihrem Lieblingsbuch über Olaf, den Schneemann im Disney-Film „Die Eiskönigin“ blättert Leni jetzt schon gerne. Bald will sie die Geschichten auch selbst lesen. Foto: anna

Heinsberg-Kempen. Wie ganz viele Erstklässler in der Region freut sich auch Leni Lambertz aus Kempen heute auf ihren ersten Schultag. Obwohl sie mit ihrer Mutter Katharina und ihren Großeltern zusammen in Kempen lebt, besucht die Sechsjährige zukünftig die katholische Grundschule in Birgelen, denn das ist eine Schule des sogenannten Gemeinsamen Lernens.

Eine Schule, in der Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam am Unterricht teilnehmen.

Für einen Tag wollen Katharina Lambertz und ihre Mutter Michaela Peters heute die gefühlten Steine vergessen, über die sie auf dem Weg zu diesem Ziel gestolpert sind. Heute feiern sie die Einschulung von Leni in eine ganz normale Schule, deren Motto lautet: „Wir sind verschieden, und das ist gut so!“

Lenis Handicap ist das Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt, denn bei ihr ist das 21. Chromosom dreifach vorhanden. Das wusste Katharina Lambertz schon vor Lenis Geburt. Da stolperte sie über den ersten ganz großen Stein. Ein Arzt habe ihr erklärt, dass man das „Problem“ in Holland auch nach der 30. Schwangerschaftswoche noch beseitigen könne, erzählt sie und schüttelt dabei heute noch mit dem Kopf.

Die junge Mutter entschied sich für Leni und informierte sich bei Selbsthilfegruppen, im Internet. „Da steht alles, aber wie liebenswert diese Menschen sind, steht da nicht“, weiß auch Lenis Großmutter heute.

Nach Lenis Geburt stand zunächst eine Herzproblematik im Vordergrund. Diese wurde mit einer Operation behoben, als sie fünf Monate alt war. Im Alter von einem Jahr besuchte sie bereits die Frühförderstelle der Lebenshilfe zwecks Physiotherapie, Logopädie und Heilpädagogik.

Als Leni drei Jahre alt war, wechselte sie in die Kindertagesstätte Triangel in Oberbruch, wo sie ebenfalls mit Physiotherapie und Logopädie sowie mit Ergotherapie gefördert wurde. Leni liebt heute Musik, dazu zu tanzen oder zu singen. Sie mag es, mit Farben zu malen oder zu basteln. Vor allem aber lernt sie inzwischen sehr schnell, „vor allem das, was sie nicht darf“, schmunzelt die Mama.

Am Ende der Kita-Zeit suchte Katharina Lambertz das Gespräch mit Lenis Erzieherinnen, die sie darin bestärkten, Leni in einer ganz normalen Grundschule anzumelden. Die Alternative wäre die Rurtal-Schule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung in Oberbruch gewesen. Katharina Lambertz meldete Leni jedoch an der Grundschule in Birgelen an, die bereits seit 1993 Erfahrungen im Gemeinsamen Lernen hat.

Die Mutter folgte damit den Möglichkeiten, die das sogenannte Schulrechtsänderungsgesetz aus dem Jahr 2013 den Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen bietet. Demnach wird den Schülern mit einem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung grundsätzlich immer ein Platz an einer allgemeinen Schule angeboten. Dabei steht es den Eltern jedoch frei, für ihr Kind dennoch eine Förderschule zu wählen.

Als verkehrte Welt, oder, um beim Bild zu bleiben, neuer großer Stolperstein erschien Katharina Lambertz und ihrer Mutter da all das, was beide mit Leni offenbar bei der Schuluntersuchung im Gesundheitsamt des Kreises Heinsberg erlebten.

Vor lauter Aufregung habe Leni beim Zählen die Zahl drei vergessen, erinnert sich ihre Mutter. Die Schulärztin habe daraufhin notiert, dass Leni lediglich bis zwei zählen könne. Als Leni dann ein Indianer-Tipi habe malen sollen, was sie noch nicht kann, habe die Schulärztin ihr gesagt, dass man sich den Rest der Untersuchung ja dann sparen könne. „Da war ihre Entscheidung schon gefallen“, sagt Katharina Lambertz.

Das sieht Dr. Karl-Heinz Feldhoff, Leiter des Kreisgesundheitsamtes, ganz anders: Dass die untersuchende Ärztin schnell und unbedacht eine Urteilsfindung gleich zu Beginn der Untersuchung bekanntgegeben habe, sei für ihn nicht nachvollziehbar, betont er. Katharina Lambertz verteidigt hier jedoch ihre Schilderung.

Schließlich habe sich die Ärztin dann tatsächlich dahingehend geäußert, dass man Leni doch besser in die Rurtal-Schule schicken solle, damit sie dort lerne, ihr Butterbrot zu schmieren, fügt Katharina Lambertz hinzu. „Das hat sie wörtlich gesagt.“

Auf diese Äußerungen seiner Mitarbeiterin angesprochen, erklärt Feldhoff, dass die Rurtal-Schule im Rahmen ihrer Fördermaßnahmen besonderen Wert auf eine intensive lebenspraktische Förderung, also das notwendige Erlernen einfacher und alltäglicher Verrichtungen lege. „Diese Hinweise seien sicherlich auch im Beratungsgespräch mit Katharina Lambertz anhand mehrerer Beispiele erfolgt, „aber auf keinen Fall in einem despektierlichen oder herabwürdigenden Duktus.“

Das sieht Katharina Lambertz ganz anders. „Ich bin doch nicht dumm!“, habe die kleine Leni selbst am Ende der Untersuchung sogar gesagt… und geweint. „Leni kann schon seit langem ihr Butterbrot schmieren“, erklärt ihre Mutter, und doch geht es ihr hier um viel mehr. In der ganzen Schuleingangsuntersuchung habe sie ihre Tochter immer in einem Vergleich mit einem Kind ohne Beeinträchtigungen gefühlt, bemängelt sie.

„Aber sollte man nicht im Sinne von Inklusion die Ausgangssituation eines Kindes beleuchten und dann seine bereits erworbenen Fähigkeiten betrachten?“, fragt sie. An eine „vertiefende Beratung“, wie sie Feldhoff anführt, kann sich Katharina Lambertz auch nicht erinnern. „Ich bin überhaupt nicht beraten worden!“, betont sie.

In der katholischen Grundschule in Birgelen wird man Leni jetzt genau da abholen, wo sie ist, mit all ihren Fähigkeiten, aber auch mit ihren Beeinträchtigungen. Da sind sich Katharina Lambertz und ihre Mutter ganz sicher. Und heute wird im Hause Lambertz-Peters in Kempen erst einmal eine ganz große Party gefeiert, für den ersten Schultag von Leni.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert