Die Integration beginnt im Verkaufsraum

Von: Ingo Kalauz
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Wechsel an der Spitze der Hückelhovener Tafel: Krimhild Witges überlässt ihr „Baby“ dem neuen Vorsitzenden Heinz-Josef Schmitz. Foto: Koenigs

Hückelhoven. Ja, ganz sicher: Man muss von einer Erfolgsgeschichte sprechen, wenn man auf die Entwicklung der Hückelhovener Tafel blickt. Obwohl es sehr wünschenswert wäre, es gäbe „die Tafel“ gar nicht. Da es in der so reichen Gesellschaft, in der wir leben, aber immer noch und zunehmend sehr viel Armut gibt, ist die Tafel nicht mehr wegzudenken. Denn die Schere zwischen Reich und Arm klafft immer weiter auf, die Zahl der Menschen, die ihren täglichen Lebensunterhalt nicht mehr ohne die Hilfe anderer bestreiten können, wächst von Jahr zu Jahr.

„Als wir am 9. Mai 2005 die Tafel in Hückelhoven gegründet haben“, erinnert sich Krimhild Witges, „da hatten wir rund 300 Kunden. Heute sind es zwischen tausend und 1500.“ Immer mehr Menschen in unserem Land leben von der Hand in den Mund. Die Tafeln in Deutschland, auch die in Hückelhoven, sind zu kleinen Wirtschaftsunternehmen angewachsen.

Mehr als ein Jahrzehnt stand Witges an der Spitze des eingetragenen Vereins, der seit den Anfangstagen Spenden hauptsächlich bei Bäckereien, Metzgereien, Bauernhöfen und Lebensmittelproduzenten der Region, aber auch bei den großen Supermarktketten sammelt, um sie an Bedürftige zu verteilen. Jetzt gibt sie den Vorsitz ab und legt ihn in die Hände von Heinz-Josef „Juppi“ Schmitz: „Dem Juppi kann ich mein Baby mit guten und ruhigem Gewissen anvertrauen“, sagt sie.

Der seit einigen Wochen pensionierte langjährige Leiter des Sozialamtes der Stadt Hückelhoven hat das Amt des Vorsitzenden der Hückelhovener Tafel nach seiner Wahl durch die Mitglieder gern angenommen: „Für mich ist das ein neuer Anfang. Ich fühle mich wohl und gesund“, sagt er. Und er fügt hinzu: „Langeweile kann tödlich sein. Und sterben will ich noch nicht – also mach‘ ich‘s“.

Mittlerweile zählt die Hückelhovener Tafel 85 Mitarbeiter – die alle ehrenamtlich arbeiten. „Wir haben allein 15 Ehrenamtler, die die Lebensmittel mit den beiden Fahrzeugen mit Tiefkühlvorrichtung täglich bei unseren Lieferanten abholen“, sagt Krimhild Witges. Die Touren reichen über die Nachbarstädte („Mit der Heinsberger Tafel haben wir eine hervorragende Zusammenarbeit“) bis nach Dormagen („Von dort bekommen wir für unsere Tafel sehr viel Ware“).

Für die Ausgabe der Lebensmittel sind dann in der Regel Frauen zuständig. Mit rund 80 Quadratmetern Verkaufsfläche in dem Raum an der Mokwastraße hat man begonnen, an der Friedrichstraße verfügt man jetzt über eine Nutzfläche von rund 300 Quadratmetern. „Was unsere Mitarbeiter hier leisten“, sagt Juppi Schmitz, „geht weit über das Ehrenamt hinaus, das hat schon fast die Qualität von Sozialarbeit.“ Wie man das selbst vom Einkauf kennt: Man trifft sich, man redet mit – und natürlich auch übereinander –, man findet einen Ansprechpartner für seine kleinen Sorgen und Nöte, man kommt ins Gespräch, man knüpft neue Kontakte oder frischt alte wieder auf.

Wenn Juppi Schmitz sagt „die Integration beginnt hier bei uns im Verkaufsraum“, dann spielt er auf die rund 800 Flüchtlinge an, die derzeit im Stadtgebiet ein vorläufiges Zuhause gefunden haben – und die natürlich auch zur Kundschaft der Tafel gehören. Mit der Berechtigungskarte können auch sie zweimal in der Woche bei der Tafel einkaufen.

Es sei schon „bewundernswert“, so Krimhild Witges, wie die ehrenamtlich arbeitenden Frauen trotz des großen Kundenzuwachses durch die Flüchtlinge die vorhandenen Waren „in die Länge gezogen“ haben. Was sie sagen will: Es waren immer genügend Lebensmittel in den Regalen vorhanden, weil die Frauen den Bestand schlau und mit viel Übersicht auf die Kunden verteilt haben. „Ja“, sagt sie, „es herrscht bei unseren Mitarbeitern ein tolles Klima, jeder geht in seiner Arbeit auf. Da sind richtige Freundschaften entstanden.“

In den Räumen am Friedrichs-platz, die von der Stadt als Partner angemietet sind und an die Tafel untervermietet werden („Wir liegen hier zentral in der Stadt, gleichzeitig aber auch diskret ein wenig abseits. Das ist wichtig für unsere Kunden“, sagt Schmitz), hat man jetzt auch genügend Platz, um Kleidung und Haushaltswaren zu deponieren und sie an einem Tag in der Woche Bedürftigen anzubieten.

Natürlich hat Schmitz eine Menge Ideen, wie die Hückelhovener Tafel, die im Stadtgebiet übrigens im Evangelischen Gemeindezentrum in Baal am Hackeberg 55 (Ausgabe dort freitags von 15 bis 16 Uhr) eine Nebenstelle betreibt, sich den stetig wachsenden Anforderungen anpassen kann.

„Wichtig ist jetzt zunächst einmal, dass wir Ehrenamtler finden, damit wir die Nebenstelle in Wassenberg aufrecht erhalten können“, sagt er. Aber er hat noch andere Dinge im Kopf, die die Tafel in Zukunft ihre Angebotspalette aufnehmen könnte: Kochkurse zum Beispiel, oder Hausaufgabenhilfe oder auch Deutschkurse für die Flüchtlinge. „Es gibt so viele Möglichkeiten“, sagt Juppi Schmitz. „Wir werden das Stück für Stück angehen“.

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