Die Single als Transportmittel für Musik als Lebensgefühl

Von: Norbert F. Schuldei
Letzte Aktualisierung:
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Singles werden heute nur noch im Antiquariat gehandelt.

Erkelenz. Die Zeit läuft heute nicht mehr, sie galoppiert. Der Takt, der dem Leben von außen vorgegeben wird, ist so schnell geworden, dass viele Dinge, die gestern noch vertraut und uns lieb und teuer waren, heute fremd erscheinen.

Dabei hatten sie vor noch nicht langer Zeit eine große Bedeutung. Im Rückblick sind sie für den Einzelnen mit vielen Erinnerungen, teilweise auch noch mit Gefühlen behaftet. In einer kleinen Serie wollen wir an solche Dinge, die einst bedeutsam waren und heute aus dem Alltag verschwunden sind, erinnern.

Plattenspieler? Nee, den besaß ich damals noch nicht. Aber diese Scheibe, die musste ich trotzdem unbedingt haben, auch wenn ich sie nur bei einem Freund abspielen konnte: „People try to put us d-d-d-down, just because we g-g-g-get around“. Fünf Mark kostete 1965 die Single.

Viel Geld für einen Schüler, ich glaube, das war das Taschengeld für eine ganze Woche. Aber diese Scheibe von einer Gruppe, die sich The Who nannte, die war das Geld wert. Der Typ stotterte das raus, was wir mit unserem bisschen Schulenglisch kaum verstehen konnten – aber wir fühlten, was der meinte: „T-t-t-talkin‚ bout my generation“.

Da war kein „Schu-bi-du“-Chor zu hören, da gab‘s keinen Mitsing-Refrain, das war nicht die Schlagermusik, die meine Eltern auf den Plattenteller des perfekt ins altdeutsche Wohnzimmer mit den Plüschsesseln passenden Mahagony-Musikschrankes legten, wenn sie irgendeine Party feierten.

„Geh‘n sie aus im Stadtpark die Laternen“: Spießigkeit, Engstirnigkeit, Verbohrtheit – das konnte es doch nicht sein, da war doch noch irgendwas anderes. Aber was? „Das ist die Frage aller Fragen“ sang einer der Schlagerfuzzies der Eltern. Nein, die Frage hat sich nicht gestellt.

Bei der Musik der Who gingen die Lichter an – und zwar alle auf einmal: Ganz genau, haargenau das war‘s: Rotzig, frech, laut, wild, gewitternde Gitarrenakkorde. „This is my g-g-g-generation, baby“.

Es kamen noch viele Singles im Lauf der Jahre dazu, Musik, die das Lebensgefühl einer Generation im Aufbruch wiedergab. In Rillen gepresste Emotion. Auf 45 Umdrehungen eingestellt, lernten wir in drei Minuten oft mehr für und über uns als wir in unserem gesamten Schulleben einpauken mussten: „Hey Mr. Tambourine man, play a song for me.“ Musik war ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Sozialisation, also unserer So-Wie-Wir-Heute-Sind-Entwicklungsgeschichte. Transportiert wurde „unsere“ Musik über die Single, denn die war im Vergleich zu einer LP, die 18 Mark kostete, auch für Taschengeldempfänger erschwinglich.

Die Songs, und beileibe nicht nur die von The Who, waren etwas, das uns allein gehörte, zu dem die Eltern keinen Zugang hatten. Musik lieferte uns den Soundtrack für die Techtelmechtel, für das erste Mal, für den Knatsch mit den Eltern, Ärger mit dem Friseur oder sonstige Katastrophen. Für 50 Pfennig Einwurf in die Musikbox beim Italiener in Erkelenz am Bahnhof gab‘s „Satisfaction“ und zwar „Eight days a week“.

Wir wurden älter, die Songs wurden länger („Like a Rolling Stone“ passte schon gar nicht mehr auf eine Single), die Möglichkeiten, „unsere“ Musik zu hören, vielfältiger, der Zugang einfacher, die Formen komplexer, die Ausdrucksarten vielfältiger, die Ansprüche höher – zu viel für ein 17 Zentimeter kleines Ding aus Vinyl. Irgendwann hatte sich die Single überlebt, wurde erst von der LP, dann von der Doppel-LP, dann von der CD und jetzt vom MP-3-Player abgelöst. Der wird auch bald überholt werden und Schnee von gestern sein.

„Hope I die, before I get old“ rotzten die Who in „My Generation“ hin und spuckten damit den klassischen Generationenkonflikt aus. Davon hatten wir damals keine Ahnung, wir wissen das erst im Rückblick und mit dem Abstand der vielen inzwischen verflossenen Jahre.

Aber gefühlt und gespürt haben wir das damals ganz genau. Für die Single ist diese Zeile aus „My Generation“ von The Who schon vor einer gefühlten Ewigkeit Realität geworden.

Singles, die alten 45er Scheiben, werden heute nur noch im Antiquariat gehandelt. Sie war ein Stück von uns, die gute Single...

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