Heinsberg-Oberbruch - Ein Einblick in die vergangene Arbeitswelt

Ein Einblick in die vergangene Arbeitswelt

Von: Monika Baltes
Letzte Aktualisierung:
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Eifrige Dokumentation des Tages mit den Zeitzeugen: „Vergessen? Glanzstücke der Erinnerung!“ heißt das zweiwöchige Herbstferien-Projekt im Jugendheim Oase der evangelischen Erlöserkirche Oberbruch. Foto: Monika Baltes
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Ingrid Kreß demonstriert den Gebrauch von Schere (und Kurbel).

Heinsberg-Oberbruch. Konrad Landwehr ist als Zeitzeuge gekommen. 38 Jahre lang hat er in der Produktion der Glanzstoff-Fabriken in Oberbruch gearbeitet. „Wir haben immer Glanzstoff gesagt, egal, wie das Ding gerade hieß“, sagt er und entlockt er den jungen Zuhörern ein Lächeln.

Mit beginnender Rezession sei er 1990 mit 60 Jahren in Rente gegangen. Platz habe er machen wollen. Für jüngere Arbeitnehmer. Genutzt habe es nichts. „Schade um das schöne Werk“, bedauert er und erzählt von den guten Verdienstmöglichkeiten und dem freundschaftlichem Zusammenhalt unter den Kollegen.

„Vergessen? Glanzstücke der Erinnerung!“ heißt das zweiwöchige Herbstferien-Projekt im Jugendheim Oase der evangelischen Erlöserkirche Oberbruch, das Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 14 Jahren kreativ für Historie und Bedeutung des Industriestandortes Oberbruch interessieren soll.

Silke Esser, Schulsozialarbeiterin in Oberbruch, die zusammen mit Peter Maaßen vom Jugendamt Heinsberg und Angela Simon vom evangelischen Jugendheim „Oase“ Oberbruch für das Projekt zuständig ist, strahlt angesichts der großen Resonanz: „Wir haben 36 Teilnehmer!“

Wissbegierig und voller Freude haben sich die Jugendlichen an die Arbeit gemacht, um die vergangene Lebens- und Arbeitswelt in Oberbruch zu erkunden. Neben Recherche und Forschung nimmt die Dokumentation des Projektes großen Raum ein. Die Ergebnisse sollen in einer kleinen Wanderausstellung gezeigt werden.

Der zeitgeschichtliche Rundgang durch den Ort und den Bizz-Park (ehemaliges Fabrikgelände) mit Gästeführerin Therese Wasch war ein Höhepunkt, nun steht das nächste Highlight auf dem Programm: Das Gespräch mit den Zeitzeugen, die zahlreich erschienen sind.

Auch Ingrid Kreß räumt ihre „Glanzstücke der Erinnerung“ aus: eine Kurbel, eine Schere, ein Einfädler und alte Fotos aus dem Kollegenkreis. „Wir waren eine Art Familie bei Glanzstoff“, kommentiert sie lächelnd die alten Bilder. Gut erinnert sie sich aber auch an harte Arbeit und anstrengenden Schichtdienst. „Frauen waren meist ungelernte Kräfte. Nach sechs Wochen Anlernzeit galt es, immer schneller zu werden“, erklärt sie den Gebrauch von Schere und Kurbel.

„Ich persönlich bin das Glanzstück der Erinnerung“, lacht Georg Chilitis. Als Zehnjähriger ist der Grieche seinem Vater, der in Oberbruch arbeitete, mit der Familie nach Deutschland gefolgt. „Stellt euch vor, ich sprach kein Wort Deutsch!“ 1978 wurde er von seinem Arbeitgeber, der Firma Elteba, für zwei Jahre an die Glanzstoffwerke „ausgeliehen, um Zeichnungen für Elektrotechnik anzufertigen – mit Tusche.“ Lebhaft erzählt er, wie stolz sein Vater war, wenn er „im weißen Kittel“, der das technische Personal von den Produktionsmitarbeitern, die blaue Kittel trugen, unterschied, durch die Hallen ging.

„Wir haben immer etwas Besonderes gekocht, wenn die Gastarbeiter ankamen“, nimmt Hiltrud Lehnen den Faden zum Thema Gastarbeiter auf. Fast 40 Jahre lang war die Küche der Glanzstoffwerke ihr Einsatzort. Zufrieden blickt sie auf die Jahre zurück: „Ich habe immer gerne gearbeitet.“

Eifrig haben die Projektwochen-Teilnehmer fotografiert, gefilmt, dokumentiert. Interessierte Nachfragen beweisen, wie spannend das Thema für die Jugendlichen ist. Die Erzählungen der Zeitzeugen lassen sie tief eintauchen in die vergangene Zeit, machen Zusammenhänge verständlich, lenken den Blick über das Alltagsgeschehen und die Historie des Industriestandortes.

Und weil auch der Spaß nicht zu kurz kommen sollte, wurde auch gemeinsam gekocht – an diesem Tag Gemüsesuppe mit Würstchen. Aber auch griechische und portugiesische Spezialitäten standen während der Aktion auf dem Speiseplan. Die ersten Gastarbeiter Oberbruchs kamen schließlich aus Griechenland und Portugal.

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