Ehemaliger Regionaldekan und Priester: Neuer Weg privat und beruflich

Von: Ingo Kalauz
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Anett Plüschke aus Neubrandenburg und Gottfried Maria Graaff, der ehemalige Regionaldekan und Pfarrer an St. Nikolaus in Gangelt und St. Lambertus in Hückelhoven, haben ganz konkrete Pläne für eine, für ihre gemeinsame Zukunft. Foto: Ingo Kalauz

Hückelhoven. Am Schluss des Gesprächs sagt Gottfried Maria Graaff den Satz, in dem eigentlich alles gebündelt ist: „Am Ende war es nur noch eine Frage der Wahrhaftigkeit.“ Es ist die komprimierte Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“

Der Frage, die sich noch immer viele stellen, die ihn als Priester in Gangelt kennengelernt, ihn als Pfarrer auch an St. Lambertus in Hückelhoven erlebt haben oder mit ihm als Regionaldekan zu tun gehabt haben: Warum will Gottfried Maria Graaff das nicht mehr weiter machen?

Es ist eine Begegnung, die du nicht alle Tage hast: Der Mann, den du seit vielen Jahren kennst, mit dem du immer wieder einmal beruflich zu tun gehabt hast, der vielen Menschen als Priester, Pfarrer oder auch als Seelsorger bekannt ist, dieser Mann stellt dir eine Frau vor, die fortan gemeinsam mit ihm durchs Leben gehen wird. „Wir haben uns am ersten Märzwochenende 850 Kilometer von hier entfernt auf einem Seminar in Neubrandenburg kennengelernt“, sagt Gottfried Maria Graaff und wirft einen lachenden Blick auf die Frau an seiner Seite. Anett Plüschke sollte ihm dort im Osten der Republik die Wartezeit bis zum Beginn des Seminars verkürzen: „So sind wir erst ins Gespräch und uns dadurch dann näher gekommen.“

Schon bevor sich Gottfried Maria Graaff von seinem Wohnort Aachen zu dem Seminar nach Neubrandenburg auf den Weg gemacht hat, waren entscheidende Weichen für sein weiteres Leben gestellt: Nach vielen Gesprächen und nach reiflicher innerer Einkehr war er zu dem Schluss gekommen, sein Priesteramt niederzulegen.

„Schon bei meinem Abschied aus Gangelt war ich krank, ich hatte eine schwere Entzündung im Körper“, sagt Graaff, der damals gerade seinen 50. Geburtstag gefeiert hatte. Er bat den Bischof, ihn für ein Sabbatjahr freizustellen. „Ich musste mich erholen, und ich wollte neue Kräfte tanken – aber ich wollte und musste mir auch darüber klar werden, was ich noch vom Leben erwartete.“ Er nutzte das Jahr der Freistellung, um an der Paracelsus-Schule in Aachen eine Fortbildung als Heilpraktiker für Psychotherapie und als Systemischer Coach zu absolvieren – das Diplom als Theologe und das als Sozialarbeiter hatte er ohnehin schon.

„Mir ist in dieser Phase klar geworden, dass ich mir bei der Arbeit mit Menschen für den Menschen Zeit nehmen muss. Und diese Zeit habe ich als Priester in den verschiedenen Ämtern, die ich für die Kirche bekleiden musste, nicht gehabt“, sagt Graaff. „Fünf, vielleicht zehn Prozent bleiben dir als Priester in einer Pfarrgemeinde heute für die Seelsorge.“ Das, sagt Graaff, sei ein allgemeines Problem im Priesterberuf heute, das empfinde nicht nur er so: „Das Frustrationspotenzial bei den Priestern ist enorm hoch.“

Die Auszeit vom Beruf nutzt Graaff auch, um seine Gedanken in Gedichtform zu ordnen, zu strukturieren, zu gliedern – auch, um für sich selbst eine Richtung zu finden. In einem dieser Gedichte heißt es unter anderem: „Im Chaos der Gefühle und Ängste.../Im Trubel der Gedanken und Zweifel.../im Wirbel der Impulse und Ideen.../Geh auf Distanz!/Befrage Dein Herz!“ Nach einer drei Monate langen „Besinnungszeit“ erklärte er dem Bischof: „Ich bleibe bei meiner Entscheidung: Ich möchte mein Priesteramt niederlegen“.

Seit dem 1. Januar läuft das Laisierungsverfahren, an dessen Ende ihn der Papst von seinem Versprechen, das er bei der Priesterweihe gegeben hat, entbinden wird. „Ich möchte das sauber zu Ende bringen“, sagt Gottfried Graaff. „Ich habe ein Versprechen gegeben, und ich bitte den, dem ich dieses Versprechen gegeben habe, es mir zurückzugeben.“

Beruflich wird er künftig als Personalreferent in einem mittelständischen Unternehmen in Aachen arbeiten, privat hat er in Anett Plüschke die Partnerin gefunden, mit der zusammen er seinen weiteren Lebensweg gehen will: „Obwohl ich in der ehemaligen DDR groß geworden bin und eine ganz andere Sozialisation als Gottfried erfahren habe, gibt es in unserem Denken eine unglaubliche Menge von gemeinsamen Schnittstellen“, sagt die 51-Jährige. Die Taufe sei ihr „einziger Berührungspunkt mit der Kirche“ und zudem noch, wie das im Osten Deutschlands die Regel ist, mit der protestantischen Kirche. „Aber durch meine intensive Beschäftigung mit der heiligen Hildegard von Bingen und ihren Schriften ergibt sich eine Fülle von Gemeinsamkeiten in unseren therapeutischen und, ja, auch theologischen Ansichten.“

Hildegard von Bingen als Heilpraktikerin, als eine Art mystische Psychotherapeutin? Wie passt das, ganz knapp gefasst, zusammen? „Nach Hildegard von Bingen hat der Mensch drei Pfade in sich, in denen sich sein Leben tätigt: die Seele, den Leib und die Sinne“, sagt Anett Plüschke. Nur wenn diese drei Aspekte der Lebensführung ausgewogen beachtet würden, bleibe der Mensch gesund. Der Gedanke der Einheit und Ganzheit sei ein Schlüssel zu Hildegards natur- und heilkundlichen Schriften. „Die sind ganz davon geprägt, dass Heil und Heilung des kranken Menschen allein von der Hinwendung zum Glauben, der allein gute Werke und eine maßvolle Lebens-Ordnung hervorbringe, ausgehen könne.“

Ein glückliches Paar

Anett Plüschke ist von Beruf Heilerin. Das ist seit 2004 eine anerkannte Bezeichnung, volle acht Jahre hat ihre Ausbildung zur Heilerin in Anspruch genommen. Hand auflegen („Es ist unglaublich, was da passiert“, sagt Gottfried Maria Graaff), Krankheiten besprechen („Ja, ganz so, wie man das früher zum Beispiel mit Warzen gemacht hat“, sagt Anett Plüschke) oder auch Klangmassagen (sie ist Meisterin und Ausbilderin in der japanischen Reiki-Heilmethode) wird sie anbieten, wenn sie im Rheinland ihre eigene Praxis eröffnet.

In der Stadt Neubrandenburg, die zum Bundesland Mecklenburg-Vorpommern gehört, arbeitet Anett Plüschke schon seit sieben Jahren selbstständig. „Im Grunde genommen“, sagt sie, „geht es auch in meinem Beruf darum, die Seele des Menschen zu heilen.“

Als sie das sagt, nimmt Gottfried Graaff ihre Hand und ergänzt ihren Satz: „Die Seele ist die Anbindung an das Göttliche.“ Man sieht es nicht nur, man spürt es auch: Die Heilerin Anett Plüschke und der ehemalige Priester Gottfried Maria Graaff sind ein glückliches Paar.

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