Erkelenz - Die letzte Ruhe gibt´s nicht in Borschemich

Die letzte Ruhe gibt´s nicht in Borschemich

Von: Norbert F. Schuldei
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Die Grabsteine sind weg, die Ordnung ist da: Auf Holzpaneelen sind auf dem Friedhof in Borschemich die Daten der Verstorbenen, die Tiefe der Gräber und der neue Ort festgehalten, zu dem die sterblichen Uberreste gebracht werden müssen. Foto: Norbert Schuldei

Erkelenz. Das Triste und Graue, Trübe und Nasse des Novembers hat einer klaren Dezemberkälte Platz gemacht, als wir an diesem Morgen die 16 Stufen zum Friedhof in Erkelenz-Borschemich hochsteigen.

Die rostbraunen und ockerfarbenen Astern in den Väschen auf den Gräbern sind weiß überzogen. „Hier liegt unsere ganze Familie begraben”, sagt Wilfried Lörkens. „Ganze Generationen ruhen hier in der Erde.” Er zeigt auf das meterhohe graue Grabkreuz: „Ruhestätte der Familie Lörkens seit 1826 Haus Paland.” Die in Stein gemeißelten Buchstaben haben schon ein wenig Patina angesetzt, die Grabstätte ist mit Buxbäumchen eingefriedet, es ist die ausgedehnteste auf dem Friedhof des Dorfes am östlichen Rand des Erkelenzer Stadtgebietes.

„Gottesacker” nennen die Menschen in den katholisch geprägten Dörfern rund um Erkelenz den Friedhof. Seine Tage sind gezählt: Der ganze Ort Borschemich wird in drei Jahren von den riesigen Schaufeln der Bagger im Tagebau Garzweiler II weggebaggert, platt gemacht, aufgefressen. Die Braunkohle, das ist das Schicksal auch des Nachbarortes Immerath. Sie liegt hier nur wenige Meter unter dem Mutterboden und kann deshalb kostengünstig im Tagebau gefördert und zu Energie verbrannt werden. „Bergbauliche Inanspruchnahme” heißt das in der nüchternen Sprache des sogenannten Erkelenz-Vertrages. Er greift in Borschemich 2016, in Immerath ein Jahr später.

In diesem von der Politik mit dem Konzernriesen RWE Power AG ausgehandelten Vertrag ist das Schicksal der Ortschaften und der dort lebenden Menschen im Erkelenzer Land besiegelt: Sie müssen dem Tagebau weichen. Auch die Verstorbenen.

Die Frauen, Männer und Kinder werden nach einem minutiös ausgearbeiteten Plan umgesiedelt, die Toten werden umgebettet. „Auch darüber gibt es eine Grundlagenvereinbarung mit RWE Power”, sagt Norbert Banritzer. Er ist Leiter des Grünflächenamtes bei der Stadt Erkelenz und deshalb auch für Friedhöfe zuständig. Seit Ende Mai können die Immerather und Borschemicher Bürger Anträge auf Umbettung ihrer Angehörigen bei der Stadt stellen. Nur in den Wintermonaten bis ins Frühjahr darf umgebettet werden. Das bestimmen die Hygienerichtlinien im Bestattungsgesetz. „Die stammen noch aus einer Zeit, als nicht gekühlt werden konnte und Leichenwasser dadurch nicht zu vermeiden war”, sagt Banritzer.

Während der Umbettungsarbeiten dürfen nur die Angehörigen den Friedhof betreten. Gleiches gilt für die „Nachbestattung” auf dem neuen Friedhof, die, sagt Norbert Banritzer, „mit neuen Särgen, aber ohne Geistliche” stattfindet. Die Angehörigen haben nach dem Vertrag mit RWE Power das Recht, die Grabsteine vom alten Friedhof mitzunehmen und an der neuen Ruhestätte aufzustellen, deren Ausschmückung auch von RWE Power bezahlt wird. Wenn die Angehörigen keine besonderen Wünsche für die neue Grabstelle formulieren, entstehen ihnen keine Kosten. Auch dann nicht, wenn die Umbettung auf einem Friedhof einer anderen Kommune stattfinden soll.

Die Friedhöfe in Borschemich (neu) und in Immerath (neu) sind bereits vor Monaten eingeweiht worden. „Dort ist genügend Platz für die Verstorbenen”, sagt Banritzer. Derzeit werden 87 Grabstätten in Immerath und 72 in Borschemich umgebettet; die Arbeiten werden sich bis ins Jahr 2013 hinziehen. In Borschemich (neu) ist laut Banritzer „Kapazität” für 502 Grabstellen, in Immerath (neu) sind 941 vorgesehen. Insgesamt werden in Borschemich und Immerath rund 1100 Gräber umgebettet. Wenn die beiden Friedhöfe leergeräumt sind, werden die Flächen noch einmal umgepflügt, „so dass keine sterblichen Überreste mehr im Boden vorhanden sind”. Knochenfunde, die bei diesen Arbeiten anfallen, werden auf den neuen Friedhöfen in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt.

„Man tut sich schwer damit. Da hängt viel Gefühl dran”, sagt Wilfried Lörkens, als er vor der Grabplatte seines Großvaters Fridolin steht. „Der hat den Krieg und das alles mitgemacht. Der hätte seinen Frieden verdient.” Ein paar Schritte daneben liegt der Vater begraben. „Leo Lörkens, 26. Juni. 1914 12. Juni 2005” ist dort eingemeißelt. „Vater ist vierzehn Tage vor seinem 91. Geburtstag gestorben”, sagt Wilfried Lörkens. Im hohen Alter musste er erfahren, dass der Ort, in dem seine Familie seit Generationen beheimatet ist, dem Gewinn der Braunkohle zum Opfer fallen würde. „Was meinen Vater am meisten getroffen hat, war nicht, dass wir unser Haus und alles verlieren würden”, sagt sein Sohn und blickt auf das Grab. „Das Schlimmste, hat er gesagt, ist, dass man uns noch nicht mal da oben in Ruhe lässt.”

Wilfried Lörkens Blick wandert vom Friedhof hinunter zur Kirche. „Der Magnolienbaum da vorn. Wenn der blühte, hatte ich immer das Gefühl, das Frühjahr hat angefangen”, sagt Lörkens. Tränen stehen in seinen Augen. Von der „letzten Ruhe” für die Toten kann im rheinischen Braunkohlerevier wirklich nicht die Rede sein.
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