Heinsberg - Die Palliativstation: Den schweren Weg nicht bereut

Die Palliativstation: Den schweren Weg nicht bereut

Von: Rainer Herwartz
Letzte Aktualisierung:
7584157.jpg
Die Menschen sollen auf der Palliativstation spüren, dass sie mit ihren Wünschen und Bedürfnissen im Mittelpunkt stehen. Eine ganzheitliche Betreuung wird auch durch erfahrene Ärzte gewährleistet. Foto: Stock/People
7583945.jpg
Leo Hensgens (3. v. l.) überreicht Ludwig Florack im Beisein von Dr. Bernd Beckers (l.), Thomas Böcker (2.v.l.) und Heinz-Gerd Schröders (r.) einen symbolischen SDcheck über 5000 Euro. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Nicht die Verlängerung der Überlebenszeit um jeden Preis, sondern die Lebensqualität, also die Wünsche, Ziele und das Befinden des Patienten stünden im Vordergrund der Behandlung. So formuliert die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin das Selbstverständnis ihres Aufgabenfeldes.

Leo Hensgens aus Havert wusste von all dem jedoch nichts. So, wie es wohl den meisten Menschen geht. „Ich kannte den Begriff weiter nicht. Ich kannte nur den Begriff Hospiz und habe das empfunden wie einen Abschiebebahnhof“, sagt der 80-Jährige. Dass er durch den Schmerz, in absehbarer Zeit einen geliebten Menschen zu verlieren, dieser Einrichtung in seiner Bewertung nicht gerecht wurde, gibt er gerne zu. Vielleicht liegt es daran, dass Menschen generell dazu neigen, Begriffe, die sich rund um den nahen Tod eines Angehörigen ranken, erst einmal abzulehnen oder gar zu verdammen.

Im Fall von Leo Hensgens ging es um seine Frau Judith, die vor wenigen Wochen mit 78 Jahren einem Krebsleiden erlag. Die letzten fünf Tage lebte sie auf der Palliativstation des Heinsberger Krankenhauses. Dass Leo Hensgens dem Förderverein der Einrichtung jetzt eine Spende von 5 000 Euro überreichte, hätte er sich wohl nicht träumen lassen, als er zum ersten Mal von ihrer Existenz erfuhr.

Immense Belastung

Vor etwa zweieinhalb Jahren war es, als Judith Hensgens ihre Krebsdiagnose erhielt. Fortan gehörte der Besuch im Krankenhaus beinahe zum Alltag. Ein- oder zweimal pro Woche standen Chemo oder Infusionen auf dem Terminplan. Eine immense Belastung für die alte Dame, die auch ihre Spuren in der Psyche hinterließ. „Meine Frau hatte sich so dagegen gewehrt, noch einmal ins Krankenhaus zu gehen“, erzählt Leo Hensgens. Er ringt um Fassung, als er die sich zuspitzende Situation beschreibt. „Wenn meine Frau nicht damit einverstanden gewesen wäre, wäre sie nie hier hingekommen.“

Sie war 15 und er 17 Jahre alt, als sie sich kennen und lieben lernten. Es war die ganz große Liebe, weit über ein halbes Jahrhundert waren sie miteinander verheiratet. Seine Judith war halt die Richtige, von Anfang an. Nur zu gut lässt sich da verstehen, dass es dem Senior, der in seinem Berufsleben ein weltgewandter Manager war, nicht leicht fiel zusehen zu müssen, wie sich der Zustand seiner Frau mehr und mehr verschlechterte – ohne Aussicht auf Heilung.

In langen Gesprächen mit dem Hausarzt seiner Frau, Dr. Bernd Beckers aus Selfkant, ließ sich Leo Hensgens schließlich davon überzeugen, einen Versuch mit der Palliativstation im Heinsberger Krankenhaus zu wagen. „Das ist eine Sache, die man nicht übers Knie bricht“, sagt Bernd Beckers. Leo Hensgens und der Rest seiner Familie hatten schließlich einsehen müssen: „Die Versorgung, wie sie meine Frau benötigte, wäre zu Hause einfach nicht mehr möglich gewesen.“

Die so getroffene Entscheidung sollte Leo Hensgens nicht bereuen. „Als ich hier ankam“, beschreibt er den in seinem Gedächtnis unauslöschlich verankerten Donnerstag, „hatte ich den Eindruck, dass ich mit meiner Frau in einem Vier-Sterne-Hotel gelandet bin. Ich bin sicher, dass es vielen Leuten so geht, die in einer ähnlichen Situation sind und die den Weg aus Unwissenheit scheuen.“ Davon ist auch Sohn Jürgen überzeugt. „Die Palliativstation ist keine Sterbe-Station. Es war durchaus denkbar, dass Mutter auch wieder für ein paar Tage hätte nach Hause kommen können.“ Das bestätigt auch Stationsleiter Thomas Böcker. Die Patienten verweilten durchschnittlich zwischen sieben und 14 Tagen hier. In einem Fall habe sich der Aufenthalt sogar über drei Monate erstreckt. Judith Hensgens verbrachte die letzten fünf Tage ihres Lebens hier.

„Maximal sechs Patienten können gleichzeitig betreut werden“, erklärt Heinz-Gerd Schröders, Geschäftsführer des Heinsberger Krankenhauses, dem die Palliativstation angeschlossen ist. Die Belegung betrage stets über 90 Prozent. Im Gegensatz zu einem Hospiz sei die Palliativstation ärztlich geführt. In Heinsberg durch Dr. Jürgen Minartz und Dr. Hans-Georg Troschke. Neun Pflegekräfte plus Stationsleiter seien quasi rund um die Uhr für die Schwerstkranken da. „In jeder Schicht mindestens zwei Pflegekräfte“, sagt Schröders. „Die Betreuung der Angehörigen ist dabei beinahe so intensiv wie die der Kranken“, weiß der Klinikchef. Auch Leo Hensgens hat dies sehr geholfen. „Es ist die Ruhe hier, keine Hektik und jeder hat Zeit.“ Das mache ungeheuer viel aus, sagt Jürgen Hensgens. „Ich wollte, dass meine Frau möglichst gut betreut wird und keine Schmerzen erleidet“, ergänzt sein Vater. Und genau das habe er in der Palliativstation in Heinsberg erlebt.

Ludwig Florack, der Vorsitzende des Fördervereins der Palliativstation war zu Beginn seines Engagements selbst über die Atmosphäre überrascht, die hier herrsche. „Wie können Menschen, die mit dem Tod zu tun haben, eigentlich fröhlich sein“, habe er sich gefragt. „Das Personal bringt sehr viel Liebe mit“, glaubt Heinz-Gerd Schröders, vielleicht den Schlüssel gefunden zu haben.

Investiert werden die Spenden an den Förderverein übrigens zum Beispiel in Kunst- und Musiktherapien für Patienten, in die Förderung der Ausbildung von Palliativhelfern oder in die Teilfinanzierung besonderer Fort- und Weiterbildungen für Krankenhausmitarbeiter sowie zur Verschönerung der Räumlichkeiten und für spezielle Ausstattungen.

Der Förderverein der Palliativstation am Krankenhaus Heinsberg hat es sich darüber hinaus zur Aufgabe gestellt, die Palliativmedizin einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Zudem hilft der Förderverein bei der professionellen Trauerbegleitung.

Wer ihn unterstützen möchte, kann dies über einen jährlichen Beitrag ab 20 Euro tun oder über Einzelspenden an das Konto bei der Kreissparkasse Heinsberg IBAN DE68 3125 1220 1400 0858 07, SWIFT-BIC: WELADED1ERK.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert