Heinsberg - „Die Legende vom heiligen Trinker“ rüttelt auf und ist aktuell

„Die Legende vom heiligen Trinker“ rüttelt auf und ist aktuell

Von: Johannes Bindels
Letzte Aktualisierung:

Heinsberg. Die Aufführung „Die Legende vom heiligen Trinker“ begann unerwartet, weil sich die drei Akteure mit den schrägen Tönen einer Drei-Mann-Kapelle seitlich aus dem Publikum zur Bühne bewegten. Musik und Pantomime waren bei dem Schauspiel nach Joseph Roth die ersten Botschaften an die Zuschauer in der Stadthalle Heinsberg.

Und das Ungewöhnliche und Unerwartete zog sich wie ein roter Faden durch das szenenreiche Stück mit Lisa Wildmann, Ernst Konarek und Wolfgang Seidenberg in der Inszenierung von Silvia Armbruster.

Die chansonartige Musik gab den ersten Hinweis auf Paris als Ort des Geschehens. Und an der Kleidung der Akteure waren sie unschwer als Clochards, also Obdachlose, zu erkennen. In der dem Schauspiel zugrunde liegenden gleichnamigen Novelle von Joseph Roth erzählt Roth von Andreas, einem Trinker und Alkoholiker. Dieser lebt unter einer der vielen Brücken in Paris. Eines Abends bekommt er von einem gut gekleideten Herrn 200 Francs mit der Auflage, die Schulden an die kleine Heilige Therese in der Kirche St. Marie de Batignolles abzutragen. Ein Wunder!

Von diesem Punkt an wird Andreas von Wundern geradezu heimgesucht. Hat er die 200 Francs versoffen oder mit Frauen durchgebracht, gelangt er wie durch ein Wunder immer an Geld und erhält die nächste Chance, die Schulden zu begleichen und das Versprechen einzuhalten, das er mit den Worten zusichert: „Ich bin ein Mann von Ehre, wenn auch ohne Adresse.“

Allerdings könne er nur sonntags in die Kirche zur Heiligen Therese gehen, formuliert er gleich anschließend eine Einschränkung, wie sie oft von Süchtigen vorgebracht wird. Damit hatte er schon den Grund dafür gefunden, warum er seine Aufgabe nicht bewältigt. Immer wieder besteht zwar die Absicht, der kleinen Heiligen Therese seine Schulden zu erstatten, aber gleichzeitig lässt er keine Gelegenheit aus, um erneut der Trunksucht zu verfallen. Als Trinker charakterisiert der Erzähler Andreas mit den Worten: „Er trank den Pernod mit der Sicherheit eines Menschen, der schon viel in seinem Leben getrunken hatte.“

Mit dem Stilmittel der schnellen Rollenwechsel innerhalb einer Szene – jeder der Akteure verkörperte den Andreas und war gleich danach wieder Kommentator oder Erzähler – wurde die Zwiespältigkeit des Trinkers dargestellt. Das war Schauspiel in ursprünglicher Weise und forderte die Schauspieler ebenso wie die Zuschauer, die sich dem schnellen Wechsel der Rollen jedes der drei Akteure stellen mussten. Bei dieser Aufführung wurde das Schauspielen „gearbeitet“ und es wirkte dennoch nicht angestrengt.

Dem Trio Wildmann, Konarek und Seidenberger gelangen die Dialoge, Monologe und Kommentare exzellent und mit spürbarer Spiellaune. Die Lebensabschnitte und die Versuchungen, vor allem aber das ständige Scheitern des Trinkers brachten die drei Akteure zu einem stimmigen Gesamtbild auf die Bühne.

Am Ende kam, was zu erwarten war: Nur der Tod erlöste Andreas von seiner Sucht. Beim Versuch von der Bar in die Kirche zu gelangen, starb Andreas. Und wie die Inszenierung begonnen hatte, so endete sie: mit dem Spiel der Drei-Mann-Kapelle. Und einem letzten Kommentar des Erzählers. „Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod.“ Eine eindringliche Aufführung, die sich den langen Applaus verdiente.

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