Die moderne Tante Emma nimmt sich Zeit

Von: Alexander Barth
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Zum Einkauf gibt es eine gute Seele gratis: Tina Meurers. Foto: Alexander Barth
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In den Laden hineingeboren: Gerd Meurers bildet die vierte Generation einer Händlerfamilie in Bocket.
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Tradition an der Kirchstraße in Bocket: Seit gut einem Jahrhundert wird hier verkauft, was das Dorf begehrt.

Waldfeucht-Bocket. Wenn die Vögelchen zwitschern, gibt es Arbeit für Tina Meurers. Und das ist nicht nur am frühen Morgen der Fall, wenn sie ihren Laden in der Kirchstraße aufschließt. Ab sechs Uhr versorgt sie die Frühaufsteher mit allem Nötigen.

Den ganzen Tag über piepst es, wenn die Ladentüre in Waldfeucht-Bocket geöffnet wird, dafür sorgt ein elektronischer Bewegungsmelder mit Vogel-Sound – Gezwitscher signalisiert Kundschaft. Gemeinsam mit ihrem Mann Gerd betreibt Tina Meurers ein Kleinod von Geschäft: einen Tante-Emma-Laden im besten Sinn, wie man ihn heute mit der Lupe suchen muss.

Herrlich antiquiert wirkt ihr Laden in der Kirchstraße, der sich wacker gegen die großen Discounter behauptet und seit Jahrzehnten beliebte Anlaufstelle für die Bocketer ist. Eine alte Glastheke versprüht 50er-Jahre-Charme, in der Ecke brummt eine ebenso antiquarische Kühltheke leise vor sich hin. Alles andere als aus der Zeit gefallen ist dagegen Tina Meurers. Wie eine gebeugte Tante Emma wirkt sie nicht, im Gegenteil – Eher wie eine Frau, die weiß, was sie will und liebt, was sie tut.

Der Laden sei für viele mehr als nur eine Durchgangsstation, sagt sie. In erster Linie geht es der Kundschaft natürlich früher wie heute um die Dinge des Alltags. Milch, Brot, Butter und 100 kleine und große Dinge gibt es seit Jahr und Tag. Treue Kunden werden auch schon mal in die gute Stube gebeten, auf eine Tasse Kaffee und einen kleinen Plausch – oder für unkomplizierte Hilfe. „Ich bin für meine Kunden da“, sagt Tina Meurers. „Auch wenn sie Sorgen haben. Ich nehme sie, wie sie sind. Und ich schaue nicht auf die Uhr, wenn ich mir Zeit nehme, um mit ihnen zu sprechen.“ Gerd Meurers lächelt und packt ein Lob dazu: „Sie kann ganz wunderbar mit den Kunden umgehen und hat immer ein Gefühl für die richtigen Worte“.

In den vergangenen knapp 40 Jahren ist Tina Meurers in einen Job, in ein Umfeld, in eine Lebenswirklichkeit hineingewachsen, die ihr Mann Gerd schon sein ganzes leben lang kennt. „Seit gut 100 Jahren hat meine Familie hier ein Geschäft“, erzählt der 66-Jährige. Heute ist man in der vierten Generation angelangt. Über die Jahrzehnte habe sich das Sortiment geändert, jeder seiner Vorfahren habe Schwerpunkte gesetzt und natürlich auf Bedürfnisse und Zeitgeist reagiert.

„Wir hatten hier alles mögliche“, sagt Gerd Meurers, „zum Beispiel eine eigene Backstube.“ Noch heute kündet das Schild an der Fassade von einer Zeit, als Textilien den Schwerpunkt des Angebots ausmachten. „Das passt heute noch“, findet Tina Meurers, und weist auf die kleine feine Auswahl an Nähzeug, Strümpfen und – Achtung, Nostalgie – Kurzwaren, die sich in einem Regal befindet. Auch die Betreuung der Bocketer von „Ganz oben“ läuft mitunter über Tina Meurers: Wenn die gegenüberliegende Kirche geschlossen ist, dann gibt es Weihwasser und Pfarrbriefe im Tante-Emma-Laden.

So romantisch die Vorstellung vom Einzelhandelsgeschäft als Begegnungszentrum ist, so real und ständig muss sich das Inhaberpaar dem Kampf um das Fortbestehen stellen. „Wir müssen um jeden einzelnen Kunden kämpfen“, erklärt Ehemann Gerd Meurers. Dazu wird das Angebot ständig den Wünschen angepasst, und wenn mal etwas nicht zum Sortiment gehört, dann wird es eben besorgt. „Wenn jemand nicht das bekommt, was er sucht, geht er woanders hin“, bringt Meurers die einfache Verhaltensformel auf den Punkt. „Jede Reparatur tut weh“, sagt Ehefrau Tina, und schickt das Lob von vorhin zurück. „Wenn mein Mann nicht handwerklich und technisch fit wäre, hätten wir womöglich Probleme bekommen.

Einen Teil zur Sicherung des „Lebenswerks“, wie die Meurers ihren Laden bezeichnen, trägt der Anschluss an eine Paketdienst-Kette bei. „Dafür kommen auch Leute von weiter weg, sogar aus den Niederlanden“, sagt Tina Meurers.

Nach Jahren der Gleichmachung in Sachen Einkaufsstrukturen werden die kleinen Einzelhandelsgeschäfte anderswo bereits wieder gestärkt, etwa durch soziale Institutionen. Das weiß auch Tina Meurers. „Es gibt eben immer Leute, die nicht mobil sind, oder die einfach nicht mit den Strukturen der Discounter klarkommen. So behalten die kleinen Läden ihre Berechtigung“, findet sie. Eine eigene Café-Ecke, das wäre noch etwas, sagt sie. „Damit es ein richtiger Treffpunkt wird. Aber das können wir finanziell nicht stemmen.“

Dennoch könnte die vierte Generation die letzte sein, fürchtet Tina Meurers. „Nachfolge ist nicht in Sicht, unser Sohn hat einen anderen Weg gewählt, und das ist auch gut so.“ Sie habe überhaupt Verständnis für jeden, der sich vom Dorf Richtung Stadt verabschiedet.

Für ihre eigene Ära im Laden hat sie einen Wunsch im Geheimfach: „Ich würde die Fassade wieder so herrichten lassen, wie ich sie kennengelernt habe, als ich 1975 hierher kam. Mit kleineren Fenstern und einer schweren Holztür.“ Ansonsten sind sich die Meurers in Sachen Zukunft einig: „Gesundheit ist das Wichtigste“ – denn beide wollen noch möglichst lange ein Tante-Emma-Duo an der Kirchstraße bilden.

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