Dorath: Heinsbergs kleinster Ort im Porträt

Von: Mirja Ibsen
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Da lang geht es nach Dorath, dem kleinsten Ort von Heinsberg. Linus, das Fohlen, ist Doraths jüngster Bewohner. Der kleine Irish Tinker ist erst ein paar Tage alt und übt schon Sprünge auf den Weiden des Dorfes. Foto: mib
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Dorath von oben: Annette Runge wollte wissen, wie die neu gedeckten Dächer aussehen, und hat einen Fotografen bestellt, der das Dorf mit einer Drohne fotografiert hat. Foto: FhochF-Luftaufnahmen/Frank Lintgen
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Dorfgespräch: Annette und Ingo Runge, Heinz und Ellen Steven (v.l.) teilen Rezepte, Gemüseraspeln und die Leidenschaft für Pferde. Foto: mib
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Da lang geht es nach Dorath, dem kleinsten Ort von Heinsberg. Linus, das Fohlen, ist Doraths jüngster Bewohner. Der kleine Irish Tinker ist erst ein paar Tage alt und übt schon Sprünge auf den Weiden des Dorfes. Foto: Heinz Steven

Heinsberg-Dorath. Bushaltestelle, Briefkasten, Bürgersteig? Hat Dorath alles nicht. Dorath besteht aus genau einer Straße, die an einem etwas schiefen Ortswegweiser vorbei ins Dorf hinein, wieder hinaus und sonst nirgendwo hin führt. Es gibt drei Haustüren, drei Hausnummern, drei Familien. Dorath, das ist der kleinste Ort von Heinsberg.

Also, mal rausfinden, wie es sich so lebt in der Einsamkeit. Mal sehen, wer da so lebt fern vom Trubel der Städte. Ein Interview mit allen müsste doch kein Problem sein, oder? Ist es doch, denn der zahlenmäßig größte Teil der Einwohner von Dorath hat mehr als zwei Beine oder gar Flügel und verfügt über Stimmbänder, die nur wiehern, bellen, maunzen oder piepen können.

Der selbst ernannte Dorfälteste ist noch gar nicht so alt (66) und beruflich viel im Ausland unterwegs. Der Selbermacher des Dorfes ist etwas jünger (49), macht aber viele Nachtschichten. Die Bewohner von Hausnummer 3 finden das mit der Abgeschiedenheit Doraths ganz gut so und wollen lieber für sich sein. Zum Glück kann Annette Runge prima organisieren.

Das liegt vermutlich an ihrem Beruf als Arzthelferin. „Medizinische Fachangestellte heißt das heute korrekt“, sagt sie und lacht. Die 50-Jährige lacht viel. Das steckt an. Und so erscheint dann doch fast das „ganze“ Dorf zum Interview: also vier Personen – die hungrige Henne Katja, der verschmuste Australian Shepard Mooni, die neugierigen Pferdenasen Mahruj, Micky Ma, Mahry, Peppy Su, Wilma und Snoopy und die namenlosen Piepmatze im Gebälk nicht mitgezählt.

Warum leben Sie in Dorath? Die Antwort der anwesenden Damen: „Wegen der Pferde!“ Und die Herren? „Die alte Esche hinter dem Haus hat mich fasziniert“, sagt Heinz Steven und grinst.

Annette Runge ist vor 18 Jahren von Düsseldorf nach Dorath gezogen. „Unbezahlbar“ sei es gewesen, rund um Düsseldorf einen Platz für sich und ihre Pferde zu finden. Also hat sie immer weitere Kreise gezogen und ist schließlich in einem Dorf gelandet, in dem Pfannkuchen auf nur einer Seite gebacken werden. So nennt man das, wenn alle Häuser auf der gleichen Seite der Straße stehen, sagt Herbert Coenen vom Heinsberger Heimatverein. In seinen historischen Büchern hat er Hinweise darauf gefunden, dass Dorath nicht nur sehr klein, sondern auch sehr alt ist.

Als Ingo Runge seinen neuen Wohnsitz beim Einwohnermeldeamt angab, fragte die Beamtin: „Dorath? Ist da überhaupt noch Platz für einen neuen Einwohner?“ Platz ist genug. Einen ganz frischen neuen Dorather gibt es auch. Er heißt Linus, ist nur wenige Tage alt und auf seinen vier stakseligen Beinen schon flott auf der Weide unterwegs. Natürlich immer in Begleitung seiner Mutter Shannon.

Wenige Minuten nach seiner Geburt am vergangenen Sonntag kurz nach Mitternacht wurde er vom ganzen Dorf begrüßt. Im Schlafanzug. Mit Sekt. Ein Anruf hatte genügt. Annette Runge war ganz schnell auf den Beinen. Das Fohlen gehört zwar ihrer Nachbarin Ellen Steven, aber sie hat genauso mitgefiebert. Die beiden Nachbarinnen sind Freundinnen geworden. Sie teilen nicht nur eine geheime Tür im Stall (ein Gebäude von 1911, das ihre Häuser miteinander verbindet), sondern auch mal die Gemüseraspel, Rezepte oder eine Lieferung feinen Sand für die Pferde zum Wälzen.

Die Diplom-Mathematikerin Ellen Steven lebt seit 2009 mit ihrer Familie in Dorath. Ihre fünf Pferde konnten beim Umzug einfach in ihr neues Domizil reiten. „Der Weg von Straeten hierher war nicht weit.“ Ihr Sohn Frederick konnte sogar an seiner Schule in Geilenkirchen bleiben. Der damals 15-Jährige fand es allerdings zuerst nicht ganz so gut, „in die Pampa“ zu ziehen. Ob er jetzt in Dorath bleibt, wenn er mit Studium oder Ausbildung beginnt? Seine Mutter hofft es.

Die Anbindung des Ortes sei schließlich prima. „In acht Minuten bin ich in Hückelhoven“, sagt Ingo Runge, der bei Mehler Texnologies arbeitet. Der Weg zur Autobahn 46 dauert gefühlte zwei Minuten – sofern die Ampel bei Janses Mattes auf Grün steht. Das findet auch Heinz Steven vorteilhaft, denn als Gutachter ist er viel unterwegs. Demnächst geht es wieder nach Tokio, und Dorath muss auf seinen „Dorfältesten“, wie ihn die anderen liebevoll nennen, verzichten.

Ist es einsam in Dorath? „Nein!“ Von wem kam jetzt die Antwort? Ah, von allen! Einsam sei es nur, wenn man es wolle, so wie die Nachbarn aus dem ersten Haus. Sie haben ihre Gründe. Gründe, über die Nachbarn nicht reden. Gründe, die sie respektieren. „Wir grüßen uns“, sagt Heinz Steven. Zum spontanen Grillen auf dem Dorfplatz kommen sie allerdings nicht. Dorfplatz? „Ja!“ So nennen sie den Flecken Erde rund um die einzige Laterne. Dort grillen sie oft.

Die Gefahr, dass sie dabei der Verkehr stört, ist gering. Kommt ja eh keiner vorbei, den sie nicht kennen. Nur die Einstaller, die Mädchen, die eine Reitbeteiligung haben, und die Gäste auf zwei oder vier Beinen. Dass es nicht ganz so einsam in Dorath ist, wie es auf den ersten Blick aussieht, liegt daran, dass Annette Runge und ihr Mann auf ihrem kleinen Hof eine Pension für Menschen, Pferde und Hunde eingerichtet haben.

Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, wenn Wagen mit fremden Kennzeichen neben dem Dorfplatz parken. Oft wenden die Wagen aber auch wieder. Die haben sich dann verfahren. „Man sieht nicht, dass hier die Welt hier zu Ende ist“, sagt Annette Runge. Es gibt kein Sackgassenschild am Eingang der Straße. Wenn der Mais auf den Feldern davor in die Höhe geschossen ist, ist Dorath fast unsichtbar.

Sind Sie hier abgeschottet? „Wir schotten uns nicht ab“, sagt Ellen Steven, die nicht mehr in den Urlaub fährt, seit sie in Dorath wohnt. „Das Internet ist langsam“, sagt Heinz Steven. „Im Winter verirren sich keine Räumfahrzeuge hierher“, sagt Ingo Runge, dem die abgelegene Lage trotzdem ziemlich gut gefällt. Manchmal träumt er gemeinsam mit seinem Nachbarn davon, ganz autark zu sein. Warmes Wasser produzieren sie bereits über die Solartherme. Ingo Runge hat sich auch informiert, welche Vorteile ein Miniblockheizkraftwerk ihnen brächte. Er ist der Handwerker des Dorfes. Dächer decken, Elektroleitungen legen, Bäder bauen, das macht er alles selbst.

Genießen Sie die Ruhe im Dorf? „Ruhe? Also, wenn die Vögel loslegen, dann ist es hier sogar richtig laut. Das mag auch nicht jeder“, sagt Heinz Steven und blickt zum Dach. Die Schwalben, Stare, Bachstelzen, Zaunkönige und Rotschwänze machen dort gerade einen ziemlichen Krach.

„Es ist schon schön in Dorath“, sagt Ingo Runge und lächelt. Er ist müde von der Nachtschicht und wird trotz des Lärms im kleinsten Ort von Heinsberg prima schlafen.

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