Ein Heim für Menschen ohne Obdach

Von: Mirja Ibsen
Letzte Aktualisierung:
12523814.jpg
Zwei Häuser, zwei Welten, eine Aufgabe: Obdach für Menschen ohne Wohnung in Heinsberg. Foto: mib
12523815.jpg
Zwei Häuser, zwei Welten, eine Aufgabe: Obdach für Menschen ohne Wohnung in Heinsberg. Foto: mib

Heinsberg. Zwei Männer, eine Bank, eine Zigarette. Sie teilen. Der Rauch steigt kräuselnd zwischen ihnen auf. Ihre Bärte haben eine Länge, die jeden Hipster vor Neid an seinem Kamm knabbern lassen würden. Doch die zwei sitzen nicht dort auf dieser Bank, eine Plastiktüte mit Bierflaschen darunter, um zu sehen, wie in der winzigen Regenpause des Heinsberger Sommers Sonnenstrahlen Lichtmuster auf die Christuskirche malen.

Sie sitzen da, weil sie nicht gerne da sind, wo sie herkommen, sie nicht wissen, wo es hingeht und sie nicht glauben, dass sich etwas ändert.

„Namen sind Schall...“

Clochards könnte man sie nennen, das klingt so viel romantischer als Penner oder Obdachlose. Sie nennen sich am liebsten gar nicht. „Namen sind Schall und Rauch“, sagt der eine. Der andere sagt nichts. Weil aber obdachlos und namenlos, ganz und gar würdelos ist, nennen wir sie einfach Thomas und Uwe. Diese Namen waren in den Jahren zwischen 1959 und 1961, ihren Geburtsjahren, sehr populär.

„Den ganzen Tag in der Bude rumhängen, das kann ich nicht“, sagt Thomas. „Das konnte ich schon nicht, als ich noch eine vernünftige Wohnung hatte.“ Heute wohnt er, ebenso wie Uwe, in einem Haus der Stadt in der Oda-straße. Wie es da ist? Er macht eine wedelnde Handbewegung.

Wie ein Obdachlosenwohnheim aussehen muss, dafür gibt es in Deutschland laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe keine einheitlichen verbindlichen Standards. Die Menschenwürde sei zu gewährleisten und der Verwaltungsgerichtshof Kassel hat ein „zivilisatorisches Minimum“ umschrieben. Warm muss es sein, waschen und kochen muss man können. Bett, Schrank, Licht.

Die Stadt Heinsberg bewirtschaftet drei Häuser, in denen Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, unterkommen können. 31 Menschen leben zurzeit länger als ein Jahr in diesen Häusern. Zu Spitzenzeiten, vor der Hartz-IV-Reform, musste die Stadt 57 Menschen mit einem Dach über dem Kopf versorgen.

Vor dem Haus in Bleckden, einem dünn besiedelten Weiler etwas außerhalb von Heinsberg, blühen gelbe Ringelblumen in Waschbetonblumenkübeln, Bilder hängen im grün gestrichenen Hausflur, die Betonstufen des Treppenhauses sind gefegt, Fußmatten liegen vor den Wohnungstüren. Dafür sorgt Michael Odrosly. Er hält, so wie früher sein Vater Johann Odrosly, der direkt gegenüber wohnt, den Kies vor dem Haus sauber und sieht nach dem Rechten. Eine Teilzeitstelle.

Hier wohnen vor allem Menschen, die nur vorübergehend obdachlos sind. Die sich bemühen, bald wieder eine eigene Wohnung zu beziehen. Solche von der Sorte, die sich einmal verrechnet und einen Flachbildschirm gekauft, statt die Miete bezahlt haben.

Das Haus an der Odastraße hat keinen Hausmeister. Die Mitarbeiter der Stadt sind für die Pflege zuständig. Ein Fenster im Flur fehlt. Ein Bewohner hat die Scheiben von ihnen mit Postern verklebt. Es hängen fünf Briefkästen an der Wand. Nur noch fünf. Die anderen haben die Bewohner wegen ihres Metallwertes verkauft, wie der Nachbar von gegenüber erzählt.

Hier wohnen zehn Menschen, die bereits lange obdachlos sind. Die mal gehen, aber wiederkommen. So wie Thomas und Uwe. Thomas, wenn seine Freundin wieder seine Ex ist. Uwe, wenn er es wieder nicht geschafft hat, gesetzestreu zu bleiben und aus dem Gefängnis zurückkommt. Dass sein Zimmer keine Tür, sondern nur einen Vorhang hat, quittiert er mit einem Schulterzucken. Einen Betreuer, der ihn unterstützt? Will er nicht. Kampfgeist? Fehlanzeige.

Den hat dafür Leo, ein anderer Bewohner des Hauses. Er steht vor dem Haus und fegt. Ihm ist es nicht egal, wie es dort aussieht. Er renoviert, sagt er. Er beschwert sich. Er zieht schon mal mit einem Plakat vor das Rathaus. Da steht aber nichts von den fehlenden Griffen an seinem Fenster, die jemand abgeschraubt hat, um sie zu verkaufen. Es gibt eben solche und solche Obdachlose

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert