Die Übung fehlt: Immer mehr Kinder fallen durch die Fahrradprüfung

Von: Daniel Gerhards
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Schon ziemlich sicher auf dem Rad unterwegs: Die Kinder von der Pestalozzi-Schule legten ihre Fahrradprüfung ab. Was hier so spielend leicht aussieht, bereitet immer mehr Kindern Probleme. Foto: Daniel Gerhards

Heinsberg-Oberbruch. Erste Stunde, Schulhof der Pestalozzi-Schule in Oberbruch: Die 23 Kinder der vierten Klasse haben sich in einer Reihe aufgestellt. Jeder Grundschüler hat sein Fahrrad dabei, eine Warnweste an und einen Helm auf. Das ist kein Fahrradausflug. Polizist Manfred Kunst ist da.

Der ist zwar sehr nett. Aber ein bisschen nervös sind die Kinder trotzdem. Denn Kunst nimmt an diesem Morgen die Fahrradprüfung ab.

Die Kinder fahren eine Runde auf ein paar Straßen in der Nähe der Schule. Auf der kurzen Strecke müssen sie ungefähr 40 Dinge richtig machen. Zum Beispiel einen Schulterblick beim Losfahren, Handzeichen beim Abbiegen, Vorfahrt achten bei rechts vor links an der Kreuzung. Gar nicht so einfach. Und das auch noch unter Beobachtung. „Wir müssen den Kindern die Angst nehmen, dass sie durchfallen“, sagt Verkehrssicherheitsberater Kunst. „Sie brauchen auch mal etwas Lob, wenn sie etwas richtig gemacht haben.“

Dieses Lob kommt von neun Eltern, die sich entlang der Strecke mit Klemmbrettern postiert haben. Sie schreiben auf, wenn ein Kind einen Fehler macht. Ein paar Abzüge sind schon in Ordnung. 75 Prozent müssen die Kinder richtig machen, 25 Prozent Fehler sind so gerade noch erlaubt. Dann ist die Prüfung bestanden.

Trotz eines eher „wohlwollenden“ Bewertungssystems fallen immer mehr Kinder durch die Fahrradprüfung. Dieser Trend bezieht sich auf ganz Deutschland. Der Kreis Heinsberg stelle da keine Ausnahme dar, sagt Kunst. Obwohl die heutige Schülergeneration mit dem Laufrad großgeworden ist, bewegen sich viele Kinder zu wenig. Ihnen fehlt die motorische Fitness.

Oder sie fahren schlicht zu selten mit dem Rad. „Weil manche Kinder wenig Fahrrad fahren, bringen sie nicht die Mindestvoraussetzungen mit, die wir von einem Zehnjährigen erwarten“, sagt Kunst. Manche dieser Kinder wackeln sich irgendwie durch die Prüfung, andere fallen durch. Zu viel Nachsicht sei in diesen Fällen auch nicht förderlich. Denn wenn die Kinder die Prüfung bestehen, sollten die Eltern davon ausgehen können, dass ihr Kind sicher auf der Straße radeln kann. Deshalb müsse die Prüfung den Leistungsstand der jungen Radfahrer realistisch abbilden, sagt Manfred Kunst.

An der Pestalozzi-Schule hat Lehrerin Mechthild Laumen die Kinder für die Prüfung fit gemacht. Theoretische und praktische Übungen standen auf dem Stundenplan. Laumen musste bei einigen Schülern ganz von vorn anfangen. Zu Beginn dieser Übungseinheiten seien manche Schüler noch sehr unsicher auf den Zweirädern unterwegs gewesen. Andere hatten nicht einmal ein Fahrrad. Für diese Kinder wird die Fahrradprüfung zum harten Brocken. Aber Übung macht eben den Meister – und führt zur bestandenen Prüfung.

Das Problem, dass Kinder immer schlechter Rad fahren können und immer häufiger durch die Prüfung fallen, ist mittlerweile auch in der Politik angekommen. Die Landesregierung NRW hat mit dem Verkehrsverbund Rhein-Sieg und der Sporthochschule Köln eine Lehrerfortbildung zum Radfahren in der Schule entwickelt. Die Sporthochschule bemängelt, dass es vielen Lehrern an geeigneten Übungen fehlt, den Kindern das sichere Radfahren beizubringen. Demnach sind bei den althergebrachten Übungen immer nur wenige Kinder mit dem Rad unterwegs, der Rest schaut zu und wartet. Außerdem trauen die Lehrer den Jungs und Mädchen laut Sporthochschule zu wenig zu.

Trotzdem glaubt Manfred Kunst, der in seinen 18 Jahren als Verkehrssicherheitsberater schon rund 16 000 Fahrradprüfungen abgenommen hat, dass die Kinder im Kreis Heinsberg noch ganz gute Voraussetzungen haben, das Radfahren zu lernen. Immerhin könne man noch auf der Straße üben – also unter realistischen Bedingungen. Das sei für Kinder in Großstädten schon gar nicht mehr möglich. Die Chance sollten Eltern nutzen und mit ihren Kindern üben. Denn Kinder, die schlecht mit dem Rad fahren können, hätten später auch Probleme beim Autoführerschein, sagt Kunst. Denn egal, ob auf dem Rad oder im Auto, im Straßenverkehr muss man viele Dinge gleichzeitig machen – Multitasking nennt man das. Wer das nicht richtig gelernt hat, braucht mehr Stunden in der Fahrschule und der Führerschein wird teurer.

Manfred Kunst hat trotz dieser insgesamt eher negativen Entwicklung immer noch eine Menge Spaß an seinem Job. Denn wenn sich Lehrer, Eltern und Verkehrssicherheitsberater der Polizei Mühe geben, dann klappt‘s auch mit der Prüfung: „Es ist schön zu sehen, wie schnell sich die Kinder steigern“, sagt Kunst. Und die Kinder sehen ebenfalls schnell, dass sich das Üben lohnt. „Das entschädigt für die Mühe“, sagt er.

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