Drogenkonsum: Oft fallen die Eltern aus allen Wolken

Von: Rainer Herwartz
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Den ersten Kontakt mit Drogen haben viele Jugendliche laut Statistik im Durchschnittsalter von 14 Jahren. Foto: stock/Geisser
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Paul K. mahnt die Eltern, ein kritischeres Auge auf ihre Kinder zu haben, damit sie nicht so eine böse Überraschung erleben wie er. Foto: Herwartz
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Jürgen Heitzer (li.) und Frank Reuters sagen Drogen den Kampf an. Foto: Herwartz
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Der Cannabiszerhacker ähnelt einer harmlosen Taschenlampe. Foto: Herwartz

Heinsberg. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, doch sein Anliegen ist ihm zu wichtig, um es alleine im stillen Kämmerlein mit sich herumzutragen. Vor allem die Eltern sind es, die der 57-jährige Heinsberger, nennen wir ihn Paul K., mit seinem Schritt an die Öffentlichkeit aufrütteln möchte.

Sechs Kinder hat er, zwei Mädchen und vier Jungs, so sagt er gegenüber unserer Zeitung. Und beinahe alle seien irgendwann, meist über die Schule, in einen Strudel von Drogenbeschaffung und Konsum geraten. Ein herber Schlag, mit dem Paul K. in seinem Reihenhausidyll nicht gerechnet hatte.

Dass er sich heute im Rahmen seiner Möglichkeiten für die Aufklärungsarbeit in seinem Umfeld stark macht, habe seinen Auslöser etwa vor fünf oder sechs Jahren gefunden, erklärt der 57-Jährige. Damals sei es seine älteste Tochter gewesen, die ihm Sorgen bereitete. Zunächst jedoch habe er ihre schleichende Veränderung gar nicht bemerkt. „Meine zweitälteste Tochter fragte mich dann irgendwann, Papa, merkst Du denn nichts?“ Doch das, was er hätte merken sollen, ja sogar müssen, war zu diesem Zeitpunkt noch so fremd für ihn, dass es in seiner Gedankenwelt gar keinen Platz fand. „In der Tat war es zu einer Wesensveränderung bei meiner Tochter gekommen“, sagt Paul K. heute.

„Sie wurde zunehmend aggressiv, hatte oft geweitete Pupillen, aß nur noch wenig und unregelmäßig, stand ständig unter Strom und benutzte unnatürlich häufig ein Nasenspray.“ Paul K. ist sicher, dass seine Tochter damals Kokain konsumiert hat. Er vermutet, dass sie durch einen Kollegen an ihrem Arbeitsplatz damit in Berührung gekommen ist. Völlig entrüstet sei er damals sogar bei ihrem Arbeitgeber vorstellig geworden, was letztlich leider zu einem Zerwürfnis mit seiner Tochter geführt habe, die nun um ihren Arbeitsplatz fürchtete, sagt Paul K.. Bis heute hätten sie keinen Kontakt mehr.

Im Laufe der Zeit kehrte schließlich wieder Normalität ein in dem kleinen Reihenhaus. Bis zu dem Tag, als Paul K. beim Suchen der Butterbrotdose im Rucksack eines seiner beiden jüngsten Söhne so eine komische Taschenlampe entdeckte, die allerdings gar kein Licht spendete, da sie überhaupt keine Glühbirne besaß. Kein Wunder, in Wirklichkeit handelte es sich nämlich um einen Cannabiszerhacker, eine Art kleiner, Batterie betriebener Mühle. „Ich habe das zuerst abgetan und nicht so hoch gehängt“, erinnert sich der 57-Jährige. Doch dann, im Sommer 2013, öffnete ihm ein geplanter Wochenendausflug endgültig die Augen.

