Die Flucht verbindet: Bernhard Rehaag erinnert sich

Von: Monika Baltes
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Landete nach dem Krieg zuerst im Aufnahmelager in Tüschenbroich und dann in Wildenrath: Bernhard Rehaag, der 1934 in Masuren geboren wurde. Foto: Monika Baltes
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Bild aus Kindertagen: Bernhard Rehaag mit seinen Schwestern Agnes und Rosemarie. Repro: Monika Baltes

Wegberg-Wildenrath. Ein leicht verblasstes Heiligenbild in Pastellfarben hängt eichengerahmt über der Wohnungstür von Bernhard Rehaag in Wildenrath. Jesus, klopfend an eine Tür. „Siehe ich stehe vor der Türe und klopfe an!“ Mit Ausrufezeichen.

Interessiert hat Bernhard Rehaag die Diskussionen um die Flüchtlingsunterbringung in Wegberg verfolgt, denn die Standorte Tüschenbroich und Wildenrath spielen auch in seiner Lebensgeschichte eine entscheidende Rolle. Eine Lebensgeschichte, die eine Flüchtlingsgeschichte ist.

Bernhard Rehaag wurde 1934 im katholischen Ermland in Masuren geboren. Mit zehn Jahren war er zum ersten Mal auf der Flucht vor der Ostfront, kehrte bei Kriegsende nach Masuren zurück. Er war 13, als er – wieder als Flüchtling – in diesem Güterwaggon kauerte, der ihn in die russische Zone nach Thüringen bringen sollte. „1947 hatte Mutter die polnische Staatsbürgerschaft abgelehnt, weil sie wusste, dass Vater in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Frankfurt war.“

Wenn er heute davon erzählt, hört sich das Wort „vertrieben“ wie ein Seufzer an. Kartoffeln haben sie geklaut, seine Mutter, seine drei Geschwister und er, um zu überleben und um Fahrkarten in die amerikanische Zone zu kaufen. „Eineinhalb Fahrkarten für vier Personen, für mehr reichte das Geld nicht“, erinnert er sich an das waghalsige Unterfangen. Die Kinder mussten, sobald ein Schaffner das Abteil betrat, raus auf das äußere Trittbrett – bei fahrendem Zug.

Ein paar Mal hat er dort gestanden auf dem Weg zu seinem Vater. Hat das Rattern der Zugräder unter seinen Füßen und den Fahrtwind im Gesicht gespürt, hat sich verzweifelt festgehalten. Bis die Angst so groß wurde, dass er nicht mehr rauswollte – und prompt erwischt wurde. Durch die Nachzahlung kamen sie völlig blank in Frankfurt an, die 25 Kilometer zum Vater nach Kilianstädten sollten ein Fußweg werden. Freundliche ältere Damen hatten Mitleid und schenkten kurzerhand das Reisegeld. Ihren Vater fanden sie bei einem Bauern, der gleichzeitig Gastwirt und Kinobesitzer war.

Glückliches Ende einer langen Reise? „Nein, wir waren ja schwarz geflüchtet, ohne Registrierung und Aufenthaltsgenehmigung.“ Er hat ein wenig Mühe, die Stimme zu halten, als er sagt: „Wir waren ja niemand – ohne Papiere.“ Ein Auffanglager für Flüchtlinge in Wipperfürth sollte diesen Umstand beheben. „Lügen mussten wir, wir seien erst diese Nacht geflüchtet, obwohl wir schon seit Wochen unterwegs waren.“ Endlich gab es die Papiere, die nötig waren – „wir waren wieder wer!“

Erst Feinde, dann Freunde

Dann erfolgte die Zuteilung an den Kreis Erkelenz. So landete die Familie – immer noch ohne Vater – in einem Aufnahmelager in Tüschenbroich, im Raum einer Gaststätte gegenüber der Kirche. Da, wo das Haus Janske steht, in dem demnächst wieder Flüchtlinge leben sollen.

„Alles wiederholt sich…“, schüttelt Bernhard Rehaag verständnislos den Kopf. Auf dem Boden haben sie geschlafen, beim Bauern nebenan um Nahrungsmittel gebettelt.

Der nachgereiste Vater hat dann in Wildenrath bei einem Bauern eine Anstellung gefunden, und für Bernhard und seine Geschwister begann wieder so etwas wie ein normales Leben. „Polacken“, seien sie verächtlich genannt worden, mit dem niederrheinischen Dialekt hätten sie so ihre Schwierigkeiten gehabt, aber sie seien wieder zur Schule gegangen. Zu der Schule gleich neben dem Jugendheim in Wildenrath, das demnächst wieder Flüchtlinge beherbergen soll. Alles wiederholt sich…

„Schlagkräftig“ habe er sich auf dem Schulhof manchmal messen müssen mit den „starken Einheimischen“ und sei Mitglied der Fußballmannschaft geworden. So seien aus Feindschaften bald Freundschaften geworden, „aber man blieb ja immer irgendwie ein Fremder, einer, der von ganz woanders herkam“. Verstohlen wischt er ein paar Tränen weg.

Seitdem lebt Bernhard Rehaag mit seiner Frau in Wildenrath. „Heimat“, sagt er „das ist da, wo man geboren wurde, aber auch da, wo man die Liebe fand, da, wo die Kinder geboren wurden.“ Drei Kinder sind in Wildenrath aufgewachsen.

Lediglich eine Fotokopie

„Nein, wir gehen nicht richtig mit den Flüchtlingen um – um Gottes willen!“ Empörung steigt in die Stimme. „Ich bin froh, dass sie aufgenommen werden, mir ist jeder willkommen.“ Über das „Wie“ würde er sich aber gerne streiten mit den Mächtigen der Weltpolitik.

So voll sein Kopf ist mit Erinnerungen an die Flucht – für seine Familie hat er ein Buch darüber geschrieben – so leer sind die Schatullen. Die Fotokopie eines Bildes von 1948 ist ihm geblieben. Es zeigt seine Schwestern Agnes und Rosemarie und ihn, einen hübschen Jungen mit ernstem Gesicht, vor der Tür der Schule in Wildenrath. Und das Heiligenbild im Flur. Seine Mutter bekam es 1942 in der Kirche der damaligen Heimat in Korschen/Masuren. „Es hat uns auf Flucht und Vertreibung begleitet und soll uns hier im Haus beschützen!“

Auch mit Ausrufezeichen.

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