„Nur so zum Scherz sagte ich zu meinem beiden jüngsten Söhnen, die damals 14 und 15 Jahre alt waren, so zuerst fahren wir aber zum Hausarzt und machen einen Drogentest. Die beiden wurden so leichenblass, dass ich sofort rechts rangefahren bin. Dann hab ich nachgelegt. So ein Test ist teuer, hab ich gesagt. Wenn er positiv ist, zahlt ihr den, wenn nicht, zahle ich und ihr erhaltet den doppelten Betrag zudem als Taschengeld.“ Wie aus einer Kehle habe es kleinlaut aus dem Fonds des Wagens geklungen: „Dann brauchen wir da nicht hinzufahren.“

„Mein ältester Sohn, der nicht mehr im Haushalt lebte, hatte mich aus eigener Erfahrung schon gewarnt, ich solle auf die beiden jüngsten aufpassen. Ich weiß nicht, ob die beiden damals auch noch etwas anderes als Cannabis eingenommen haben“, doch heute, darauf achtet Paul K. nun mit Argusaugen, seien beide längst clean.

Doch nicht nur darauf achtet er akribisch. „Ich könnte ihnen gleich vier Häuser zeigen, wo Dealer wohnen. Das sind keineswegs irgendwelche Asoziale, sondern Kinder aus gutem Hause, die auch das nötige Geld besitzen, um das Rauschgift zu besorgen“, behauptet der 57-Jährige. So genannte „Ticker“ seien Kleindealer, die das Geschäft in Gang brächten und das Geld kassierten. Die „Läufer“, meist Jugendliche unter 14 Jahren, verteilten dann die schon bezahlten Tütchen. Auch einige Plätze, wo schwunghafter Handel mit den Drogen getrieben werde, kenne er, so Paul K.

„Mir sagte mal ein Polizist, wenn sie einen verhaften, kommen zwei nach, deshalb versuche ich es auf einem anderen Weg.“ Was er meint, ist die Aufklärungsarbeit im Kleinen und das Gespräch mit Eltern. „Denn wenn die Kundschaft wegbricht, können auch vier nachwachsen und sie werden dennoch keine Geschäfte machen. Aber dann müssen auch die Eltern zuhören und bei den Kindern nachfragen, wo gehst Du hin, mit wem gehst du da hin. Auch wenn es nervig ist.“

An den Schulen selbst komme es eher selten zu Drogendelikten, erläutern Jürgen Heitzer, Fachberater für Suchtprävention, und Frank Reuters, als Leiter des Kriminalkommissariates 2 zuständig für den Bereich Drogenkriminalität bei der Polizei. Im Jahr 2012 regis-trierte die Behörde drei Fälle, im Jahr 2013 zehn und im letzten Jahr acht Fälle von Drogendelikten, bei denen ein Strafverfahren eingeleitet wurde. „Im Großteil der Fälle handelte es sich an den Schulen um den illegalen Besitz von Cannabis“, sagt Reuters. „Wenn der Kontakt zwischen Dealer und Konsument an der Schule zustande kommt, das eigentliche Geschäft aber an einem anderen Ort stattfindet, darf diese Straftat natürlich nicht der Schule zugerechnet werden“, erläutert Heitzer.

Es würden so viele Substanzen auf dem Markt verkauft, von Kräutermischungen bis hin zu Badesalz, dass der Konsument gar nicht immer genau wisse, ob er sich schon im Bereich des Illegalen befinde oder nicht, sagt Reuters. „Grundsätzlich sind wir davon überzeugt, dass der Schulhof kein kriminogener Platz, sondern ein pädagogischer Platz ist.“ Wie hoch die Dunkelziffer nicht entdeckter Straftaten in diesem Bereich an den Schulen sei, wisse man allerdings nicht. „Dazu müsste es wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Mit unserer Präventions- und Aufklärungsarbeit wollen wir das Dunkelfeld aber möglichst klein halten“, sagt Heitzer.

In einer freiwilligen Umfrage unter 36.000 Schülern im Jahr 2013, an der auch etwa 4000 aus dem Kreis Heinsberg teilnahmen, erklärte jeder Siebte, er habe schon Kontakt mit illegalen Drogen gehabt, am häufigsten mit Cannabis. Statistisch gesehen bedeutet dies, dass in einem durchschnittlichen Klassenverband drei bis vier Schüler betroffen sind. Das Einstiegsalter liegt etwa bei vierzehneinhalb Jahren.

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